Austauschziel Deutschland Von christlichen Regeln und Hippies am See

Gastschüler kommen nach Deutschland, um Erfahrungen in einer ihnen fremden Kultur zu sammeln. Doch ein neuer Film zeigt, auf welche Probleme sie oft treffen: Langeweile, Sprachbarriere, Kulturschock. Es ist ein Film über enttäuschte Erwartungen - und über den Alltag in deutschen Familien.

Von Christina Kufer

Neue Visionen Filmverleih

Austauschschülerin Conty sitzt alleine am gedeckten Tisch und wartet. Wartet, dass ihre Gastfamilie zum Kaffeetrinken kommt. Doch die starren auf Monitore und Bildschirme. Vater und Sohn spielen mit dem Joystick ein Computerspiel, die Gastschwester hat sich ihre Nintendo DS geholt. Elektronische Geräusche durchbrechen die Stille, keiner sagt ein Wort. Conty sieht von einem zum anderen, keiner schaut zu ihr auf.

Die Dokumentarfilmerin Eva Wolf hat die Szene für ihren Film "12 Monate Deutschland" eingefangen, der im September ins Kino kommt. Ein Jahr lang hat sie vier Austauschschüler mit ihrer Kamera begleitet. Conty aus Chile ist eine davon. Entstanden ist ein Kinofilm über Austauschschüler in Deutschland und ihre Probleme: Langeweile, Sprachbarriere, Kulturschock. Und nebenbei gewährt Wolfs Film Einblick in den Alltag deutscher Familien.

Auch Kwasi aus Ghana wurde in seinem Austauschjahr vor zwei Jahren von Wolfs Kamera begleitet. Seine Mutter hatte ihn für ein Jahr nach Deutschland geschickt, damit er die Sprache lernt. Zuhause in Ghana lebt Kwasi in einer Millionenstadt. In Deutschland hat es ihn in das 3000-Einwohnerdörfchen Rastenberg verschlagen. Seine Gastfamilie dort lebt sehr christlich und mit vielen Regeln - zu viele für Kwasi.

Viele wollen nach Berlin - und landen in einem Nest

Zwei Stunden täglich darf er fernsehen, eine Stunde Playstation spielen. Ansonsten wird Holz gehackt, damit abends alle warm duschen können. "Ich habe meine Freiheit vermisst", erzählt Kwasi SPIEGEL ONLINE heute, zwei Jahre danach. Der Schüler langweilte sich in der dörflichen Idylle, wusste nicht, was er unternehmen sollte.

Dieses Problem haben Gastschüler in Deutschland häufig, sagt Heike Szebrat aus Erfahrung. Seit 13 Jahren betreut sie Austauschschüler, die nach Deutschland kommen. Die Lehrerin leitet das Komitee Stendal der Austauschorganisation AFS. Nach Informationen der Organisation machen jedes Jahr 2000 Jugendliche im Alter zwischen 15 und 18 Jahren ein Austauschjahr in Deutschland. "Viele Schüler erwarten, dass sie nach Hamburg, Berlin oder München kommen, und landen dann in einem Nest mit 1800 Einwohnern", sagt Szebrat. Eine große Umstellung, zumal die Schule in Deutschland häufig schon am frühen Nachmittag endet.

Kwasis Langeweile schlug zunehmend in eine Mischung aus Frust, Provokation und Angst um. Die Kamera war immer dabei. Wolf hat eine Szene im Wohnzimmer gefilmt: Die Familie sitzt um den Fernseher herum und sieht sich eine Videoaufnahme von einem Chorauftritt der Kinder an. Es ist christliche Musik, soft und leise. Dann der Schnitt in Kwasis Zimmer, wo er vorm Schreibtisch sitzt. Aus dem CD-Player dröhnt lauter englischer Rap.

Ohne Worte arbeitet Wolf den Unterschied zwischen Kwasi und seiner Gastfamilie heraus. Mit seinem tief ins Gesicht gezogenen Kapuzenpulli wirkt er wie ein Fremdkörper in der biederen, christlichen Familie.

"Manchmal verlieren Familien die Kraft"

Nach einigen Monaten kam es zur Eskalation zwischen Kwasi und seiner Familie. Heute, zwei Jahre nach dem Austauschjahr, erzählt Kwasi die Geschichte so: Weil Bruder Immanuel die Videospielbeschränkung von einer Stunde überschritten hat, geraten die beiden aneinander. Kwasi provoziert ihn, sagt ihm, er soll aufhören. Immanuel wird sauer, der Streit gipfelt in einer Schlägerei. Kwasi entscheidet sich, die Familie zu wechseln und geht. "Ein bittersüßes Gefühl", sagt er. Er war glücklich, die Familie zu verlassen und auch traurig, dass es so auseinanderging.

Die anderen drei Gastschüler aus dem Film blieben auch nicht in der ersten Familie. Nairika, Conty, Eduardo und Kwasi fühlten sich alle anfangs nicht wohl. Die Probleme waren unterschiedlich. Manchmal hat einer der vier das vermisst, was den anderen genervt hat. Conty wollte mehr Gespräche mit ihrer Familie, Eduardo hingegen war mit den intellektuellen Diskussionen seiner Gasteltern sprachlich überfordert. Gasteltern hätten ebenso ihren Anteil daran, dass der Aufenthalt früher als geplant zu Ende geht, sagt Heike Szebrat. "Manchmal merken Familien, dass ein Gastschüler im Laufe eines Jahres anstrengend sein kann und verlieren die Kraft."

Doch ein Familienwechsel müsse nicht unbedingt negativ sein, meint Eva Wolf. Den vier Austauschschülern im Film gelingt es, sich in der zweiten Familie schneller zurechtzufinden. "Und sie schrauben ihre Erwartungen zurück", erzählt die Dokumentarfilmerin.

"Er ist mein Sohn"

Kwasi aus Ghana wechselte von der zehnköpfigen christlichen Familie in einen dreiköpfigen Hippie-Haushalt. Gastvater Jörg trägt Dreadlocks, man fährt zum Zelten an den See. Den bunten Kapuzenpulli hat Kwasi jetzt nicht mehr so oft ins Gesicht gezogen. In der zweiten Familie lernt er, offener zu werden und auch andere Meinungen zu akzeptieren.

Zwei Jahre nach dem Austausch und nachdem er den fertigen Film gesehen hat, denkt Kwasi anders über seine erste Gastfamilie, besonders über Gastmutter Wiebke, deren Rigidität ihn so sehr gestört hat: "Ich respektiere sie."

Gerade ist Kwasi für sechs Wochen zurück in Deutschland, um seine zweite Gastfamilie zu besuchen. Die Gelegenheit hat er genutzt, um sich bei den ersten Gasteltern zu entschuldigen. "A good name is better than riches", sagt der Junge aus Ghana heute. Ein guter Ruf ist mehr wert als Reichtümer. Sein Ruf bei Gastmutter Wiebke und den anderen ist wiederhergestellt. "Ich kann ihm jetzt frei begegnen", sagt sie im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Die Beziehung zwischen Kwasi und der ersten Familie ist immer noch nicht innig, aber zumindest geklärt. Seine Heimat in Deutschland hat er in der zweiten Familie gefunden, die ihn letztes Jahr sogar in Ghana besucht hat. "Er ist mein Sohn", sagt die zweite Gastmutter Heidi.

Der Film "12 Monate Deutschland" von Regisseurin Eva Wolf startet am 23. September 2010 in den deutschen Kinos.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 17 Beiträge
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Seite 1
poppi 27.08.2010
1. Wow
Geht's ausländischen Austauschschülern also durchaus so wie deutschen Austauschschülern im Ausland. Irre. Darüber fehlte also noch ein Film...
doubledamage 27.08.2010
2. Tja...
Ich erinnere mich dunkel an deutsche Austauschschüler in deren Köpfen vor der Abreise stets wohlklingende Namen von US-Metropolen klangen, New York, L.A., San Francisco, und die nach ihrer Ankunft merkten, dass die USA auch Kleinstädte in Iowa hat... Tja, Deutschland ist eben nicht nur Berlin, so wie England nicht nur London oder die USA nicht nur New York sind.
marypastor 27.08.2010
3. Habe ich mir auch gedacht.
Zitat von poppiGeht's ausländischen Austauschschülern also durchaus so wie deutschen Austauschschülern im Ausland. Irre. Darüber fehlte also noch ein Film...
Aber, das Leben einer deutschen Durschnittsfamilie laeuft streng nach Schema ab ist schon ziemlich langweilig. Doch irgendwie auch drollig. Ich lebe weit weg von Deutschland und vermisse viele "Standart-Vergnuegen". Zum Beispiel wuerde ich liebend gerne mal wieder auf einem Sommerfest meines Kleingarten-Vereins dabei sein.
Margrit2 27.08.2010
4. besser aussuchen
Zitat von sysopJedes Jahr kommen Jugendliche aus aller Welt nach Deutschland für ein Leben auf Zeit bei Gasteltern.*Ein neuer Film zeigt, auf welche Probleme die Kids treffen: Langeweile, Sprachbarriere, Kulturschock. Die Kamera ist immer nah dran - und filmt nebenbei den Alltag in deutschen Familien. http://www.spiegel.de/schulspiegel/leben/0,1518,713385,00.html
Gastfamilien hier wie auch im Ausland sollten wesentlich besser ausgesucht werden. Eine 10köpfige derart streng christliche Familie paßt dann wohl nicht unbedingt dazu. Es sei denn, der Austauschschüler kommt aus einer ebensolchen. Alo Gasteltern und Gastschülr müssen schon irgendwie zusammen passen Mein Sohn hatte Glück während seiner Zeit in England als er dort für etliche Wochen im Sommer damals in einer Sprachschule war. Nette Gasteltern, die zwei Jungens aufnahmen, was ich gut fand. Die sich kümmerten und mit den Jugens auch was unternahmen. Daraufhin fuhren beide Jungens im Jahr drauf nochmals in die Sprachschule obwohl die wirklich hart und streng war und zu diesen Gasteltern. So kann es also auch sein.
AnnaAborigine 28.08.2010
5. Traurige Wahrheit
Ich bin selbst Schülerin, in einer Klasse, in der viele viele ins Ausland fahren, sei es für ein Auslandsjahr oder nur ein 3-6 Monate langer Aufenthalt oder Austausch. Auch viele Gastschüler 'bereichern' dann und wann für einige Tage/Wochen/Monate die Klasse, alles klingt erst einmal schön und gut. Doch der Austausch ist kein Werbeprospekt des Reiseveranstalters, es ist nicht das Paradies, nicht DIE Erfahrung des Lebens. Deutsch ist keine leichte Sprache, und mit der Hauptgrund, wieso es den Austauschschülern so schwer fällt, sich zu integrieren. Auch zeigt niemand so wirkliches Interesse an ihnen. Und so langweilen sie sich in unserer Kleinstadt von Schulstunde zu Schulstunde, da sie das im Unterricht gesagte nicht verstehen. Ich kann nur sagen: Deutsch ist nicht Englisch, das ja mittlerweile überall aufgeschnappt wird und zum Selbstläufer geworden ist. Man sollte sich so einen Auslandsaufenthalt gut überlegen, schließlich gibt man damit das Leben in seinem Heimatland auf. Das heißt Freunde, Familie, Gewohnheiten, Freiheit. Deswegen finde ich es wenig sinnvoll, in einem anderen Land bei einer anderen Familie zu leben, vor allem, wenn man gerade einmal zwischen 15 und 18 Jahre alt ist. Sinnvoller ist es doch alle mal, als Student ein Auslandssemester zu absolvieren, wenn man erwachsen und selbstständig ist. Dann hat man übrigens auch bessere Fremdsprachenkenntnisse und kann sich leichter integrieren.
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