Sparmaßnahme Kultusbehörden entlassen Lehrer während der Ferien

Zum Ferienbeginn werden viele Aushilfslehrer arbeitslos. Manche Länder setzen sie mit dem letzten Unterrichtstag auf die Straße - auch wenn klar ist, dass die Schulen sie nach den Ferien wieder brauchen. Was ist da los?

Ferien? Ja - aber ohne Job und ohne Gehalt
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Ferien? Ja - aber ohne Job und ohne Gehalt

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Die Noten sind vergeben, die Zeugnisse geschrieben, die Schüler verabschiedet. Und Natalie Allmendinger verbringt wieder einmal den ersten Ferientag beim Arbeitsamt. Eine Nummer ziehen. Formulare ausfüllen. Warten. Es ist der dritte Sommer, in dem die 29-jährige Lehrerin aus Esslingen bei Stuttgart ohne Job und ohne Gehalt ist. "Das ist niederschmetternd", sagt sie.

Jedes Jahr zum Ferienbeginn schnellen die Arbeitslosenzahlen bei den Lehrern in die Höhe: Im vergangenen August waren 11.100 Pädagogen ohne Job, deutlich mehr als in den Monaten zuvor, ein Höchstwert im Vergleich zu den Vorjahren. Das zeigt eine aktuelle Auswertung der Arbeitslosenstatistik, die die Bundestagsfraktion der Linkspartei kürzlich bei der Regierung erfragt hat. (Hier finden Sie die Daten) Durchschnittlich waren dagegen im vergangenen Jahr 6100 Lehrer arbeitslos gemeldet.

Dass im Sommer mehr Pädagogen arbeitslos gemeldet sind als in den übrigen Monaten des Jahres, ist zunächst nicht verwunderlich. Wer seinen Lehrerjob aufgibt oder die Schule wechselt, wird dies in der Regel zum Ende des Schuljahres tun. Doch die Sommerarbeitslosigkeit unter Lehrern fällt zu extrem aus, als dass sie allein darauf zurückgeführt werden könnte.

Viele Kultusbehörden schicken ihre Lehrer bewusst in die Arbeitslosigkeit, sagt zum Beispiel der Linken-Abgeordnete Klaus Ernst: "Da wird Tausenden Lehrerinnen und Lehrern jedes Jahr eine feste Anstellung vorenthalten, nur um für ein paar Wochen Gehälter zu sparen."

In Rheinland-Pfalz ist der Mainzer "Allgemeinen Zeitung" zufolge im vergangenen Schuljahr die Hälfte der Lehrer mit Vertretungsvertrag über die Ferien nicht bezahlt worden. Sparen sei nicht das Ziel, beteuert ein Ministeriumsvertreter gegenüber der Zeitung zwar; Geld gibt es demnach aber nur für die Aushilfspädagogen, bei denen definitiv absehbar ist, dass sie auch über den Sommer hinaus eingesetzt werden müssen.

Besonders verbreitet ist die Entlassung am letzten Schultag offenbar in Baden-Württemberg, wo Natalie Allmendinger unterrichtet. Die Zahl der arbeitslosen Lehrer steigt im Südwesten während der Sommermonate sehr viel steiler an als in anderen Bundesländern.

Allmendinger war zuletzt an einer Förderschule in Stuttgart als Elternzeitvertretung eingesprungen. Die Kollegin kehrt zwar erst im Januar zurück, dennoch bekam Allmendinger nur einen Vertrag bis zu den Sommerferien. Einen Sinn kann die Lehrerin darin nicht erkennen. Aus dem Kultusministerium heißt es zur Begründung, in den Ferien gebe es nun einmal keinen Vertretungsbedarf.

Die Bildungsgewerkschaft GEW ist empört über den Umgang mit Aushilfslehrern. "Die meisten werden ab September wieder am Lehrerpult benötigt, werden aber trotzdem von der Landesregierung in die Arbeitslosigkeit geschickt", sagt die baden-württembergische Landesvorsitzende Doro Moritz. Die GEW-Chefin fordert für ihr Bundesland einen Pool festangestellter Aushilfslehrer. Vertretungskräfte würden wie pädagogische Saisonarbeiter behandelt, bemängelt sie.

Dabei dürfte das Problem sogar größer sein, als es die offiziellen Arbeitslosenzahlen nahelegen. Der Grund: Wer Arbeitslosengeld erhalten will, muss in der Regel ein Jahr durchgängig angestellt gewesen sein und in die Versicherung eingezahlt haben. Aushilfslehrer mit Verträgen bis zum letzten Schultag erfüllen diese Voraussetzung meist nicht. Natalie Allmendinger hätte in der Ferienzeit daher allenfalls Hartz 4 bekommen können - wenn sie denn arm genug wäre.

Auch viele Junglehrer ohne Stelle meldeten sich nach ihrem Referendariat nicht arbeitslos, vermutet die GEW. Während der Ausbildung arbeiten sie als Beamte auf Widerruf - mit der Folge, dass das Land, wie bei Beamten üblich, für sie nicht in die Arbeitslosenversicherung einzahlt. Nach dem Referendariat haben Junglehrer somit keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld. Wer keine Stelle findet, muss Hartz 4 beantragen.

Die GEW geht davon aus, dass in diesen Wochen rund 10.000 Lehrer allein in Baden-Württemberg arbeitslos geworden sind. Gut 7000 Referendare und 3000 Vertretungslehrer wären nach Berechnung der Bildungsgewerkschaft von der Arbeitslosigkeit betroffen. Zum Vergleich: Offiziell bei den Arbeitsagenturen gemeldet waren im vergangenen Jahr um diese Zeit lediglich knapp 2000 Lehrer. Viele scheuen offensichtlich den Gang zum Amt.

Natalie Allmendinger hofft indes, dass sie in diesem Jahr zum letzten Mal bei dem Sachbearbeiter im Arbeitsamt in die Ferien gestartet ist. Wenn in Baden-Württemberg im September die Schule beginnt, fängt sie als verbeamtete Lehrerin im Allgäu an. Die Zeit ohne Job und Arbeitslosengeld nutzt sie für den Umzug.

Wie viel Geld bekommen Lehrer?
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    Ich bin Lehrer, und so viel verdiene ich: Tom Erdmann bezeichnet sich als Gutverdiener - trotzdem streikt er für mehr Gehalt. Warum? Hier verraten angestellte Lehrer, was sie verdienen. -. mehr...
Lehrergeständnisse
  • Corbis
    Schulalltag ist manchmal Kampf, manchmal großer Spaß: Hier berichten Lehrer von absurden Erlebnissen mit Eltern und Schülern - und wie sie diese manchmal gekonnt überlisten. Sind Sie selbst Lehrer? Dann melden Sie sich gern bei uns unter spon_unispiegel@spiegel.de (Mit einer Einsendung erklären Sie sich mit einer anonymen Veröffentlichung auf SPIEGEL ONLINE und sämtlichen anderen Medien der SPIEGEL-Gruppe einverstanden.) Hier geht's zu den Lehrergeständnissen.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
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Seite 1
elizar 10.08.2015
1. Nichts Neues ...
Aber gut, dass diese Ungerechtigkeit hin und wieder medial ins Bewusstsein gerufen wird.
fruehling83 10.08.2015
2. Wer soziale Berufe ausübt,
hat in diesem Land die A-Karte gezogen. und dummerweise trifft es die "Guten". Besser wäre es z.B. Bänker oder Landwirt zu sein: da gibt es satte Prämien. Bei den letzteren ohne echte Gegenleistung. Eigennutz geht in dieser Gesellschaft eben vor Gemeinnutz. Liebe Erzieher/-innen: lasst EUCH nicht für dumm verkaufen. Ihr könnt ja streiken (was die entlassenen Lehrer nicht können) Und: wo das nicht vorhandene zz. Geld hingeht ist ja klar....Bloß nicht für Kernaufgaben ausgeben sondern für Flugäfen , Opernhäuser und .........
anderermeinung 10.08.2015
3. Die Ferien sind halt zu lang.
Dauerten die Ferien weniger als einen Monat, käme wohl niemand auf die Idee. Aushilfen für einen Ferienmonat braucht man in der Schule nicht. Manche Betriebe stellen dagegen Leute gerade für die Ferienzeit ein, z. B. Studenten. Die betroffenen Lehrerinnen und Lehrer sollten möglicherweise mehr Mobilität zeigen, damit sie in ein Dauer-Arbeitsverhältnis kommen. Dem Vorzug der Teilzeitbeschäftigung bei vollem Lohn stehen halt auch Nachteile gegenüber.
warlock2 10.08.2015
4. Entlassen über Sommerpause!
Können wir unsere Minister auch über die Sommerpause entlassen?
bloßmolwassage 10.08.2015
5. Wie groß
wäre wohl das Geschrei landauf, landab, würden Daimler, BMW, VW usw. zu Beginn der Werksferien ähnlich verfahren?
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