Auslaufmodell Orientierungsstufe Nun ist sie weg

Was Experten nach Pisa und Iglu fordern, gibt es in Niedersachsen längst: eine gemeinsame Schulzeit für alle Schüler bis zur sechsten Klasse, keine frühe Auslese. Dennoch wird die umstrittene Orientierungsstufe von der CDU verklappt - Abschied von einem längst gescheiterten Experiment oder Rolle rückwärts in die fünziger Jahre?

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Schülerprotest (in Hannover): Früh trennen sich künftig die Wege
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"Bildungsgeschichte" werde mit der Verabschiedung des neuen niedersächischen Schulgesetzes geschrieben, posaunte Kultusminister Bernd Busemann (CDU) am Mittwoch. An einem Kapitel haben Angela und Lina Bruns gewissermaßen mitgeschrieben. Angela Bruns gehörte zum ersten Schülerjahrgang, der 1973 in Niedersachsen die Orientierungsstufe besuchte. Die Schulzeit hat sie längst hinter sich. Aber ihre elfjährige Tochter Lina setzt die Familientradition fort: Sie zählt zu den letzten Schülerinnen der OS, ebenfalls im kleinen Ort Edewecht nahe Oldenburg, an der gleichen Schule - und die Tochter hat die selbe Klassenlehrerin, die früher schon ihre Mutter unterrichtete.

Die Orientierungsstufe ist eine eigenständige Schulform und bisher eine niedersächsische Spezialität: Nach der Grundschule besuchen alle Schüler zusammen die fünfte und sechste Klasse. Unterrichtet wird im Klassenverband, nur in den Kernfächern Mathematik, Deutsch und erster Fremdsprache gibt es A-, B- und C-Kurse nach Leistungen der Schüler.

Erst nach der sechsten Klasse fällt die Entscheidung über die weitere Schullaufbahn - zwei Jahre später also als beim herkömmlichen, dreigliedrigen Schulsystem. Mit solchen Modellen experimentierten viele Länder in den siebziger Jahren. In Berlin und Brandenburg gibt es sechsjährige Grundschulen, in Hessen eine Mischform. Schulformunabhängige Förderstufen haben auch Sachsen-Anhalt und der kleine Stadtstaat Bremen, wo SPD und CDU die Orientierungsstufe aber kippen wollen.

Scharfe und frühe Trennung nach Begabung

Auch in Niedersachsen wird die umstrittene Orientierungsstufe nach 30 Jahren jetzt abgeschafft. Angela Bruns indes weiß darüber nichts Negatives zu sagen. Im Gegenteil: "Nach der kleinen Dorfschule war die deutlich größere OS mit ihren jungen, flotten Lehrern für mich eine regelrechte Befreiung", erzählt sie; auch Tochter Lina fühle sich dort wohl. Die Aufteilung auf Gymnasium, Real- oder Hauptschule bereits nach der vierten Klasse komme "einfach zu früh", meint die 38-jährige Landschaftsgärtnerin: "Grundschüler sind für eine so wichtige Entscheidung noch zu verspielt und Sechstklässler schon viel reifer. Im Alter von zwölf Jahren können sie bereits ein Wörtchen mitreden, falls die Eltern nicht zu ehrgeizig sind und ihr Kind unbedingt aufs Gymnasium schicken wollen."

Minister Busemann: "Historischer Moment"
DDP

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Die Einschätzung von Angela Bruns teilen auch viele Bildungsexperten. Wilfried Bos wertet die häufig falschen Schulempfehlungen der Lehrer nach der vierten Klasse gar als "bildungspolitischen Skandal". Bos leitete den deutschen Teil der Internationalen Grundschul-Lese-Untersuchung mit dem einprägsamen Kürzel Iglu und war angenehm überrascht, dass deutsche Grundschüler weit besser abschnitten als bei der Pisa-Studie. Umso härter geht der Hamburger Wissenschaftler mit der Mittelstufe ins Gericht: "Da läuft in Deutschland irgendetwas schief."

Kein anderes Land - Österreich ausgenommen - sortiert die Schüler so früh wie Deutschland; Pisa-Primus Finnland hält, wie fast alle anderen Staaten mit guten Ergebnissen, Schüler möglichst lange in einem gemeinsamen Klassenlverband. Und mit ihren Empfehlungen für die weiterführende Schule lägen deutsche Lehrer viel zu oft daneben, moniert Wilfried Bos: "Schüler, die gerade einmal ein paar Sätze lesen und verstehen, bekommen eine Gymnasialempfehlung, während sehr gute Leser auf der Hauptschule landen", grollte er in einem Interview mit der "Zeit". Und dass die Fehlplatzierungen am Votum der Eltern lägen, beurteilt der Forscher als "Märchen, das von Lehrern gern erzählt wird".

Schluss mit Niedersachsens Sonderweg

Iglu-Studie: Deutsche Schüler im internationalen Vergleich
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Eigentlich müsste das niedersächsische Modell die Prognosesicherheit verbessern, weil die Lehrer und Schüler zwei Jahre mehr Zeit haben und auch "Spätzünder" sich besser entwickeln können. Eigentlich kommt die Orientierungsstufe auch den Forderungen von Wissenschaftlern entgegen, die sich für eine längere gemeinsame Grundschulzeit einsetzen. Und dennoch fühlte sich kaum ein Abgeordneter zur Verteidigung der OS berufen, als der niedersächsische Landtag durchaus turbulent über das neue Schulgesetz debattierte.

Schulpolitik gilt in Niedersachsen als großes Thema und spielte bei der Niederlage der SPD gegen die CDU bei der letzten Landtagswahl eine bedeutsame Rolle. Pflichtgemäß kritisierte die SPD-Opposition am Mittwoch im Landtag zwar, Niedersachsen falle mit den Strukturänderungen zurück in die fünziger Jahre - ein "Konzept der Einfalt". Aber damit meinten die Sozialdemokraten offenbar mehr die anderen neuen Regeln des Schulgesetzes: das Abitur in 12 statt 13 Jahren, die Einführung des Zentralabiturs und einheitlicher Abschlusstests an Haupt- und Realschulen, die Abkehr von den Gesamtschulen, daneben die Abschaffung der Lernmittelfreiheit.

"Unser Konzept hat allein wegen der Schlichtheit mehr Charme", begründete CDU-Kultusminister Bernd Busemann die Rückkehr zum dreigliedrigen System und sagte zur Orientierungsstufe: "Niemand auch in diesem hohen Haus trauert dieser Schulform wirklich nach." Sie werde abgeschafft, weil sie leistungsstärkere Schüler nicht hinreichend gefordert und leistungsschwache nicht gefördert habe.

Nur bei den Grünen regte sich verhaltener Protest: Durch die frühe Sortierung der Schüler nach Klasse 4 würden Spätentwicklern wichtige Bildungschancen verwehrt, erklärte Schulexpertin Ina Korter und warf der Landesregierung "rein ideologische Weichenstellungen" vor. Sie hält es für "abenteuerlich", schon in der vierten Klasse zu wissen, "wer Handwerker und wer Jurist werden soll".

Unter Ideologieverdacht stehen in der niedersächsischen Debatte beide Seiten: CDU-Bildungspolitiker halten Gesamtschule und Orientierungsstufe für längst gescheiterte Experimente der sozialdemokratischen Reformeuphorie in den siebziger Jahren, als es regelrechte Schulkriege gab, und wollen sie möglichst fix kassieren. Die SPD wiederum fürchtet ein konservatives "Roll back" zu Elitebildung, Vorfahrt für die Gymnasien, mangelnder Durchlässigkeit zwischen den Schulformen.

Lesende Schüler: Leistung, so früh wie möglich
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Zuvor hatte jedoch bereits die SPD-Vorgängerregierung unter Sigmar Gabriel zum Rückzug geblasen und die Orientierungsstufen durch schulformabhängige Förderstufen ersetzen wollen. "Offenbar war es nur ein frommer Wunsch, Schüler mit derart großen Leistungsunterschieden gemeinsam zu unterrichten", räumte Gabriel ein. Die OS habe sich "sozial höchst selektiv" ausgewirkt: "Sie hat die Guten nicht richtig gut gemacht - und die Schlechten nicht besser."

In diesem Jahr wechselt noch ein Jahrgang in die OS, zum letzten Mal. Und für sie soll 204 schon am Ende der fünften statt nach der sechsten Klasse die Entscheidung für die weiterführende Schule fallen. Auf Behörden und Schulen wartet damit ein Kraftakt - sie müssen gleich zwei Jahrgänge auf einmal unterbringen.



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