Austausch-Log Hongkong Rennen gegen die Sklaverei

21 Millionen Menschen sind Opfer von Zwangsarbeit. In Hongkong möchte die Berliner Schülerin Arzucan, 18, etwas gegen moderne Sklaverei unternehmen. Sie hilft Mädchen, die Opfer von Zwangsprostitution geworden sind.

Arzucan Askin

Vor meiner Ankunft in Hongkong hatte ich zwar viel über das Thema Menschenhandel gelesen, allerdings war es für mich stets ein wenig entfernt. Mir war bewusst, dass große Kleidermarken ihre Produkte in Kinderarbeit fertigen lassen, doch das Thema blieb abstrakt. Heute denke ich, dass jeder Einzelne von uns etwas daran ändern kann.

Geprägt von meinen Freundschaften mit Flüchtlingskindern bin ich an meiner Hongkonger Schule praktisch allen Menschenrechtsprojekten beigetreten. Eine dieser Gruppen ist Students against Slavery (SAS). Für mich ist SAS eine der wichtigsten Gruppen, in denen ich mich bisher engagiert habe.

In dem Kurs arbeiten wir mit der Organisation Liberty Asia zusammen. Fachleute aus verschiedenen Branchen versuchen dort, neue Lösungen gegen Menschenhandel zu finden. 21 Millionen Menschen befinden sich weltweit in moderner Sklaverei, davon etwa die Hälfte in Asien: in Leibeigenschaft, als Zwangsarbeiter in Fabriken, auf Feldern und Plantagen, Schifferbooten oder in Zwangsprostitution. Die Einnahmen belaufen sich auf 150 Milliarden Dollar pro Jahr. Fast zwei Drittel dieser illegalen Gewinne - 99 Milliarden Dollar - entstehen durch Zwangsprostitution, heißt es in einer Studie der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) der Uno.

"Grausamkeit ist nicht in Worte zu fassen"

Der Fokus unserer SAS Gruppe liegt auf Zwangsprostitution, da wir seit Jahren mit Agir pour les Femmes en Situation Précaire (AFESIP) zusammenarbeiten, einer Hilfsorganisation, die Frauen aus der Prostitution befreien will. Mehrmals im Jahr besuchen wir ein Rehabilitationszentrum für gerettete Opfer in Kambodscha. Im Center führen wir Kunsttherapie durch, bringen den Mädchen Englisch bei und leben mit ihnen zusammen, um ihnen bei der Eingewöhnung in die Gesellschaft zu helfen und ihr Vertrauen in zwischenmenschliche Kontakte aufzubauen.

Diese Arbeit ist eine sehr bewegende und unvergessliche Erfahrung. Einige der Mädchen im Rehabilitationszentrum sind gerade erst fünf Jahre alt und haben den größten Teil ihres Lebens als Sklaven in Bordellen verbracht. Die Grausamkeit, der die Mädchen ausgesetzt waren, ist nicht in Worte zu fassen. Viele der Mädchen, mit denen wir arbeiten, wurden Opfer von extremem Missbrauch, einschließlich Vergewaltigung, sexueller Ausbeutung, Folter, Prügel und Morddrohungen.

Muskelkater für die Menschenrechte

Als Schüler können wir natürlich nicht dabei sein, wenn Einsatzteams von Menschenrechtsorganisationen wie Liberty Asia oder Freedom Matters Mädchen aus der Zwangsprostitution befreien. Aber wir tun möglichst viel, um auf dieses Thema aufmerksam zu machen. Wir machen etwa wöchentliche Präsentationen in Schulen, organisieren Events, Projekte und Spendensammelaktionen.

Außerdem organisieren wir den Lauf "Running to Stop the Traffick: 24-Hour-Race", ein Wettrennen gegen Menschenhandel. Es ist ein großes Ereignis, bei dem mehr als 600 Läufer aus 20 Hongkonger Schulen antraten. Die Schüler hatten sich monatelang darauf vorbereitet. Sie liefen jeweils eine Runde über 3,2 Kilometer, wurden dann vom nächsten Läufer abgelöst und traten später wieder an, 24 Stunden lang. Jeder unserer Läufer vom Li Po Chun College lief im Durchschnitt über 15 Runden, damit hat unsere Schule dieses Jahr 515,2 Kilometer erlaufen. Am nächsten Tag konnten unsere Läufer kaum gehen vor Muskelkater.

Momentan arbeiten wir daran, ein Schülernetzwerk gegen Menschenhandel in Hongkong auf die Beine zu stellen und jährlich interschulische Konferenzen zu veranstalten. Leider gibt es auch in Hongkong viele Fälle von Sklaverei, am häufigsten in Form von Zwangsprostitution in Bordellen und Haushaltshilfen in Privathaushalten. Laut einem UN-Bericht über Menschenhandel gibt es dieses Verbrechen in jedem Land. Auch in Deutschland. Die meisten Fälle sind auch hier Zwangsprostitution.

Auch über den Handel mit Waisenkindern habe ich schlimme Details erfahren. Waisenhaus-Eigentümer zwingen Eltern, ihre Kinder abzugeben, oder sammeln Kinder von der Straße auf und stecken sie in angebliche "Kinderheime". Gerade in Südasien nimmt diese Art von Verbrechen zu. Traurig ist, dass auch Ausländer mit ihren guten Absichten zum Profit dieser Sklavenindustrie beitragen: Sie spenden den Einrichtungen viel Geld, um benachteiligten Kindern mehr Chancen zu ermöglichen. Die Spende kommt jedoch fast nie bei den Kindern an, sondern wandert direkt in die Tasche der Verbrecher.

Ich habe mir für das nächste Schuljahr vorgenommen, mein Engagement für SAS zu erweitern und größere Projekte zu entwerfen. Auch nach meiner Zeit am Li Po Chun United World College werde ich mich aktiv für Menschenrechte einsetzen, insbesondere für Kinder- und Frauenrechte und gegen moderne Sklaverei.

cpa



insgesamt 3 Beiträge
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spon_2031296 26.05.2014
1. Innergesellschaftliche Veränderungsprozesse
Dein Engagement, liebe Arzucan, nötigt mir enormen Respekt ab und versöhnt mich mit der Jugend, die ich vor Jahren noch als reine Spaßgesellschaft wahrgenommen habe. Jugendliche aus dem Weltwärtsprogramm mit ihrem enormen und kreativen Gestaltungswillen und ebenfalls junge PraktikantInnen mit denen ich im außereuropäischen Ausland zu tun hatte, haben dieses Bild radikal und positiv verändert. An innergesellschaftlichen Veränderungsprozessen mitzuwirken, sei es in Form der Armutsminderung oder Menschen aus Zwangssituationen zu befreien, ist wichtig und leider ein nie endender Prozess. In Lateinamerika, wo ich viele Jahre meines Berufslebens verbracht habe, habe ich viel Armut gesehen (und zur Minderung beigetragen), solche Abgründe, wie du sie beschreibst, sind mir aber erspart geblieben. Viel Kraft und Erfolg weiterhin!
martin.paul 26.05.2014
2. Respekt
Liebe Arzucan, ich lebe selbst in China und habe auch hier schon viel Erdrueckende Kinderarmut und Unrecht gesehen, und ich weiss wie schwer es ist etwas dagegen zu unternehmen. Vondaher mein ganz besonderer Dank und Respekt, auch an SPON fuer diesen Artikel. Mach weiter so und ich hoffe das noch mehr Jugendliche so aktiv werden.
tick.tack 26.05.2014
3. was können wir tun?
Ich möchte einem relativ auf die Sklaverei der Frauen und auf die Ausbeutung von Kinderarbeit Kommentar schildern wollen, aber dann gab ich auf. Ich würde die Gräueltaten, welche diese Kerle in Gott des Geldes Namen begehen, mit den gleichen genauen Worten des Zeitungsartikels geschrieben haben. Angesichts dieser Monstra, hungriger nach Geld, bevorzuge ich zu schweigen. Nennen sie nicht Tiere, weil Monstren sind. Darum eben die Tiere sind wir und sie sind die Menschen. Sie töten, um zu essen, während der Mann tot zum Spaß. Ich bin gewohnt zu sagen, dass wir die gesamte Bibel (6.10) mit den folgenden Vers von I Timotheus fassen können: „Denn Geldgier ist eine Wurzel alles Bösen".
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