Lehrlingsmangel in Betrieben Suche Azubi, biete Auto

Kurz vor Beginn des Lehrjahrs sind in Deutschland noch Zehntausende Ausbildungsplätze frei. Die Lehrbetriebe locken mit Begrüßungsgeld, Smartphone oder einem eigenen Wagen.

Schüler beobachten Schweißvorgang: Mehr als 146.000 freie Lehrstellen
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Schüler beobachten Schweißvorgang: Mehr als 146.000 freie Lehrstellen


Berlin/Dresden - Bäckermeister Mario Dietrich aus dem sächsischen Colditz greift für seine Azubis tief in die Tasche. 1000 Euro "Begrüßungsgeld" zahlt er jedem, der die viermonatige Probezeit erfolgreich hinter sich bringt. Und dennoch sucht Dietrich noch sechs Auszubildende für seinen 90-Mitarbeiter-Betrieb: vier Verkäufer- und zwei Bäckerlehrlinge. In der Region gebe es einfach zu wenige junge Leute. Dresden, Chemnitz oder Leipzig seien zwar nicht weit, aber von dort wolle kaum einer aufs Land ziehen.

Wie Dietrich geht es derzeit vielen Unternehmern. Sie wollen ausbilden, finden aber keine Kandidaten. Die Bundesagentur für Arbeit meldete im Juli mehr als 146.000 freie Lehrstellen. Gleichzeitig sind rund 200.000 junge Menschen auf der Suche.

Die Industrie- und Handelskammern verbuchen in ihrer zentralen Lehrstellenbörse im Internet kurz vor Beginn des neuen Ausbildungsjahrs rund 10.000 freie Azubi-Plätze. Das liege zum einen daran, dass es weniger Jugendliche gebe - und damit weniger Bewerber, sagt Ausbildungsexperte Markus Kiss vom Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK). Vor allem in Ostdeutschland habe sich die Zahl der Schulabgänger in den vergangenen zehn Jahren auf rund 114.000 halbiert. Zudem gebe es einen anhaltenden Trend zum Studium. Und von den tatsächlichen Bewerbern erfülle eben ein Teil nicht die Anforderungen für die Berufsausbildung.

"Um leistungsstarke Azubis zu gewinnen, bieten viele Betriebe inzwischen Extras an", erklärt Kiss. Das könnten ein kleiner Dienstwagen sein, höhere Gehälter, Zuschüsse für Bus und Bahn oder ein Smartphone.

Vor allem im Handwerk sind materielle Lockmittel ein Thema. Die Handwerkskammer in Erfurt weiß von Betrieben, die ihren Azubis vierteljährlich Tankgutscheine zahlen, zudem Weiterbildungen oder Prämien für gute Noten. Der Handwerkskammer in Halle zufolge übernehmen Firmen oft das Bus- oder Bahnticket zur Berufsschule, Betriebe aus dem Lebensmittelbereich spendieren das Frühstück.

Nach einer Mitgliederbefragung der Handwerkskammer Schwerin locken 14 Prozent der Firmen mit erhöhtem Lehrlingsentgelt, acht Prozent mit Prämien oder Fahrtkostenzuschüssen.

Auch in Brandenburg lassen sich Unternehmen einiges einfallen: "Sie werben mit einer Übernahme nach dem Ausbildungsende oder Fortbildungsmöglichkeiten bis hin zum Meister, für den manche sogar die Finanzierung übernehmen", sagt die Pressesprecherin der Handwerkskammer Potsdam, Ute Maciejok.

Auch bei Marché soll sich Leistung für die Lehrlinge lohnen. Die Restaurantkette stellt ihren fünf besten deutschen Azubis im zweiten Ausbildungsjahr jeweils einen Smart zur Verfügung. Bis zum Ende ihrer Lehre können sie damit herumfahren - Benzin und Versicherung inklusive.

Der Azubi-Mangel bringt aber nicht nur materielle Vorteile für Ausbildungswillige. Auch Jugendliche, die das Zeugnis nicht voller Einsen haben, kriegen öfter eine Chance, sich im Betrieb zu beweisen.

Christiane Raatz/dpa/seh



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insgesamt 103 Beiträge
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Seite 1
altmannn 01.09.2013
1. Zuwanderung
Zitat von sysopDPAKurz vor Beginn des Lehrjahrs sind in Deutschland noch Zehntausende Ausbildungsplätze frei. Die Lehrbetriebe locken mit Begrüßungsgeld, Smartphone oder einem eigenen Wagen. http://www.spiegel.de/schulspiegel/abi/azubi-mangel-ausbildungsbetriebe-bieten-praemien-a-919053.html
kann helfen, das Problem zu lösen. Dann brauchen sich die Betriebe nicht mehr mit weniger geeigneten Bewerbern abquälen und die Extras sparen sie auch.
großwolke 01.09.2013
2. optional
Diese Entwicklung kann man als Chance verstehen: vielleicht geht durch den äußeren Druck das recht statusbewusste deutsche Berufsausbildungswesen ja dazu über, einfache Anlern-Jobs einfachen Ungelernten zur Verfügung zu stellen. Um ein paar geläufige Beispiele zu bringen: Putzen, Regale/Auslagen einräumen und Dinge über einen Scanner ziehen (Verkäufer), Pakete aufreißen/verpacken und Dinge in Regale stapeln bzw. bei Bedarf wieder rausholen (Fachkraft für Lagerwirtschaft) sind Sachen, die jeder trainierte Affe machen kann, die muss man nicht hinter ein- bis dreijährigen "Berufsausbildungen" verstecken. Da kann man sich auch Arbeitslose jenseits der 25 für ranholen, die kriegen das hin. Die wollen dann natürlich auch je nach Region so zwischen 7 und 10 Euro die Stunde dafür haben, klar, so ein Lehrling ist da natürlich viel "preiswerter" zu haben...
papayu 01.09.2013
3. Man nehme 200.000 Jugendliche schmeisse diese
in einen Pott von140.000 Lehrstellen, ruehre einfach um und ziehe dann entsprechend und macht es passend! Und Du kannst oben und unten unterscheiden, also mach einen Ingenieur. Und der Abiturient wird zum Drahtflechter ausgebildet. Ach so, das ist wie bei den Ministern. Mach Du mal ! Was Du bist Junggeselle, passt. Geh ins Familienministerium. Und Du, Du machst erst den Doktor, da kannste was werden bei uns. Billige Arbeitskraefte, mehr nicht. War schon immer so. Als ich 1956 in die Lehre ging, durfte ich im ersten Jahr, Laufbursche, Ableger und Broetchenholer machen. Denken Sie mal nach! Wer geht denn von den Jungen fuer nen Appel und nen Ei arbeiten, wenn es H4 gibt?
csmart48 01.09.2013
4. optional
Das liegt, denk ich, an mehreren Faktoren. Da gibt es die, die später nicht bei miesen Arbritszeiten und kargen Lohn arbeiten wollen. Dienstleistungsbranche, Pflege etc. Warum soll ich einen Beruf lernen wo ich später kaum Geld zum Leben habe ? Dann gibt es die, die studieren und Akademiker werden. Es gibt selten jemand mit Abitur der bei Marchè seine Ausbildung macht. Wenn er schlau ist. Zuletzt gibt es die Gruppe Hartz IV die in dem Großstadtghettos herangezüchtet werden. Wir laufen momentan in einen Teufelskreis rein. Die Betriebe sind nicht mehr in der Lage vernünftige Gehälter zu bezahlen aufgrund des Kostendruckes. Der deutsche möchte möglichst alles umsonst haben aber er kapiert nicht das Service und Qualität ihren Preis haben. Das Gleichgewicht ist schon lange aus den Fugen geraten. Wenn wir nicht bald was ändern brechen auch größere Betriebe weg. Die Zahl der Hartz IV Empfänger steigt kontinuierlich weiter an. Der Verbraucher merkt das er keine Leistung mehr in Anspruch nehmen kann weil keiner da ist der sie Erbringen kann. Am Ende stellen sich dann alle die Frage: Wie konnte das passieren ?
Ba-349 01.09.2013
5.
Zitat von altmannnkann helfen, das Problem zu lösen. Dann brauchen sich die Betriebe nicht mehr mit weniger geeigneten Bewerbern abquälen und die Extras sparen sie auch.
Das ist naives und unreflektiertes Geschwätz! 1. Sind mit Sicherheit nicht alle Zuwanderer die Top-Arbeitnehmer von morgen. 2. Müssen auch die vermeintlich schwächeren gefordert und gefördert werden, sonst züchtet man sich bewusst eine unmotivierte Unterschicht.
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