Austausch-Log Frankreich Mon Dieu, ich bin zu spät!

Vor lauter Abkürzungen findet Friedrich Püttmann, 16, im Austauschjahr zunächst kaum den Unterricht. Die Franzosen sind streng, der Gastschüler-Bonus ist bald verspielt. Aber ein Gutes hat die Sache: Von Standpauken bleibt nicht viel hängen.


An meinem ersten Tag als Austauschschüler in der französischen Schule in Saint-Brieuc fiel ich gar nicht auf. Mein Glück war, dass die Lycéens, die Gymnasiasten, in der elften Klasse neu gemischt werden. Viele der französischen Schüler kannten sich noch nicht.

Deshalb bemerkte auch niemand den blonden Norddeutschen in der dritten Reihe der Première ES 1. Immerhin hatte ich dem Klassenlehrer Bescheid gesagt, dass ich da war. Die Franzosen waren sehr damit beschäftigt, sich mit Luftküssen und Handschlag zu begrüßen.

Doch meine Tarnung hielt nicht lange. Als der Professeur Principal die Klassenliste durchging, wurden die Franzosen beim Aufruf von "Friedriiisch Puuutmann" hellhörig. Monsieur Brejoin erklärte kurz, dass ich deutscher Austauschschüler sei und für ein Jahr bleiben würde, worauf ich von meinem Platz aus einmal kurz "Bonjour à tous!" in die Klasse rief. Ein dunkelhaariger Junge mit Zopf namens Étienne sagte zu, er würde sich am ersten Tag um mich kümmern.

Das war auch nötig. Ich verstand nämlich erstmal gar nichts. Es gab lauter organisatorische Dinge, die ich mitzuschreiben versuchte, aber nicht schnell genug. Dann wurde ich per Abzählverfahren für den Zeitraum März/April für irgendwas eingeteilt, von dem ich kein bisschen kapierte, was man mir aber später noch erklären wollte.

Ein Wust von Abkürzungen

Hinterhältigerweise sprechen sie die Wörter hier manchmal zum Spaß rückwärts aus: Wenn jemand verrückt ist, nennen sie ihn nicht fou, sondern "ouf". Davon hatte ich nicht die leiseste Ahnung. Inzwischen habe ich außerdem herausgefunden, dass die Dinge in Frankreich stets lange und präzise Namen haben. Da aber auch der Franzose seine faule Seite hat, kürzt er die Wörter ab bis zum Gehtnichtmehr.

Das Fach Politik etwa heißt "ECJS" - Éducation Civile juridique et sociales. Und für Philosophie steht einfach das griechische "Phi". Statt beaucoup schreiben sie "bcp", dans wird zu "ds" und c'est einfach nur "c". Das Sekretariat heißt "CPE" - keine Ahnung, wofür das genau steht.

Auch das Stundensystem bereitete mir zunächst Kopfzerbrechen. Es gibt Stunden, deren Fach wöchentlich wechselt. Oder Stunden, bei denen die Klasse halbiert wird und nur ein paar Schüler teilnehmen. Étienne musste mir meinen Emploi du temps gründlich erklären.

In der Pause begleitete mich mein Fährtenleser hinaus vor das Schultor, wo sich eine gigantische Masse von Jugendlichen zum Rauchen versammelt hatte. Zu Hause in Lüneburg stehen drei, höchstens zehn Leute mit Kippe in der Hand draußen. Hier können es auch mal 40 Schüler sein. Auf den ersten Blick waren sie mir nicht unbedingt sympathisch, denn manche Mitschüler pflegen ausgeprägte Kleidungsstile:

  • Prolls in Modelabels, mit dicken Silberketten und grobem Benehmen
  • Enge-Jeans-Träger mit Sakko und Handtasche
  • Schwarz gekleidete Metal-Liebhaber
  • Elegant in Schale geworfene Französinnen
  • Surfertypen mit Kleidung hauptsächlich von einer bretonischen Surferfirma, deren Name an Cannabis erinnert: "Kanabeach"
  • Alternative, die immer noch Pali-Tuch tragen

Äußerlichkeiten beeinflussen nun mal den ersten Eindruck. Zum Glück ist man ja im Austauschjahr für den zweiten und dritten Eindruck da. Außerdem fand ich heraus, dass die Frage der Klamotten ziemlich überflüssig ist, denn da sind meine Mitschüler supertolerant.

Köstliches in der Kantine

In einem Punkt werden die Franzosen ihrem Ruf gerecht: Sie können kochen. Die Kantine hier ist echt der Hammer. Eine Mahlzeit setzt sich aus Vorspeise, Hauptgericht und zwei Nachtischen plus Brot zusammen - und das für 2,10 Euro.

Für die Vorspeise gibt es immer zwei bis drei Dinge zur Auswahl, die täglich wechseln: kleine Salate, Schinken, Avocado, Grapefruit. Das Hauptgericht stellen wir uns auch selbst zusammen, es gibt Aufläufe, Steaks, frittierte Muscheln, Tintenfisch, Couscous, aber auch mal Bratwurst mit Pommes. Zum Nachtisch gibt es verschiedene Käsesorten, Obst und Joghurt, dann noch etwas Süßes wie Biscuits, kleine Obstkuchen, Berliner, Brownies, Eis… Die Franzosen scheinen tatsächlich Genussmenschen zu sein. Ich habe auf jeden Fall eine sehr hohe kulinarische Meinung von meinen Gastgebern.

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Mit dem Franzosen auf offizieller Ebene ist allerdings nicht zu spaßen, er ist in der Regel ernst und bürokratisch. Kommt man mehr als eine Minute zu spät, heißt es ab ins Sekretariat. Dort darf man dann diskutieren, ob man einen guten Grund hatte. Wenn nicht, gibt's einen Eintrag, und auf fünf Einträge folgt irgendeine harte Strafe, die ich noch nicht kenne. Stets bekommt man ein Billet de retard, mit dem man dann wortlos in den Unterricht darf.

Beim ersten Mal Zuspätkommen falf mir noch der Gastschülerbonus. Beim zweiten mussten wir uns zu zehn Leuten eine Standpauke im Sekretariat anhören, von der Schulleiterin persönlich. Als sie fertig war, habe ich mit Unschuldsmiene in die Stille gesagt: "Leider habe ich nichts verstanden" - alle mussten lachen.

Ganz schön umständlich ist auch der Besuch im schuleigenen Krankenzimmer: Die Krankenschwester stellt einen Zettel aus, mit dem geht's ins Sekretariat, dort gibt es wiederum ein Billet de retard, um damit wieder wortlos in den Unterricht zu dürfen. Das finde ich schon fast komisch.

cpa

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