Lehrer in Baden-Württemberg "In meinen ersten Sommerferien musste ich Hartz IV beantragen"

Patrick Friede ist Gymnasiallehrer. Doch wenn in Baden-Württemberg Ende Juli die Sommerferien beginnen, wird er arbeitslos - sein befristeter Vertrag endet, schon zum dritten Mal. Hier berichtet er, wie sich das anfühlt.

Lehrer in der Oberstufe eines Gymnasiums (Symbolbild)
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Lehrer in der Oberstufe eines Gymnasiums (Symbolbild)

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Der Beginn der Sommerferien ist für Patrick Friede der Beginn der Arbeitslosigkeit - bis er mit Schuljahresanfang wieder einen neuen Arbeitsvertrag bekommt. Seit drei Jahren ist der 34-Jährige Vertretungslehrer mit befristeten Arbeitsverträgen. Und er ist kein Einzelfall: In Baden-Württemberg sind dieses Jahr fast 1700 Lehrer von Arbeitslosigkeit während der Sommerferien betroffen. Bundesweit schätzt die Arbeitsagentur die Zahl auf rund 4900.

Patrick Friede über seine Erfahrungen als Lehrer mit befristetem Vertrag

Patrick Friede hat Evangelische Religionslehre und Spanisch auf Lehramt studiert
Privat

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"Ich bin einer von den Lehrern, über die gerade so viel diskutiert wird: angestellt, mit einem befristeten Vertrag - und ab dem ersten Tag der Sommerferien für sechseinhalb Wochen arbeitslos. Derzeit befinde ich mich noch in meinem dritten befristeten Vertrag hintereinander. Die laufen immer für zehneinhalb Monate, danach kommen die Sommerferien mit der Arbeitslosigkeit. Zum Glück kennen die das bei der Arbeitsagentur schon.

Besonders im ersten Jahr war das aber eine echte Katastrophe für mich und meine Familie. Weil ich zuvor nur zehneinhalb Monate gearbeitet hatte, reichte die Zahl der Beschäftigungstage nicht aus, um Anspruch auf Arbeitslosengeld zu erheben. Also musste ich - in meinen ersten Sommerferien als ausgebildeter Lehrer - Hartz IV beantragen. Ich kann gar nicht beschreiben, wie demütigend sich das anfühlt als junger Familienvater. Wir hatten Existenzängste und haben uns schon gefragt, wie wir das schaffen sollen mit unseren Kindern.

Ich habe damals überlegt, nach Berlin zu ziehen. Dort werden Lehrer einfach besser behandelt. Ich hatte sogar schon ein Vorstellungsgespräch bei einer Grundschule in Spandau, habe mich dann aber letztlich dagegen entschieden. Die Entfernung zu meiner Heimat, zu den Freunden und zur Familie in Heilbronn wäre doch zu groß gewesen. Und auch aus Landessicht ist das doch absurd: Da bildet man Lehrkräfte aus und bietet ihnen dann keine Perspektive. Wenn man ans Ministerium schreibt, kommen nur nette Briefe zurück: Man solle es bitte bei der nächsten Bewerbungsrunde wieder probieren.

Wie geht es im Sommer weiter?

In den vergangenen zwei Jahren war ich jetzt die ganze Zeit an einer Gemeinschaftsschule. Die Schulleitung wollte mich auch gerne dauerhaft dort einsetzen, es gibt aber keine unbefristeten Planstellen. Das wirkt sich auch in ganz anderen Bereichen des Lebens aus. Die Einbürgerung meiner Frau scheiterte zunächst daran, dass ich nur einen befristeten Arbeitsvertrag habe, obwohl sie sonst alle Voraussetzungen erfüllte. Und auch bei der Wohnungssuche ist man als Aushilfslehrer massiv im Nachteil - obwohl man gar nicht so schlecht verdient. Aber die Vermieter schauen eben vor allem auf das Wort 'befristet' im Arbeitsvertrag und winken dann ab.

Die Sache mit der Befristung überlagert fast das gesamt Schuljahr. Zwischen September und Weihnachten geht es noch, dann macht das Unterrichten richtig Spaß und alles fühlt sich richtig an. Aber zum Jahresende geht es dann mit den Sorgen los: Wie geht es im Sommer weiter? Gibt es einen neuen Vertrag? Kann ich an der Schule oder wenigstens in der Nähe meines Wohnorts bleiben? Und ab Februar schauen Sie dann in jeder Fünf-Minuten-Pause auf dem Handy in die Mails, um zu sehen, ob es eine Mailantwort auf die laufenden Bewerbungen gibt. Das ist wirklich belastend.

Trotzdem bin ich gern Lehrer. Und ich werde jetzt, nach meiner diesjährigen Sommer-Arbeitslosigkeit, wieder an eine andere Schule wechseln. Wenn ich da ein paar Jahre unterrichtet habe, ist mir eine unbefristete Stelle an einem Gymnasium garantiert. Dann bin ich endlich da, wo ich immer hinwollte."



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