Austausch-Log Indien Die Braut darf nicht lächeln

Eine Hochzeit ist in Indien ein knallbuntes Spektakel über mehrere Tage. Bei ihrem Austauschjahr im nordindischen Shimla findet Hannah Schöning, 16, den Trubel um den wichtigsten Tag im Leben einer Inderin sonderbar - und die lange Hindu-Zeremonie unglaublich anstrengend.


Fotostrecke

8  Bilder
Austausch nach Indien: Bitte nicht freundlich!
"Es ist Hochzeitssaison in Indien. Jedes Jahr von Dezember bis Februar wird jede verfügbare Festhalle mit Blumen, Stoffen und Lichtern geschmückt. Für die meisten Inder ist ihre Hochzeit das Highlight ihres Lebens, für das sie lange sparen.

Auch ich war jetzt auf so einem Fest. Es war bezaubernd, doch wenn ich wählen müsste zwischen einer christlichen und einer Hindu-Hochzeit, würde ich keinen Augenblick zögern: Auch wenn indische Bräute wunderschön sind und der Bräutigam in seinem Mantel-ähnlichen Sherwani ebenfalls eine ziemlich gute Figur abgibt, wäre mir die Zeremonie über mehrere Tage mit 300 bis 1000 Gästen dann doch zu anstrengend.

Heiraten auf indisch, das geht so: Verschiedene kleinere Feiern über mehrere Tage finden den Höhepunkt in der Übergabe der Blumengirlande - symbolisch dasselbe wie der Tausch der Ringe bei uns. Eigentlich geht es los mit dem Matchmaking, denn arrangierte Ehen sind hier die Norm. Das Wort Lebensabschnittspartner existiert nur für Stars. Wenn ein Mädchen einen Freund hat, gilt der als ihr zukünftiger Ehepartner. Die Verlobten dürfen dann Handynummern austauschen, das ist aber auch die einzige Möglichkeit, wie sie sich besser kennenlernen können. Die Braut vor der Hochzeit zu sehen, wird generell als schlechtes Omen betrachtet.

Das Henna und die Schwiegermutter

Die Puja ist die erste große Feier. Dabei zündet ein Priester ein Feuer zu Ehren der Götter, Räucherstäbchen brennen, eine heilige Statue wird gewaschen. Danach gehen alle weiblichen Beteiligten der Hochzeit zum Mehendiwala: Mehendi ist Henna, das in verschlungenen Mustern auf die Hände und Füße aufgetragen wird. Je dunkler das fertige Mehendi ist, desto besser soll die Beziehung mit der Schwiegermutter werden.

Nächste Station für beide Familien: das Haldi. Die Braut und der Bräutigam werden mit Kurkumapaste bepinselt, damit sie hübscher aussehen. Eine schöne Schmiererei. Manchmal bindet der Bräutigam auch eine gesegnete, in Kurkumapaste getauchte Schnur um den Hals seiner Braut.

Der eigentliche große Tag wird vom Priester festgelegt, und hier wird es richtig kompliziert. Es ist allerdings auch das einzige, was ich je miterlebt habe, beim Rest musste ich mich auf die Beschreibung meiner Gastschwester verlassen, die bereits Gast auf Hunderten von Hochzeiten war.

Für die Braut beginnt der Tag damit, dass ihr Onkel mütterlicherseits ihr rote Armreifen auf beide Arme streift, die sie für etwa ein Jahr tragen wird, damit auch jeder sehen kann, dass sie verheiratet ist. Dann kommt das ganze Angekleide und Geschminke, aber das ist ja in Deutschland auch nicht anders. Auch der Bräutigam wird mit Kajal geschminkt, das soll böse Geister fernhalten.

Für die Braut ist Fastenzeit

Dann reitet er auf einem geschmückten Pferd zum Tempel, um sich segnen zu lassen. Begleitet wird er von einem kleinen Bruder oder Cousin, der als Trauzeuge fungiert. Die gesamte Familie des Mannes zieht dann mit Musik und Tanz zum Ort der Hochzeit, der von der Familie der Frau ausgesucht wurde. Doch hier kann der Bräutigam nicht einfach eintreten, erst muss er den Schwestern der Braut kleine Geldgeschenke machen, denn die blockieren den Eingang.

Endlich werden die Girlanden ausgetauscht und ganz viele Fotos gemacht. Doch die Braut darf dabei nicht lächeln! Sie muss auch den ganzen Tag über fasten und darf nicht einmal etwas trinken. Für die Gäste hingegen steht ein üppiges Buffet bereit. Nach dem Essen gehen die Gäste nach Hause. Die Brautleute aber haben noch eine lange Nacht vor sich.

Die Ehepartner gehen jetzt sieben Runden um ein kleines Feuer, der Priester singt dazu Hymnen, was symbolisiert, dass sie nun für sieben Leben verheiratet sind. Danach erhalten sie den Segen aller Familienmitglieder - bis das alles vollbracht ist, geht die Sonne schon wieder auf. Schließlich wird die Braut, die den ganzen Tag weder trinken noch essen durfte, zum Haus ihres Gatten gebracht und muss nun nur noch ein paar Spiele spielen, um die Oberhand in der Ehe zu bekommen.

Wahrscheinlich fällt die arme Hindu-Braut nach diesen Strapazen halb ohnmächtig ins Bett. Und weil das ganz Spektakel mit den vielen Gästen sündhaft teuer ist, stürzen sich die Paare dafür entweder in Schulden oder weichen auf eine Massenhochzeit aus, wie sie es hier so oft gibt. Dabei heiraten manchmal 100 Paare gleichzeitig - und die Bräute tragen bei der Zeremonie Nummern, um nicht verwechselt zu werden."



© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.