Austausch-Log Israel Koscher essen im Dirndl

Anna Kräftner, 16, hat einen Zwölf-Stunden-Tag und teilt sich ihr Zimmer mit drei weiteren Mädchen. Privatsphäre: keine. Trotzdem ist die Wiener Schülerin von ihrer Schule in Israel begeistert.

Anna Kräftner

Tel Aviv, Flughafen Ben Gurion: Meine Gedanken spielen verrückt. Wie wird es sein: Das Zimmer, die Schule, das Essen? Sind meine Mitschüler nett, offen, interessiert? Ist dies wirklich eine gute Entscheidung? Zwei lange Jahre weit weg von zu Hause? All diese Fragen schießen mir durch den Kopf, als ich mich zum ersten Mal auf den Weg zum Campus mache.

Doch es geht alles ganz einfach. Auf dem Gelände der Eastern Mediterranean International School werde ich von Klassenkameraden herzlich begrüßt. Minuten nach meiner Ankunft bin ich überzeugt, dass wir uns blendend verstehen werden. Seit April stehe ich schon über soziale Netzwerke mit den anderen in Kontakt, und es ist, als kennen wir uns schon, obwohl wir uns doch gerade zum ersten Mal treffen. Wir geben uns nicht die Hand, sondern umarmen uns.

Wir teilen uns zu viert ein Zimmer. Meine Roomies kommen aus Albanien, Kambodscha und Palästina. In unserem Zimmer stehen vier Schreibtische, vier Kästen und zwei Stockbetten. Das Bad mit einer Toilette und Dusche teilen wir uns. Viel Privatsphäre gibt es nicht, und klappt es besser, als ich es mir vorgestellt hatte. Natürlich ist es nicht immer einfach, wenn sich vier Schülerinnen ein Zimmer teilen.

Stundenplan: Schildkröten und BWL

Um 6 Uhr morgens klingeln in unserem Zimmer die ersten Wecker, meiner ist auf 6.40 Uhr gestellt. Kurz darauf klopft unser Wohnheim-Betreuer an die Tür, um uns daran zu erinnern, dass wir bis 7.15 Uhr in der Mensa einchecken müssen. Vor Unterrichtsbeginn haben wir eine halbe Stunde für das Frühstück, das Schulgebäude liegt nur zwei Minuten Fußweg von meinem Zimmer entfernt. Meine Fächer konnte ich wählen: Deutsch, Englisch, Chemie, Mathe, Volks- und Betriebswirtschaft. Aus dem Nachmittagsprogramm namens "Creativity, Action, Service" habe ich den Debattierclub und Journalismus gewählt - gemeinsam mit anderen Schülern berichten wir in einem Blog von unseren Erlebnissen. Eine Französisch-Runde habe ich selbst gegründet, außerdem mache ich Sport und kümmere ich mich um den Erhalt von Schildkröten.

Nach fünf Schulstunden haben wir 45 Minuten Pause. In der Mensa wird immer koscher gekocht. Wir benutzen braune Tabletts für Fleischmenüs und pinke für Milchprodukte. Auf einem Buffet stehen die Beilagen: Brot, Salate, Nudeln, Reis, Couscous. Freitag abends ist es übrigens wichtig, zum Essen ein weißes Oberteil zu tragen, es ist schließlich das Sabbat-Mahl.

Nach der Mittagspause folgen noch einmal drei Schulstunden, das Nachmittagsprogramm und die Lernzeit. Spätestens um 22.30 müssen wir in unsere Zimmer, da dann die für diesen Tag eingeteilten Schüler zum Putzdienst antreten. Und um 23.00 Uhr heißt es: "Licht aus! Laila tov!"

Eine Alltagsroutine kehrt zwar langsam ein, aber ich habe immer noch das Gefühl, als sei ich auf Reisen. Die Palmen auf dem Hin- und Rückweg von und zur Mensa erzeugen sechsmal täglich Urlaubsstimmung. Auf dem Gelände der Schule leben auch Pfaue, Hühner, Katzen, Kühe und Pferde. Außerdem sind zahlreiche Einrichtungen von einem Kindergarten bis zu einem College untergebracht. Wenn ich daran denke, was in den letzten 28 Tagen alles passiert ist, dann freue ich mich schon sehr auf all die Geschichten, die ich nach zwei Jahren in Israel erzählen kann.

Wie ein laaaanger Urlaub

Bislang waren wir zweimal mit Betreuern in einer Ortschaft, die etwa 15 Minuten zu Fuß entfernt ist, um Kleinigkeiten einzukaufen. Einmal durften wir in Gruppen mit je einem israelischen Mitschüler eine Stadt besuchen. Wir fuhren natürlich nach Tel Aviv. In einem großen Shoppingcenter hatte ich mit meinen neuen Freunden einen Riesenspaß und wir probierten unsere ersten Wörter auf Hebräisch aus. Aber der Ausflug machte mich auch ein bisschen traurig, weil er mich an den Juni erinnerte, als ich mit meiner Mutter hier war, um die Schule zu besichtigen.

Damals hatten auch einen Abstecher in diese Mall gemacht. Die vielen bewaffneten Soldaten waren für mich sehr ungewohnt. Auch wenn sie hier normal sind, fühlt sich das für mich beklemmend an. So viele Waffen hatte ich bislang nur einmal gesehen, am Flughafen in London. Die Situation in Israel ist im Moment wieder stabiler. Ich hoffe sehr, dass es so bleibt und ich die Schutzräume auf unserem riesigen Campus nicht von innen kennen lernen werde.



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