Austausch-Log Israel Alltag, was ist das nun?

Alles auf anders: Schülerin Anna, 17, nähert sich nach 111 Tagen in Israel wieder der Heimat. Die österreichische Botschaft raubt ihr Illusionen, und der Familienbesuch in Wien fühlt sich ganz anders an als sonst.

Privat

Ich habe jetzt zwei Zuhause: das Internat in Israel und mein Elternhaus in Wien. Und ich habe immer Sehnsucht nach dem Ort, an dem ich gerade nicht bin. Esse ich in Israel Hummus oder den typischen Milchreis als Nachspeise, denke ich an die gute Küche meiner Mutter. Bin ich zu Besuch im ruhigen Österreich, vermisse ich das Zusammenleben mit meinen drei Zimmergenossinnen und 80 Mitschülern.

Nach 111 Tagen in Israel hatte ich zum ersten Mal Gelegenheit, meine Familie zu besuchen. Ursprünglich wollte ein Mitschüler aus Tansania, der den Flug in seine eigene Heimat nicht bezahlen konnte, mich in die Winterferien nach Österreich begleiten. Um ein Visum für ihn zu beantragen, fuhren wir in die österreichische Botschaft nach Tel Aviv. Die Mitarbeiter dort unterhielten sich in drei Sprachen mit uns: mit mir auf Deutsch, mit meinem Mitschüler auf Englisch und mit unserer Betreuerin auf Hebräisch.

Ich fühlte mich tatsächlich ein wenig zu Hause in der Botschaft, es erinnerte mich so viel an Österreich, es war herrlich - doch die Verweigerung eines Visums für meinen Freund war eine bittere Enttäuschung. In den vergangenen Monaten hatte ich gelernt, gleichzeitig mit Schülern aus 35 Nationen auszukommen. Für alle gelten dort die gleichen Rechte und Regeln. Außerhalb des Campus aber hat unsere Herkunft einen immensen Einfluss.

Und plötzlich Stille

Ich flog also ohne ihn, gemeinsam mit meiner österreichischen Mitschülerin. Das Flugzeug wurde zu unserem neutralen Raum des Übergangs von unserem momentanen Alltag zurück zum alten, ein Wechsel zwischen den Welten. Alltag, was ist das nun? Der, dem ich seit September folge? Oder etwa der, den ich in den bisherigen 15 Jahren erlebte?

Die Freude war riesig, die Familie so herzlich, meine Freunde in Wien ganz die alten. Mein Zimmer sah aus wie vorher, aber es wirkte größer als ich es in Erinnerung hatte. Meine Gewohnheiten haben sich verändert. Ein ganz besonderer Genuss war mein eigenes Bett, das mir am Anfang doch sehr gefehlt hat. Mittlerweile finde ich meines in Hakfar Hayarok aber auch bequem. Ich konnte mich dort erstaunlich schnell anpassen und hatte es mir vorher viel umständlicher vorgestellt, mit drei weiteren Mädchen aus Asien, dem Nahen Osten und Europa in einem Zimmer zu wohnen.

Und dann diese Stille zu Hause in Wien. Auf dem Campus haben wir die selten, außer man steht am Freitag oder Samstag, also am israelischen Wochenende, zeitig auf. Es macht wohl einen Unterschied, ob man ständig von 80 Leuten oder doch nur von der eigenen Familie umgeben ist.

Nach zwei Wochen saß ich im Flugzeug zurück. Meine Gedanken waren ordentlich durcheinander, halb in Österreich, halb in Israel, und ein paar waren in der Mitte stecken geblieben. Ganz kurz hatte ich am Check-in sogar die Idee, einfach in Wien zu bleiben. Doch dann siegte die Neugier auf mein dortiges Leben. Vor dem Kurztrip nach Österreich war die Vorfreude riesig. In Wien angekommen, freute ich mich bereits wieder auf mein Zuhause in der Eastern Mediterranean International School.

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