Baden-Württemberg Das Versicherungsgeschäft mit den Schülern

Lehrer in Baden-Württemberg verteilen jedes Jahr Angebote für Zusatzversicherungen an ihre Schüler - im Auftrag des Kultusministeriums. Verbraucherschützer sind alarmiert.

Schüler auf dem Schulweg (Archiv)
DPA

Schüler auf dem Schulweg (Archiv)

Von Wolfgang Messner


"Den musst du ausfüllen, Mama." Mit diesen Worten legten die beiden Söhne von Juliane S. ihr jeweils einen hellgrünen Zettel hin. Sie kannte das schon. Am ersten Schultag nach den Ferien bringen die beiden, zehn und elf Jahre alt, immer diverse Schreiben der Schule nach Hause. Und einer ist immer hellgrün. Es ist ein "Versicherungsausweis für die Schüler-Versicherungen".

Zu Schuljahresbeginn werden in Baden-Württemberg an staatlichen und privaten Schulen von den Klassenlehrern Versicherungspolicen an die Schüler verteilt. Im württembergischen Teil des Bundeslandes die der Württembergischen Gemeinde-Versicherung AG (WGV) und im badischen Teil des Landes die des Badischen Gemeinde-Versicherungs-Verbandes (BGV). Die einen sind hellgrün, die anderen rosa.

Alle 1,5 Millionen Schüler bekommen eine Police ausgehändigt, verbunden mit der Bitte des Lehrers, den Vertrag inklusive der fälligen Rate wieder abzugeben. Die Versicherung kostet nicht viel, nur einen Euro pro Schuljahr. "Da hinterfragst du das gar nicht", sagt die 44-Jährige.

Wie der Mutter aus Esslingen geht es Hunderttausenden Eltern in Baden-Württemberg. Sie unterschreiben, geben ihren Kindern den Euro mit und vergessen die Angelegenheit wieder. Manche füllen auch eine der Zusatzversicherungen aus für Garderobe (ein Euro), Fahrrad (sechs Euro), Musikinstrumente (sechs Euro) und für Internatsschüler (sechs bis sieben Euro). Inbegriffen sind neben einer Haftpflicht-, auch eine Unfall- und Sachschadensversicherung.

In der Regel zahlt die gesetzliche Versicherung

Dabei ist eine Schülerzusatzversicherung nach Ansichten von Branchenkennern kaum notwendig. Alle 1,5 Millionen Schüler an den 4062 allgemeinbildenden und den 784 beruflichen Schulen zwischen Konstanz und Mannheim sind per Gesetz ohnehin unfallversichert. Und die meisten Familien haben auch schon Haftpflichtversicherungen.

Der Versicherungsschutz der gesetzlichen Unfallversicherung erstreckt sich nicht nur auf die Unterrichtszeit selbst; auch während der Pausen und auf dem Schulweg sind Kinder gesetzlich unfallversichert. Bei den 167.885 Unfällen in der Schule und den 15.753 Unfällen, die 2016 in Baden-Württemberg auf dem Schulweg passierten, sei in aller Regel die gesetzliche Unfallversicherung eingetreten, heißt es von der Unfallkasse Baden-Württemberg. "Leider weiß das kaum jemand", sagt ein Sprecher. "Die Eltern denken immer, dafür sind die WGV oder BGV zuständig. Die kennen sie, weil sie dort einen Euro einzahlen müssen."

Peter Breun-Georke, Syndikus der Wettbewerbszentrale in Bad Homburg, findet es "merkwürdig", dass Versicherungen an Schulen vertrieben werden. "Bei 1,5 Millionen Schülern und Schülerinnen als potentielle Versicherungsnehmer kann man nicht von Geringfügigkeit sprechen", argumentiert der Rechtsanwalt. Die Schule sollte seiner Ansicht nach ein geschützter und werbefreier Ort sein: "Dort sollten keine solchen Geschäfte stattfinden."

Ehrenwertes Engagement oder dreiste Werbung?

Die Praxis besteht schon seit 1971. Sie widerspreche einer Verwaltungsvorschrift vom September 2002 zur "Werbung für wirtschaftliche, politische, weltanschauliche und sonstige Interessen" an baden-württembergischen Schulen, so Breun-Goerke. Das Land hatte allerdings vier Jahre zuvor die Schülerzusatzversicherungen in einer anderen Verwaltungsvorschrift noch gutgeheißen. In anderen Bundesländern kennt man solche Geschäfte in Schulen nicht.

"Die Schulen behandeln das Angebot meist wie eine Pflichtversicherung. Dabei ist es das gar nicht", erklärt Peter Grieble von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. "Schüler, Eltern und Lehrer werden mit diesem Angebot oft alleine gelassen."

Verbraucherschützer schätzen die Schülerzusatzversicherung als unnötig und ineffizient ein. Das Angebot sei lückenhaft und decke nur einen sehr kleinen Ausschnitt ab. Beispielsweise sei die Versicherungsleistung bei einer Vollinvalidität in Höhe von 112.500 Euro "nicht ausreichend". Vorwürfe, die die Versicherer zurückweisen.

Schüler werden unter Druck gesetzt

Der Mann von Juliane S. ist Berufsschullehrer. Er hatte sich bei seinem Schulleiter darüber beschwert, auch noch als Versicherungsmakler agieren zu müssen. Der Rektor aber bestand auf dem Verfahren. Notfalls müsse man bei den Schülern, die keine Police abgeben wollten, eben Druck machen. "Denen wurde gesagt: Wenn ihr da nicht dabei seid, dann dürft ihr zu keinem Ausflug mehr mitfahren", erzählt Juliane S. Verbraucherschützer kritisieren solche Praktiken schon lange. WGV und BGV geben an, davon nichts zu wissen.

Kritisch sehen die Verbraucherschützer auch, dass es keinerlei Beratung beim Verkauf der Versicherungen gebe. Die Konzerne halten dagegen, das sei wegen der Geringfügigkeit der Police von einem Euro gar nicht notwendig. Die "Mitwirkung der Lehrkräfte", sekundiert auch das Ministerium, falle "kaum ins Gewicht".

Für WGV und BGV stellen die Ein-Euro-Verträge in Summe ein einträgliches Geschäft dar - bei minimalem Aufwand. Sie müssen lediglich die Policen an die Schulen senden. Die Lehrer verteilen die Verträge und kassieren das Geld. Die Schulverwaltungen überweisen die Beiträge an die Konzerne. Angaben über Einnahmen verweigern BGV und WGV mit Verweis auf "vertragliche und gesetzliche Vorgaben" sowie auf "Geschäftsgeheimnisse".

Bei einem bis acht Euro Einnahmen pro Schüler kämen Millionen für den Versicherer zusammen, ist sich Ralph Audörsch sicher. Der 52-Jährige betreibt in Ottersweier eine freie Versicherungsagentur. Er ist in den Schulen seiner drei Kinder im Alter zwischen 8 und 18 Jahren Elternvertreter und wettert im Internet gegen die Verträge. "Ich habe es noch nie erlebt, dass es einen Schadensfall gab", sagt er.

Während die WGV auch hierzu die Auskunft verweigert, gibt die BGV an, man bearbeite pro Schuljahr "mehrere tausend Schadensfälle". Ein Fahrradunfall in 2017 etwa sei mit weit mehr als 100.000 Euro reguliert worden.



insgesamt 59 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
sammilch 16.01.2018
1.
""Denen wurde gesagt: Wenn ihr da nicht dabei seid, dann dürft ihr zu keinem Ausflug mehr mitfahren", erzählt Juliane S." Ich kann nicht in Worte fassen, wie sehr mich solches Verhalten ärgert. Aber auch das der Eltern, die ganz kritiklos unterschreiben.
Neckarwelle 16.01.2018
2.
Der Artikel ist wenig hilfreich, weil er einmal mehr alles über einen Kamm schert. Sicher kann man sich über die Sinnhaftigkeit einer zusätzlichen Unfallversicherung bei Vorhandensein der gesetzlichen Unfallversicherung streiten bzw. diese als sinnlos empfinden. Aber alleine die Instrumentenversicherung (6,- EUR pro Jahr) ist für alle Schüler sinnvoll, die ein Instrument mit zur Schule bringen, und das ist bei einer Vielzahl der Schüler der Fall. Ich bezweifle, dass die Versicherungen damit riesige Gewinne einfahren. Ich selber kenne zahlreiche Fälle, in denen Schäden wie Instrumentenreparatur oder Garderobenklau unbürokratisch und kulant geregelt wurden. Eine repräsentative Nachfrage bei Rektoren hätte dies schnell verifiziert. Die Behauptung des Versicherungsagenten, es hätte keine einzige Regulierung gegegen, ist schlichtweg Blödsinn. Dass diese Zusatzversicherungen als Pflichtversicherungen verkauft werden und auch noch Druck auf Schüler und Eltern ausgeübt wird, geht natürlich überhaupt nicht. Die reine Information, dass es solche Zusatzversicherungen gibt, ist aber m.E. nicht zu beanstanden.
danubius 16.01.2018
3. Unglaubliche Verknüpfung
Zitat: Die Konzerne halten dagegen, das sei wegen der Geringfügigkeit der Police von einem Euro gar nicht notwendig. Die "Mitwirkung der Lehrkräfte", sekundiert auch das Ministerium, falle "kaum ins Gewicht". Zitatende. Meiner Meinung nach ist die Mitwirkung der Lehrkräfte geradezu essentiell: wer sonst als die Lehrer kennt die Schüler, kann diese überzeugen, verfügt zudem noch über die Adressen dieser Zielgruppen und ist bereit, den ersten Schritt in dieser Akquise zu übernehmen? Die beiden Versicherungen tun sich mit dieser Art der Akquiseunterstützung sehr leicht. Das dadurch gewonnene Adress- und Datenmaterial ist das eigentliche "Gold" für die Versicherer. Dass hier das Ministerium auch noch aktive Beihilfe durch o.a. Äusserungen / Beschwichtigungen leistet (es gibt auch noch andere Versicherer, die solche ZUSATZVERSICHERUNGEN anbieten) ist ebenfalls eine Sauerei, zudem verletzt es m.M. nach das Neutralitätsgebot der öffentlichen Hand.
Bolligru 16.01.2018
4. Eine Beratung ist nicht notwendig?
Meines Wissens muß jede Versicherungsvermittlung, egal in welcher Höhe, dokumentiert werden und der Kunde zumindest explizit einen Beratungsverzicht unterschreiben. Ansonsten ist eine Beratung über Art und Umfang der Versicherung Pflicht. Gerade eine Unfallversicherung, deren Tarife in unterschiedlichsten Formen ausgestaltet sein können, ist keine Pauschalversicherung. Im schlimmsten Fall kündigt der Kunde eine vorhandene besser ausgestatte Versicherung (oder schließt sie gar nicht ab), weil er glaubt, das eine ausreichende Versicherung besteht. Unglaublich. Makler, Versicherungsberater, Vermittler werden zu umfangreicher Dokumentation gezwungen und haften für die Richtigkeit Ihrer Empfehlung und hier werden Versicherungsverträge einfach so klammheimlich unters Volk gebracht?
fanasy 16.01.2018
5. Wenn die Versicherung keine Gewinne machen würde
dann würde sie die Versicherung gar nicht anbieten. Wie einfältig müssen doch manche echt sein.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.