Austausch-Log Hongkong Wie ich Mama schockierte

Mit dem Leben in ihrer Heimat Berlin wollte sich Arzucan Askin, 17, nicht anfreunden. Kaum zurück aus den USA, bewirbt sie sich heimlich für zwei weitere Jahre im Ausland - und wird genommen. Doch wie soll sie das ihren Eltern erklären?

A. Askin

Ich glaube, die nächsten zwei Jahre sind eine riesige Chance für mich. Denn ich werde mein Abitur in Hongkong ablegen, auf einer internationalen Schule. Mittlerweile ist davon auch meine Mutter begeistert. Das war nicht immer so.

Denn die Bewerbung für die United World Colleges (UWC) schrieb ich heimlich. Diese internationalen Schulen gibt es in 14 Ländern, und ab diesem Jahr werden 50 deutsche Schüler auf diese Colleges verteilt. Ich war erst vor kurzem von meinem Auslandsjahr aus den USA heimgekehrt und meine Mutter wollte nicht, dass ich noch einmal weit weg gehe. Leider machte sich jedoch mein 'Nomaden-Syndrom' bemerkbar. Ich sehnte mich nach einem Ort weit weg von zu Hause und nach einem internationalen Umfeld, wie ich es in den Staaten gehabt hatte.

Ich sandte also Lebenslauf und ein allgemeines Motivationsschreiben ein. Die Colleges wählen die Schüler nicht selbst aus, das erledigen die Nationalkomitees der UWC-Stiftung. Dabei geht es um persönliche Eignung, Begabungen, Engagement. Geld spielt keine Rolle. Bei Bedarf werden Stipendien vergeben.

Mama war fassungslos

Nun stand nur noch das Auswahlwochenende bevor. Am Tag, an dem die Einladung kam, fand meine Mutter das Schreiben im Briefkasten. Mit skeptischem Blick reichte sie mir den Umschlag mit der Aufschrift 'Deutsche Stiftung UWC' und wich nicht von meiner Seite, bis ich ihn öffnete. Da war das Geheimnis kein Geheimnis mehr. Ich konnte nicht glauben, dass ich zum Auswahlwochenende eingeladen war und brach vor Glück in Tränen aus, während meine Mutter fassungslos das Papier in meiner Hand anstarrte. Nach heftigem Protest überredete ich sie, mich nach Frankfurt zu fahren lassen. Ihre Bedingung: Ich sollte nur Colleges innerhalb Europas auf meine Wunschliste schreiben.

Ich trug also europäische Ziele ein, aber heimlich fand ich Hongkong schon immer toll. Als ich Wochen später endlich wieder einen UWC-Umschlag in den Händen hielt, konnte ich es nicht fassen. Dort stand, ich würde künftig das Li Po Chun College in Hongkong besuchen. Und ich würde ein Stipendium bekommen, das alle allgemeinen Kosten trägt. Es dauerte ein wenig, doch schließlich steckte ich meine Mutter mit meiner Begeisterung an. Sie stimmte zu.

Party in der Schulkantine

Bei einem Vorbereitungswochenende bekam ich einen ersten Eindruck. Dort waren die deutschen Schüler, die momentan in ihrem zweiten Jahr an einem UWC lernen. Mein deutscher Mitschüler in Hongkong hat mir an diesem Wochenende viel erklärt, mir Schulkantine und Schülerzimmer beschrieben. Er wird mich vom Flughafen abholen und mich durch die erste Woche am College begleiten.

Nie im Leben werde ich die Abschiedsparty vergessen, mit der mich meine Familie und Freunde überrascht haben. Im Café unserer Schule hingen überall Plakate, auf denen 'Goodbye Arzu' stand. Auf den Tischen standen Blumen, chinesische Servietten und Fächer, und auf dem Buffet winkten chinesische Glückskatzen mit ihrem linken Arm. Auch ehemalige Lehrer waren gekommen. Ich hätte den ganzen Nachmittag meine Gäste umarmen können.

Nicht ohne meinen Apfeltee

Nun muss ich noch über die Dinge nachdenken, die ich in meinen Koffer packen werde, schließlich habe ich nur 30 Kilogramm für das Hauptgepäck und acht Kilo für das Handgepäck zur Verfügung. Für die Kulturabende, die am College veranstaltet werden, sollen alle Schüler traditionelle Gewänder aus ihrem Land mitbringen. Meine deutsche Tracht, mein türkisches Bindalli als auch die Flaggen beider Länder sind daher bereits im Koffer. Außerdem Leckereien aus meinen zwei Heimatländern: türkischer Honig, Haribo, ganz viel deutsche Schokolade, Pumpernickel und Apfeltee.

Von Büchern bis hin zu Wanderschuhen, Regenjacken, Sportsachen und Bettbezügen muss alles mit. Für die Konferenzen habe ich Rock, Bluse, Blazer und ein hübsches Kleid zur Seite gelegt. Meine Stoffschildkröte darf nicht fehlen - gegen das Heimweh. Und Musik aus Deutschland, Hawaii und der Türkei.

Die nächsten zehn Tage bis zum Abflug vergehen im Schneckentempo. Ich bin bereits sehr gespannt auf die nächsten zwei Schuljahre, darauf Hongkong zu entdecken und all meine Mitschüler aus der ganzen Welt kennenzulernen.



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aquarelle 07.10.2013
1.
Die Reiselust in allen Ehren und wenn es finanziell kein Problem ist, wieso nicht... Ich halte es allerdings für ziemlich heikel, in so einem Punkt seine Eltern zu übergehen, die mit 17 immer noch die Vormundschaft inne haben. Wenn man seine Eltern hier vor vollendete Tatsachen stellt, kann es ganz schnell sein, dass die Eltern dem einen Riegel vorschieben und sagen 'du bleibst mir zuhause'. Entweder hat sie dann Glück, dass sie die 18 noch rechtzeitig vollendet oder sie kann sich ihre Bewerbung an den Hut stecken... Wenn ich damals mit 16 ins Ausland hätte gehen wollen, hätte ich dies nicht gekonnt, da meine Eltern der Ansicht sind, dass 16 einfach zu jung ist. Und gerade wenn man noch nicht volljährig ist, braucht man eben für das Ein oder Andere das Einverständnis der Eltern. Zudem ist es glaub ich reifer und man wird eher als verantwortungsbewusst eingestuft, wenn man sich mit den Eltern auseinander setzt und um Erlaubnis fragt BEVOR ich mich irgendwo bewerbe, als seinen Trotzkopf durchzusetzen und ein Eninverständnis zu erzwingen, indem man seine Eltern völlig überrumpelt... Just my two cents.
Walter Sobchak 07.10.2013
2.
Frueher hat man mittels E-Mail Kontakt zu Freunden gehalten, da konnte nur die NSA mitlesen. Heute haelt man via Blog Kontakt zu Freunden und die ganze Welt kann mitlesen. Abgesehen davon, natuerlich toll, dass dieses Maedchen in der Welt herumkommt und daran nicht von ihren Eltern behindert wird.
richardheinen 07.10.2013
3. optional
Welch ein Luxusproblem wird hier hochgejazzt.
saftschubse 07.10.2013
4. Ich finde das klasse...
...ich hätte mich das in dem Alter nicht getraut, toll, daß sie das macht, wird für ihre Entwicklung und Persönlichkeit sicher gut sein, viel Spaß
mk8 07.10.2013
5. Wo fliegst Du hin?
Haribo, Ritter Sport und Pumpernikel gibt es hier seit mehreren Jahren...ich glaube Du hast eine falsche Vorstellung von Hong Kong
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