Austausch-Log Australien Lars geht in die Holzhacker-Leere

Als Lars Ippich, 16, einmal um den Erdball flog, träumte er von der unendlichen Weite des australischen Outback. Er landete auf einer Kuhmilch-Farm und schlug sich beim Holz hacken kräftig auf die Finger. Damit fiel er bei seinem Gastvater durch.


Tschack. Tschack. Tschack. So klingt jemand, der mit einer Axt umgehen kann. Bei mir klang es eher so: Tschack. Tschack. Aua! Das mit dem Holzhacken habe ich noch nicht ganz raus. Kein Wunder, normalerweise mache ich so etwas ja nicht.

Während ich mich über den Holzsplitter in meiner Hand ärgerte, und überlegte, wie ich den da wieder raus bekomme, ließ ich die ersten Tage in Australien Revue passieren. Vor ein paar Wochen hatte ich mich noch gefragt: "Wie wird es wohl werden?" Nun war ich da, am anderen Ende der Welt. Ich hatte eine Reise von über 30 Stunden hinter mir, war dafür aber auch stolze 16.000 km von allem entfernt, was bislang mein Zuhause war. Das war vor mehr als einem Monat.

Statt in Schiffdorf bei Bremerhaven zu wohnen, lebte ich nun auf einer Farm in der Nähe von Shepparton. Noch nie gehört? Kein Wunder. Da gab es nur Kühe, Wellensittiche, Hühner, Hunde, eine Katze und meine beiden Gasteltern Jill und Stuart. Die nächste Großstadt, Melbourne, ist mal eben 180 Kilometer entfernt.

Morgens um fünf raus, um das erste Mal zu melken

Ich war gut beschäftigt: Holzhacken, den Müll sammeln - und dann waren da noch die üblichen, kleinen Handreichungen, die auf einer Farm so anfallen. Morgens um halb acht sprang ich aus dem Bett und musste möglichst binnen zwei Minuten draußen sein, um den Kopf einer Kuh hochzuhalten. Oder, um ein Kalb aus einer undefinierbaren Mixtur aus Schlamm und anderen Bestandteilen in den Stall zu tragen. Danach musste ich meine Kleidung erstmal gründlich sauber machen.

Mein Gastvater Stuart züchtete Milchkühe. Meine Gastmutter Jill arbeitete nebenbei noch beim Tierarzt. Beide standen morgens um fünf auf, um das erste Mal zu melken. Ich war ganz froh, dass sie nicht entdeckt haben, dass ich um diese Zeit meistens schon wach im Bett lag.

Gegen sieben Uhr abends war der Spuk wieder vorbei: Die Kühe wurden das letzte Mal gemolken, alles war sauber. Ab ins Haus und vor den Fernseher, während im Kamin das Feuer loderte. Als einzige Wärmequelle übrigens - und das, obwohl es Winter war.

Bevor ich nach Australien kam, stellte ich mir Sonne und weite, rote Staublandschaften vor. Nach meinen ersten paar Tagen brach mitten im Juli der australische Winter an. Es kann ja auch nicht immer nur warm sein, nicht wahr? Der Mann im Fernsehen verkündete den kältesten Tag in Sydney in den letzten 21 Jahren. Auf unserer kleinen Farm war es zwar "nur" minus fünf Grad kalt, aber in meinem Gepäck aus Deutschland war einfach kein Platz mehr für warme Kleidung. Also bibberte ich tapfer.

"Fuck you!" war noch das Netteste

Wuuuuusch. Kleiner Zeitsprung ins Hier und Jetzt. Ein Monat ist vergangen, es ist acht Uhr morgens, und ich übe gerade, einen Windsor-Knoten zu binden.

Nein, ich bin nicht auf einem Segeltörn in der Südsee. Da würde mir dieser Windsor-Knoten auch wirklich nicht weiter helfen. Ich bin immer noch in Australien. Mittlerweile aber bei einer anderen Gastfamilie. Das Farmleben war einfach nichts für mich. Zumindest nicht ohne Gastgeschwister, ohne Freunde, ohne Nachbarn, ohne Hobbies. Ohne Grundkurs im Bauer- oder Waldarbeitersein.

Es gab bisher nur wenige Momente, die mir vollständig die Sprache geraubt haben. Aber der Tag, an dem ich beschloss, die Farm zu verlassen, der war so einer.

Ich kam nach meinem ersten Schultag nach Hause, hatte eine lange Busfahrt hinter mir. Ich zog mich schnell um und ging zu Stuart. "Hi", sagte ich. Er fragte nur: "Did you miss the bus?". Ich hatte nicht den Bus verpasst. Was ich denn dann die ganze Zeit gemacht hätte, er sei längst fertig mit der Arbeit. Ich hätte Holz geholt, entgegnete ich. Ob ich überhaupt Holz hacken könnte, fragte er. Er war wohl nicht zufrieden mit meiner Arbeit. Ich hatte es zwar immer so gemacht, wie er oder seine Frau Jill es mir gesagt hatten - wobei die beiden wohl unterschiedliche Vorstellungen davon hatten, wie groß ein Holzscheit sein soll.

Er fragte noch einmal: "Can you split wood? Simple question: Yes or no?" Auf diese Frage kann man wohl nicht mehr mit "Ja" antworten. Also sage ich: "Then, no."

Darauf folgte das, was mich sprachlos gemacht hat. Eine Schimpf-Orgie, in der "Fuck off!" noch eine der harmloseren Beleidigungen war. Ich war froh, dass ich nicht alles verstanden habe. Ich ging kopfschüttelnd weg. Wieder im Haus, rief ich meine Austausch-Koordinatorin Charlotte an. Sie war nicht da. Am Abend rief sie zurück, sprach zuerst mit mir, dann mit Stuart.

Danach saß ich mit Jill und Stuart vor dem Fernseher. Nachdem wir eine Zeit schweigend geglotzt hatten, fragte Jill Stuart, was denn beim Gespräch mit Charlotte heraus gekommen sei. Sie werde nach einer anderen Familie für mich suchen, sagte er.

Als er in der Küche war, fragte mich Jill, ob ich Charlotte darum gebeten hatte. Das hatte ich nicht, und ich sagte ihr das. Gleichzeitig fühlte ich aber, wie mich bei dem Gedanken an ein neue Zuhause ein wohlig-warmes Gefühl durchströmte. Das war wohl so etwas wie ein Zeichen.

Zum zweiten Mal Schulanfang

Es klappte tatsächlich: Jetzt lebe ich im nächstgrößeren Ort mit stolzen 47.000 Einwohnern. Und heute ist wieder mein erster Schultag. Nichts Aufregendes, sollte man meinen. Schließlich bin ich schon seit gut zehn Jahren Schüler - da sollte ich mich so langsam einmal daran gewöhnt haben. Und hier in Australien ist dies ja schon mein zweiter Schulanfang.

Aber das hier ist etwas Besonderes. Es könnte vielleicht daran liegen, dass ich mich gerade in meine Schuluniform zwänge. Und Schuluniform bedeutet hier nicht, nur gleichfarbige Pullover und Jeans anzuziehen - es fängt bei den Socken an und hört bei der Krawatte auf. Und für die brauche ich den Windsor-Knoten.



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.