Kinderstück in Baden-Baden abgesetzt Theater um ein schwules Känguru

Das Theater in Baden-Baden hat ein Kinderstück um ein schwules Känguru vom Spielplan gestrichen - es kamen keine Zuschauer. Eine Posse über konservative Eltern und Bildungsinhalte.

Probe im Theater Baden-Baden für das Stück "Ein Känguru wie du"
Jochen Klenk/ Theater Baden-Baden/ DPA

Probe im Theater Baden-Baden für das Stück "Ein Känguru wie du"

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Django kann gut boxen, Django ist schwul, Django ist ein Känguru. Und das bewegt in diesen Tagen einige Gemüter im Südwesten. Denn das Kinderstück "Ein Känguru wie du", das eigentlich am Theater in Baden-Baden Schulklassen für Toleranz und Vielfalt sensibilisieren sollte, ist wieder aus dem Programm verschwunden.

"Mit der Zeit haben wir gemerkt, dass es nicht läuft. Es stellte sich heraus, dass Schulklassen es schlicht nicht besuchen", sagte Intendantin Nicola May. Dabei hatte das Stück für Kinder ab acht Jahren eigentlich gute Kritiken bekommen. Was war passiert?

Die örtliche Presse berichtete von Gegenwind, den Lehrer von Eltern bekamen, wenn sie ihre Schüler in das Stück mitnehmen wollten. Auch beim Theater habe man die "vermehrt gespaltenen Meinungen zum Stück bei einigen Lehrern und Eltern" mitbekommen.

"Wir hatten keine Protestplakate vor dem Haus", sagte May dem Sender SWR. In gelegentlichen Anrufen an der Kasse sei allerdings Skepsis herauszuhören gewesen.

Das Stück basiert auf einem Kinderbuch des Tübinger Autors Ulrich Hub, der häufiger auf Vorbehalte stößt, wenn er Schülern aus der Geschichte vorlesen will. Die Kinder seien "überfordert" und noch "zu klein" für das Thema Homosexualität, heiße es dann.

"Kinder haben kein Problem mit der Geschichte"

"Ich verstehe nicht, dass Erwachsene entscheiden, was für Kinder wichtig und richtig ist", sagte Hub dem SWR. "Meiner Erfahrung nach haben die Kinder überhaupt kein Problem mit der Geschichte."

Und die geht so: Zwei junge Zirkus-Raubkatzen büchsen kurz vor einer großen Show aus, weil ihr Dompteur schwul ist. Auf ihrer Flucht begegnen sie dem boxenden Känguru Django, ein Siegertyp, der sie viel über Toleranz und ihre eigenen Vorbehalte lehrt.

Das Schicksal des Kinderstücks zeigt, wie tief Vorbehalte gegen Homosexuelle in der Gesellschaft teilweise noch sitzen. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass achtjährige, zehnjährige Kinder Kontakt mit Homosexuellen haben", sagte die Chefin des Gesamtelternbeirats Baden-Baden und CDU-Politikerin, Anemone Bippes. "Die Lebensrealität der Kinder ist eine andere."

Der SWR hat hingegen mehrere Kinder interviewt, die von solchen Kontakten ganz unbefangen und selbstverständlich berichten.

Bei dem Streit geht es um mehr als ein Theaterstück: Die Landesregierung unter dem grünen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann versucht bewusst, das Thema sexuelle Vielfalt auch mit einem eigens aufgelegten Bildungsplan an Schüler heranzuführen. Dagegen haben konservative Eltern und andere Kritiker, die eine "Sexualisierung der Kinder" fürchten, mehrfach protestiert, zum Beispiel im vergangenen Jahr auf der "Demo für alle".

Intendantin May erinnert sich, dass diese Demo auch ein Grund dafür war, das Känguru-Stück auf die Bühne zu bringen. Dort wird es nun zwar nicht mehr aufgeführt. Aber bei den Theatertagen im 200 Kilometer entfernten Ulm steht es an diesem Mittwoch im Programm.

Die fast 200 Karten für zwei Vorstellungen seien beinahe ausverkauft, sagt Daniel Grünauer, Sprecher des Theaters Ulm. An den insgesamt zehn Theatertagen würden drei Kinderstücke aufgeführt, die sich mit Homosexualität beschäftigen. "Ich finde das gut, weil das Thema in diesem Bundesland offenbar noch abzuarbeiten ist", sagt Grünauer.

Und das Theater Baden-Baden? Dort lädt man für diesen Sonntag zu einer Lesung samt Diskussion zum Thema "Was darf ein Känguru im Kindertheater?" ein. "Wir wollten niemanden verletzen oder provozieren", sagt Intendantin May. "Wir wollen eine Handreichung geben, wie man mit dem Thema umgeht."

Mit Material von dpa

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keine-#-ahnung 04.07.2017
1. Wer das nicht versteht ...
"Ich verstehe nicht, dass Erwachsene entscheiden, was für Kinder wichtig und richtig ist" ... sollte weder Kinder erziehen noch Bücher für diese Zielgruppe schreiben. Und das Verhalten der Eltern als "Posse" zu beschreiben trifft eventuell den Nerv der LGBT oder GLBT oder LSBTTIQ oder wie sonst sich diese beschreiben, ganz sicher aber nicht den der Normalbevölkerung. Hier scheint eine ganz kleine Minderheit auf Missionszug zu sein ...
vox veritas 04.07.2017
2.
"Ich verstehe nicht, dass Erwachsene entscheiden, was für Kinder wichtig und richtig ist", sagte Hub dem SWR. "Meiner Erfahrung nach haben die Kinder überhaupt kein Problem mit der Geschichte." Das liegt daran, daß die Erziehungsberechtigung bei den Eltern liegt und nicht bei Staat. Wer damit Probleme hat, muß die Verfassung ändern.
troy_mcclure 04.07.2017
3. Und was will man machen?
Soll es Zwangsvorstellungen geben? Wenn die Nachfrage nicht da ist, dann ist es eben so. Ich habe dieses Stück übrigens schon einmal als Hörspiel im Radio (ich meine D-Radio Kultur) gehört und fand es gut.
gogan 04.07.2017
4. Wer...
..ausser den Eltern entscheidet, was für ihre Kinder richtig und wichtig ist ? Der Staat ? Die Grünen? Ein Herr Hub ? Mit Sicherheit nicht.
marty_gi 04.07.2017
5. DfA = AfD
Die Chefin des Gesamtelternbeirates glaubt also nicht, dass Kinder Kontakt mit Homosexuellen haben....aha. Was glaubt denn die Chefin, wo Homosexuelle leben? In Ghettos? In kinderfreien Zonen? Ich wuerde mal behaupten, genau darum geht es bei diesem Theaterstueck. Und auch beim Lehrplan. Das Homosexuelle eben ueberall zu finden sind. Und etwas voellig normales sind. Der Arzt im Krankenhaus, der Landschaftsgaerter im Park, der Steuerbeamte, der Kebab-Verkaeufer, usw. - ueberall werden Kinder mit Homosexuellen konfrontiert. Nur wird da keine Sache draus gemacht. Die "Sache" wird immer nur von den ach so besorgten Eltern heraufgesponnen, die insgeheim wohl Angst haben, allein durch die Anwesenheit von Homosexuellen koennten ihre eigenen Kinder auch homosexuell werden. Solche Eltern, und insbesondere die "Demo fuer Alle" - Veranstalter, sind die wahre Gefahr fuer Kinder. Da sie eine weltoffene, realitaetsbezogene und vorurteilsfreie Erziehung verweigern und ihren Kindern und deren Umwelt damit einen erheblichen Schaden zufuegen. Der im schlimmsten Falle bis zu Selbstmorden fuehrt. Zu Bullying und der Nutzung einiger Woerter als Schimpfwoerter aber in nahezu jedem Fall. Auch ohne die befuerchtete "Frueh-Sexualisierung".
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