Projekt "Vera" Rentner, die Azubis retten

Afghanistan-Flüchtling Peyman macht in Hamburg eine Ausbildung. Er mag den Job, sein Chef ist zufrieden. Trotzdem droht der 22-Jährige zu scheitern - sein Deutsch ist zu schlecht. Ein ungewöhnliches Projekt verspricht Hilfe.

"Burgerschaft" - "Nein, Bürgerschaft": Die ehrenamtliche Mentorin Elfriede Pohle-Raju unterstützt Peyman beim Lernen.
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"Burgerschaft" - "Nein, Bürgerschaft": Die ehrenamtliche Mentorin Elfriede Pohle-Raju unterstützt Peyman beim Lernen.

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Farbton A 3,5. Oben weiß, fast transparent, nach unten hin gelblich.

Peyman E. vergleicht den Zahn, den er geformt und mit Keramik überzogen hat, mit dem Muster. Zu dunkel. Zu gelb. Im Gebiss eines Patienten würde die Krone auffallen.

"Die richtige Zahnfarbe zu treffen", sagt Heino Hauschild, der Zahntechnikmeister und Inhaber der Werkstatt, "ist immer das Schwierigste. Das schaffen die meisten erst ganz am Ende der Ausbildung."

Schwierig ist für den Azubi im Moment vor allem: die Sprache. Vor fünf Jahren floh Peyman, der hier nur mit Vornamen genannt werden möchte, aus Afghanistan, ohne Eltern oder Verwandte. Damals war er 17. Er kam in Hamburg an, ohne ein Wort Deutsch zu verstehen. In einer Flüchtlingsklasse machte er im Schnelldurchgang einen Schulabschluss.

Acht Bewerbungen um einen Ausbildungsplatz schrieb er dann. Sechs Betriebe antworteten gar nicht, einer sagte ab. Herr Hauschild sprach auf den Anrufbeantworter in Peymans Jugendwohngruppe, dessen Betreuerin kam mit zum Vorstellungsgespräch.

Er ist gut, doch wer hilft mit der Sprache? Zahntechnikmeister Hauschild mit Azubi Peyman
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Er ist gut, doch wer hilft mit der Sprache? Zahntechnikmeister Hauschild mit Azubi Peyman

Jetzt droht die Ausbildung zu scheitern, weil Peymans Deutschkenntnisse nicht ausreichen. Ausbilder Hauschild hat zwar kein Problem damit, seinem Lehrling die Dinge mehrfach zu erklären, notfalls mit Händen und Füßen. In der Berufsschule funktioniert das allerdings nicht. Peyman hat Vieren und Fünfen. In der Berufsausbildung, die Bildungspolitiker gern als international vorbildlich loben, droht der Flüchtling aus Afghanistan unterzugehen.

Ein Viertel aller Ausbildungsverträge werden laut Berufsbildungsbericht vorzeitig aufgelöst, viele der Jugendlichen bringen auch danach keine andere Ausbildung zu Ende. Migranten scheitern besonders häufig. Insgesamt sind 1,4 Millionen junge Menschen zwischen 20 und 29 Jahren ohne Berufs- oder Hochschulabschluss. Zu viele.

Das Bundesbildungsministerium setzt nun auf ehrenamtliche Helfer. Seit 2008 fördert es das Coaching-Programm "Vera", kurz für: "Verhinderung von Ausbildungsabbrüchen". Die Mentoren sollen Nachhilfe geben, motivieren, Behördengänge begleiten oder bei Problemen im Betrieb vermitteln. In diesem Jahr wurde die Förderung aufgestockt: Bis 2018 fließen weitere 11,5 Millionen Euro in das Projekt. In diesen Tagen soll bereits das 5000. Tandem aus Azubi und ehrenamtlichem Begleiter zusammengestellt werden. Pro Jahr will die Initiative künftig bis zu 3000 Jugendlichen erreichen, deutlich mehr als bisher.

Nur: Können Freiwillige wirklich auffangen, was Berufsschule und Betrieb nicht schaffen?

Jeden Freitag treffen sich Elfriede Pohle-Raju und Peyman
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Jeden Freitag treffen sich Elfriede Pohle-Raju und Peyman

Am Freitag nach Ausbildungsschluss sitzt Zahntechnik-Lehrling Peyman in den Räumen eines Hamburger Bildungsanbieters. Elfriede Pohle-Raju, Rentnerin, geht mit Peyman den Stoff durch, Hausaufgaben im Fach Politik. Sie hält den Finger auf die Zeile. Peyman liest.

"Das Parlament in Hamburg heißt Burgerschaft."

"Bürgerschaft."

Klassenarbeiten, hat Peyman erzählt, seien eine Katastrophe. Immer wieder müsse er aufstehen und nach vorn zum Lehrer gehen, weil er den Aufgabentext nicht versteht. Die anderen spielen schon mit dem Kugelschreiber, während Peyman mittendrin festhängt. Ein Wörterbuch dürfe er nicht benutzen, sagt er, Nachhilfe für Nichtmuttersprachler gibt es an der Schule nicht.

Irgendwann hat sich die Schule im Betrieb gemeldet: Herr Hauschild, das könnte knapp werden mit Ihrem Lehrling. Es gab ein Krisentreffen, mit Hauschild, mit einem Vertreter der Handwerkskammer, mit Peyman.

Eigentlich bräuchte Peyman einen Intensivkurs Deutsch, sagte jemand von der Kammer.

"Wie soll ich das bezahlen?", sagte Peyman.

Schließlich schlug jemand "Vera" vor.

Mehr als 2000 Mentoren hat die Initiative bisher geschult; viele der Ehrenamtlichen sind im Ruhestand, so wie Pohle-Raju, die früher unter anderem die hauswirtschaftliche Abteilung eines Seniorenheims geleitet hat. Zwischen Mentor und Azubi liegen oft Welten.

Elfriede Pohle-Rajus Erfahrungen als Ausbildungsbegleiterin sind gemischt. Einmal hatte sie einen Azubi mit einer Aufmerksamkeitsstörung, ein Problemfall, an keinen Termin habe der sich gehalten. "Den habe ich wieder abgegeben", sagt sie. "Wir sind ja nicht geschult dafür."

In einer Befragung der Universität Hannover berichten viele der ehrenamtlichen Mentoren von solchen Erlebnissen. Zwei Drittel aller Ausbildungsbegleitungen, heißt es in einer Evaluationsstudie aus dem Jahr 2013, verliefen zwar erfolgreich - wie auch immer die Beteiligten den Erfolg definieren. Je höher der Schulabschluss der Jugendlichen, desto eher klappt das Mentoring. Das heißt aber auch: Diejenigen, deren Ausbildungserfolg besonders gefährdet ist, die eine Begleitung also am meisten benötigen, sind auch für die Mentoren am schwierigsten zu erreichen.

Notizen über Notizen: Peyman, 22, muss nicht nur das Handwerk lernen, sondern auch die Sprache.
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Notizen über Notizen: Peyman, 22, muss nicht nur das Handwerk lernen, sondern auch die Sprache.

Fast die Hälfte aller Tandems wird einseitig vom Azubi oder vom Mentor beendet; 26 Prozent scheitern nach Angaben der Initiative sogar ganz. Die Jugendlichen gehen dann zum Beispiel nicht mehr ans Telefon. Manchmal stimmt die Chemie auch einfach nicht.

Peyman ist kein schwieriger Klient, er ist froh über seine Ausbildung. Inzwischen, sagt er, achte er sogar bei den Leuten in der U-Bahn auf die Zahnfarbe: A 3,5? Oder B1? Im Betrieb schreibt der Lehrling die vielen fremden Wörter in seinen Block. Besucht man ihn in der Werkstatt, zeigt er stolz alle Geräte. Den Ofen. Die Poliermaschine. Und den "Rückler", in dem die Gipsmischung durchgeschüttelt wird. "Rüttler", verbessert ein Kollege. "Wie rütteln."

Trotzdem, sagt Elfriede Pohle-Raju, die Mentorin, hätten sie Zeit gebraucht, um zueinander zu finden. "Peyman war sehr verschlossen." Die Flucht aus Afghanistan, seine Familie - sie hatte viele Fragen an diesen jungen Mann aus einem so anderen Land, aber Peyman wollte nicht davon erzählen.

Jetzt schweigen sie darüber und üben jeden Freitag mit den Arbeitsblättern aus der Berufsschule. Im nächsten Jahr will Peyman den Abschluss schaffen.

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insgesamt 32 Beiträge
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Trainspotter 24.05.2015
1. Förderung
In Deutschland wird so viel Geld verschleudert. Hier wäre es mal angebracht in die Asylanten zu investieren. Bei Leute wie Peyman, der motiviert ist, sollte man ihm einen Intensiv Deutschkurs bezahlen, damit er sich integrieren und seine Ausbildung abschließen kann. Immer wird von Integration geschwafelt, aber ohne Sprache ist die eben einfach nicht möglich. Wer sich engagiert, sollte auch die dafür nötigen Mittel bekommen!
spebo 24.05.2015
2.
Wie wäre es denn, sich um die ausgebrannten Veteranen zu kümmern, die in Peymanns Heimat dafür ihr Leben riskiert haben, dass er gar nicht erst her kommen muss? Vielleicht wäre da ein Mentoring eher angebracht!
moorkind 24.05.2015
3. VERA - Mitarbeiter
sind in der Regel ehemalige Berufsschulleher.
uetchen 24.05.2015
4. Die Idee von freiwilligen Helfern...
...zum Erlernen der deutschen Sprache ist ja an sich gut und verdient grosse Anerkennung sowohl für die Helfer als auch für motivierte und lernwillige Asylbewerber. Was die Politik in ihrem Elfenbeinturm nicht auf die Reihe kriegt, machen Freiwillige sicher ohne große Bürokratie und eben auch ohne Bezahlung. Seltsam scheint jedoch der Widerspruch, dass einwanderungsfreundliche Stimmen in diesem Land (Refugees welcome), die in jedem Flüchtling eine potentielle Fachkraft sehen, jedoch fehlende Sprachkenntnisse als erste Voraussetzung für jeglichen Job vernachlässigen. Daher gehört es nun mal dazu, vor Beginn einer Berufstätigkeit oder einer Ausbildung einen Deutsch-Intensivkurs zu absolvieren und dieser muss eben auch zwangsläufig vom Staat (oder vom Arbeitgeber) finanziert werden, da nützt alles Jammern nichts. Dem jungen Zahntechniker-Azubi Payman kann man nur wünschen, dass er seine Ausbildung erfolgreich abschließt und sein Deutsch verbessert. Nicht alle sind so motiviert wie er.
Erythronium2 24.05.2015
5. Schulabschluss ohne ausreichende Deutschkenntnisse?
Für mich stellt sich im genannten Fall eher die Frage, wie der junge Mann überhaupt einen Schulabschluss schaffen konnte, wenn sein Deutsch nicht für die Berufsschule reicht. Die Vermittlung von Deutschkenntnissen wäre meines Erachtens die wichtigste Aufgabe der Schule gewesen, an der er den Schulabschluss gemacht hat, eventuell ebenfalls mit ehrenamtlicher Begleitung.
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