Ganz harte Schule Fahrschüler sind die Pest

Seit sein Sohn die Fahrschule besucht, meidet Armin Himmelrath gemeinsame Fahrten. Denn der Filius mutiert dabei zum nervtötend altklugen Wesen. Oder wissen Sie noch, ob ein von rechts kommender Handkarren Vorfahrt hat?

DPA


Die Eltern-Kolumne für Fortgeschrittene
  • Hier schreiben abwechselnd Armin Himmelrath, Birte Müller und Silke Fokken über das Leben mit Kindern zwischen dem ersten und dem letzten Schultag.

Es fängt normalerweise harmlos an. "Schuablig", murmelt mein 17-jähriger Sohn, während er auf dem Beifahrersitz neben mir hockt. Leise, kaum wahrnehmbar. Oder "Scheizbschand". Ich bin mir absolut sicher: Er legt es gezielt drauf an, dass ich seine Wortfetzen nicht richtig verstehe, nur deshalb nuschelt er so leise vor sich hin. Er will, dass ich nachfrage.

"Was?", frage ich also, während ich mit dem Auto einen Lastwagen überhole. Er holt tief Luft. "Schulterblick", sagt er dann und schüttelt, wie er das jahrelang geübt hat, missbilligend den Kopf. "Sicherheitsabstand. Zwei Leitpfosten am Straßenrand, 50 Meter. Halber Tacho als Sicherheitsabstand." Und dann wieder leiser: "Abaschweißdjaallesauchwendichnichdranhlst."

Ich seufze und tue ihm den Gefallen noch einmal. "Was?"

"Aber das weiß du ja alles. Auch wenn du dich nicht dran hältst."

Seit mein Sohn die Fahrschule besucht, sind gemeinsame Fahrten mit dem Auto anstrengend geworden. Am Anfang ist er noch widerwillig zum Theorieunterricht gegangen und sah das Ganze vor allem als lästigen Zwischenschritt zur Fahrerlaubnis. Doch seit er gemerkt hat, wie viel Fahrschulwissen ich nicht mehr parat habe, kostet er seinen temporäre Überlegenheit genüsslich aus. Ich glaube, manchmal denkt er sich zusammen mit seiner gleichaltrigen Cousine fieses Fachfragen für meine Schwester und mich aus.

"Nur mal so: Dürftest du hier am Rand halten?", fragt er zum Beispiel scheinheilig, als wir an einem Zebrastreifen warten müssen. Natürlich weiß ich nicht mehr, ob das nun fünf, 15 oder 25 Meter waren, in denen vor dem Zebrastreifen ein Halteverbot besteht. "Weißt du denn wenigstens", fragt er und dehnt das "weeeeeenigstens" unnötig in die Länge, "ob dann ein eingeschränktes oder ein absolutes Halteverbot herrscht?"

"Bitte den Fahrer während der Fahrt nicht ansprechen", zitiere ich ein in Bussen beliebtes Schild - und bin mir meiner rhetorischen Schwäche bewusst. Klar, dass er sie umgehend ausnutzt. "Billig, ganz billig. Mehr fällt dir dazu nicht ein? Dann solltest du mal darüber nachdenken, ob du den Führerschein nicht lieber freiwillig abgibst." Kurzes Schweigen. "Der Jüngste bist du ja auch nicht mehr. Wird ja gerade ohnehin diskutiert."

Eigentlich hatte ich gedacht und gehofft, dass mit der zunehmenden Mobilität der Kinder auch meine Freiheitsgrade und mein Gefühl von Unabhängigkeit zunehmen würden. Aber speziell die Fahrschulphase - das war schon bei den beiden Älteren so - dämpft diese Hoffnung erheblich. Wenn es um Vorfahrtsregeln unter Berücksichtigung von Handkarren und Straßenbahnen geht, um Verkehrszeichen, die vom Aussterben bedroht sind, oder um komplizierte Fahrzeugzulassungsregelungsklassen, nutzen die Kinder ihr neu erworbenes Wissen nicht etwa, um sich abzunabeln, sondern um ihrem Vater zu zeigen: Du hast ja keine Ahnung.

Das Erschreckende: Natürlich haben sie recht. Von dem, was ich vor mehr als 30 Jahren bei meiner Führerscheinprüfung wusste, ist vieles längst nicht mehr abrufbar. Eigentlich müsste man sich dieses Wissen noch mal draufschaffen, denke ich manchmal, schließlich bin ich ja als aktiver Teilnehmer im Straßenverkehr unterwegs und sollte mich, aus rechtlichen wie praktischen Gründen gleichermaßen, mit den entsprechenden Regeln auskennen. Dass ich es nicht tue, verschafft dem Fahrschüler ungeahnte Triumphgefühle.

Zum Autor
  • Jessica Meyer
    Armin Himmelrath, Jahrgang 1967, ist Bildungsjournalist, lebt im Rheinland und kommt mit seinen drei Söhnen (17, 19, 22) auf insgesamt mehr als drei Jahrzehnte schulische Elternerfahrung. Sein Lebensmotto: Gelassenheit. Gelassenheit. Gelassenheit, verdammt noch mal!

Und die will er mit anderen teilen. Seit ein paar Wochen habe ich den Eindruck, dass er häufiger als früher Freunde mitnimmt, wenn ich ihn irgendwo hinfahre. Dann hockt mein Sohn neben mir, Marty und Mira sitzen auf der Rückbank. "Schulterblick!", brüllen sie voller Begeisterung im Chor, wenn sich meine Hand Richtung Blinker bewegt. "Geschlossene Ortschaft!" johlen sie einen halben Millimeter hinter dem gelben Schild. Oder einer der drei fällt in einen Singsang: "Der fünfte Gang ist dazu da, dass man ihn..." "... benutzt!", deklamieren die anderen dann in Stadionlautstärke. Wahrscheinlich sagt ihr Fahrlehrer den Satz immer.

Am Mittwoch hatte mein Sohn mal wieder Unterricht in der Fahrschule. Er war knapp dran, weil er vorher noch ganz vorbildlich mit dem Hund draußen war. Und weil es goss wie aus Eimern, habe ich ihn mit dem Wagen zur Fahrschule gebracht, ich bin ja schließlich ein verständnisvoller Fahrer. Ähm, Vater.

"Kannst du mich in der Querstraße da vorne rauslassen?", fragt er kurz vor dem Ziel, "ich will nicht, dass die anderen sehen, wie schlecht du fährst." Er erwischt mich in einem souveränen Moment - ich lasse die Provokation einfach ins Leere laufen und bin richtig stolz auf mich.

Als er aussteigt, guckt er mir tief in die Augen.

"Du denkst dran, versprichst du es mir?", fragt er mit treuherzigem Augenaufschlag.

Die Souveränität bröckelt rapide. Habe ich etwas vergessen? Ihm irgendwas versprochen, was heute Abend noch ansteht? Was ich noch kaufen muss? Ich habe keine Ahnung, was er meint. "Was?"

Langsam, ganz langsam zieht sich ein breites Grinsen über sein Gesicht. Er geht drei Schritte vom Auto weg. Sicherheitsabstand.

Er grinst immer noch: "Wenn du gleich losfährst: Schuablig!"

insgesamt 112 Beiträge
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Seite 1
elizar 23.03.2017
1. Ganz ehrlich?
Ihr Sohn kann ja einfach wieder busfahren. Ist bestimmt für alle Beteiligten angenehmer. Ich würde mir so ein respektloses Verhalten jedenfalls nicht allzulange gefallen lassen.
mazzeltov 23.03.2017
2. Praisorientierter Unterricht
Einfache Frage: Mit wessen Auto möchte der Filius fahren, wenn er den Führerschein erst mal hat? Eben... Erinnern Sie ihn beizeiten daran. Das ist nachgerade ihre väterliche Pflicht. Denn früher oder später muss unser Nachwuchs lernen: Es kommt im Leben nicht darauf an, wer mehr Ahnung hat, sondern... Und am praktischen Beispiel lernt man halt am nachhaltigsten. ;)
otelago 23.03.2017
3. Meine 2
der ältere ist fertig der 18j ist seit einer Weile zugange mit dem Schein. Wir hatten damals mit 18 den Ehrgeiz es so schnell wie möglich mit sowenig Fahrstunden wie möglich zu schaffen. Damaks gab es 10 pflichtstunden in j 1986. Heute herrscht Larifari und es gibt eine Agenda des Nichtwissens und Adac und ind Fahrschulen scheinen einen Pakt um möglichst viele Fahrstunden geschlossen zu haben. Meine Bahaptung dass man als Clevere auch heute mit 20 max hinkommt gilt als schräg. Es heisst der Verkehr sei viel dichter. Ich sage das ist Nonsens ich dtand auch wähtend meiner Fahrprüfung zu 50% vor roten Ampeln. Die Jungs wissen nicht dass man vorher üben muss und die Fahrschulen ziehen alles endlos in die Länge.
sikasuu 23.03.2017
4. Ruhig Fury,.. ahm Vater, spätestens wenn Lunior den Wagen haben will....
... ist das vergessen&vorbei. :-) . Dann den "neuen Mitbürger mit Fahrerlaubnis" nach links setzen. Sagen "so mach mal vor!" , einmal z.B hier ein paar Stunden durchs Ruhrgebiet jagen (immer schon nach 45 Minuten Kaffeepause die sind nicht längeres gewohnt) und dann fair sagen "Ok, du bekommst die Mühle alleine!" oder "Ne, ein paar Stunden musst du noch mit diesem Auto & mir zusammen fahren!" . Das gleicht sich dann wieder aus:-) . Btw. Als älterer Fahrer ist man in der Zwischenzeit sehr gefragt bei Umzügen von Jungvolk. Nicht zum Tragen, um Gottes willen, aber von denen darf fast keiner mehr Hänger oder >3.5-7.5t Fahren... Spätestens dann werden die gaaanz liebevoll&zahm:-) Mit Dackelblick nicht Schultablck
o.schork 23.03.2017
5. :-)
Nett geschrieben und ich finde das Verhalten des Sohnes auch nicht respektlos. Ein humorvolles Miteinander ist ein gutes Zeichen. Und sich selbst nicht so ernst nehmen auch. Und das schaffen beide, sowohl der Autor als auch der Sohn.
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