Ausländische Lehrer Exoten im Klassenzimmer

Lehrer aus Zuwandererfamilien sind noch immer eine Ausnahme an deutschen Schulen. Dabei werden sie dringend gebraucht - als Rollenvorbilder, Übersetzer und Vertraute. Schaffen sie den Einstieg, leiden sie häufig unter dem Spagat zwischen Herkunft und Beruf.

Von Yasemin Ergin und Moritz Behrendt


Ihr Start in das Berufsleben hätte schlechter kaum sein können. Kaum betrat Nurgül Altuntas das Lehrerzimmer, wurde sie von einem Kollegen zurechtgewiesen: "Das ist hier das Lehrerzimmer. Du musst raus!" Als Altuntas erklärte, dass sie die neue Referendarin sei, stutzte ihr Gegenüber und fragte verdutzt: "Du bist Referendarin?"

Muslimische Mädchen in Mannheim: Rollenvorbilder fehlen
DPA

Muslimische Mädchen in Mannheim: Rollenvorbilder fehlen

Auf die Idee, seine neue Kollegin zu siezen, kam er nicht. Das Referendariat in Frankfurt hat Altuntas inzwischen abgeschlossen, seit 2003 unterrichtet sie an der Gesamtschule Aarbergen-Michelbach in der Nähe von Wiesbaden. Noch immer nähmen viele ältere Kollegin sie in erster Linie als "rassige, impulsive Exotin" wahr und nicht in ihrer Funktion als Lehrerin für Geschichte, Französisch und Ethik, beklagt Altuntas.

Knapp ein Viertel aller in Deutschland geborenen Kinder stammt aus Zuwandererfamilien. Lehrer mit diesem Hintergrund sind jedoch noch immer die große Ausnahme. Bei der Vorstellung des Ausländerberichts im vergangenen Jahr monierte die damalige Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Marie-Luise Beck, dass an Schulen unterdurchschnittlich viele Lehrer mit Migrationshintergrund unterrichteten.

Nur zwei Prozent Bildungsinländer im Lehramtsstudium

Diejenigen, die bereits an einer Schule sind, fallen zum Großteil in die Kategorie der ausländischen Lehrkräfte. Diese Lehrer mit einem Examen aus ihrem Heimatland sind den deutschen Lehrern nicht gleichgestellt. In den meisten Fällen dürfen sie lediglich ihre Herkunftssprachen unterrichten, oft sind sie in den Lehreralltag nur bedingt integriert.

Mehr reguläre Lehrerinnen und Lehrer aus Zuwandererfamilien einzustellen, gehört zu den zentralen Forderungen vieler Bildungspolitiker - erst recht nach dem Offenbarungseid der Berliner Rütli-Hauptschule (siehe Kasten). Diese Lehrer könnten eine Vorbildfunktion einnehmen, sie wären häufig eher in der Lage, die Wünsche, Sorgen und Ängste von ausländischen Familien nachzuvollziehen.

Wie viele ausländische Lehrer bereits an deutschen Schulen unterrichten, ist statistisch nicht genau erfasst. Wer in Deutschland als Lehrer verbeamtet werden will, benötigt die deutsche Staatsangehörigkeit. Ob ein Zuwanderer seinen deutschen Pass bei der Geburt oder später erworben hat, ist kaum zu ermitteln.

Nur 3,3 Prozent der Studenten an deutschen Hochschulen sind sogenannte Bildungsinländer - Menschen, die in Deutschland das Abitur gemacht haben, aber keine deutschen Staatsbürger sind. Noch weniger Bildungsinländer streben das Lehramt an, gerade jeder fünfzigste angehende Lehrer ist ein Bildungsinländer.

Vorbild oder Verbündete?

Nurgül Altuntas soll so vieles zugleich sein, Vorbild, Vermittlerin, Vertrauensperson, nicht selten auch Übersetzerin - sie wurde sogar schon gebeten, der Putzfrau zu erklären, wo sie denn zu putzen habe.

Gerade für einige türkische Schülerinnen ist sie ein Vorbild, doch manche sehen in ihr in erster Linie eine Verbündete. "Frau Altuntas, Sie kennen das doch. Bei uns in der Türkei ist das halt so." Solche Sätze mag sie nicht mehr hören, insbesondere dann, wenn es um menschenverachtende Traditionen geht. Kürzlich nahm sie im Ethik-Unterricht einen Text über die sogenannten Ehrenmorde durch. Ein Schüler, so berichtet die Lehrerin schockiert, habe gesagt, er würde seine Schwester sofort umbringen, wenn sie die Familienehre beschmutzen würde. In der Türkei sei das eben so.

Altuntas vermutet, dass sich der Schüler eine solche Aussage bei einem deutschen Lehrer nicht geleistet hätte. Toleranter als andere Lehrer sei sie nicht, betont die türkischstämmige Lehrerin. Dennoch erwarten türkischsprachige Schüler oft von ihr, dass sie nachsichtiger mit ihnen umgeht. Eine Haltung "Sie ist ja eine von uns, also wird sie uns besseren Note geben" sei besonders bei türkischen Jungs verbreitet.

Dass sie Grenzen ziehen muss, erlebt Nurgül Altuntas auch im Umgang mit den Eltern: Die türkischen Eltern eines ihrer Schüler fand sie sehr sympathisch. Schnell war man beim "Du" angelangt. Das Problem: Die Leistungen des Sohnes in der Schule hatten zuletzt stark nachgelassen. Er sei zwar pfiffig, aber ungeheuer faul und allzu streitlustig, monierte die Lehrerin. Die Eltern wollten das aber nicht wahrhaben und beschuldigen Altuntas, ihren Sohn besonders hart zu behandeln, gerade weil sie ihn so möge.

Nachgeben an der falschen Stelle

Dieser Konflikt war Altuntas eine Lehre: "Das Du hätte ich nicht anbieten dürfen", sagt sie nun. Zwar freue sie sich weiterhin, wenn türkische Eltern sie an ihrem Geburtstag anrufen, doch sieht sie auch die Gefahr, von den Eltern vereinnahmt zu werden.

Ortswechsel - an der Gesamtschule Kirchdorf im Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg erreicht der Anteil an Schülerinnen und Schülern aus Migrantenfamilien 62 Prozent, in einzelnen Klassen sogar bis zu 90 Prozent. Auf dem Pausenhof stehen Mädchen in Grüppchen herum und schwatzen, einige von ihnen tragen elegant geschlungene Kopftücher, die farblich perfekt auf den Lidschatten und die Kleidung abgestimmt sind. Deutsche Schüler oder Schülerinnen sieht man nur wenige, und diese hauptsächlich in den jüngeren Altersstufen.

Mädchen mit Kopftuch würden manchmal bevorzugt, entrüstet sich die Neuntklässlerin Shiela, deren Vater aus Bosnien stammt. Sie selbst sei nicht muslimisch, betont das blonde Mädchen mit Nachdruck, sie habe es sich aussuchen können und sich dagegen entschieden. Viele ihrer muslimischen Mitschülerinnen benutzten ihre Religion als Ausrede: "Dann heißt es 'Ich kann das und das nicht machen wegen meines Glaubens', und die Lehrer haben Verständnis." Besonders oft komme dies im Sportunterricht vor.

"Deutsche Lehrer fallen ständig auf die Ausreden der muslimischen Mädchen rein", klagt das Mädchen. Die wenigen muslimischen Lehrer, die es gibt, würden die Motive der Schülerinnen besser durchschauen. Ghanatta Ayarec, ein aus Ghana stammender muslimischer Lehrer, ist anderer Meinung. "Alle Lehrer an unserer Schule kennen sich mit dem Islam aus und haben genau das richtige Maß an Toleranz und Verständnis", findet Ayarec.

Es gebe kaum Probleme, da religiöse Einschränkungen zumeist respektiert würden. Eigentlich habe Religion an Schulen nichts zu suchen, aber "fast 90 Prozent unserer Schüler sind muslimisch, was sollen wir da machen, wir müssen Rücksicht nehmen". Die Schule habe das jedoch gut im Griff, beispielsweise lege die Schulleitung Klausurtermine so, dass sie nicht in den Ramadan fallen.

Der 13-jährige Zerrin findet es gut, dass es einige türkische Lehrer an seiner Schule gibt. "Man fühlt sich irgendwie doch aufgehobener, wenn man weiß, dass es ein paar Lehrer gibt, die an die gleichen Dinge glauben wie wir."



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.