Bahnstreik trifft Schüler Zu spät zur Abi-Prüfung

Schüler stehen um halb fünf auf, eine Rektorin schickt einen Notfall-Bus los: Zehntausende Abiturienten leiden unter dem Bahnstreik und haben Angst um ihre Reifeprüfung.

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Warten in Berlin: Abiturienten bangen um Prüfungen
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Warten in Berlin: Abiturienten bangen um Prüfungen


Saskia Dreßler ist am Dienstag um halb fünf Uhr morgens aufgestanden. Jeden Tag muss die 19-Jährige von Ludwigsburg nach Stuttgart fahren. Dort ist das Gymnasium, an dem sie gerade Abi schreibt. Dreßler nimmt zuerst den Bus, dann die S-Bahn und dann die U-Bahn. Eine Stunde braucht sie für den Weg zur Schule. Normalerweise. Am Dienstag war die 19-Jährige zwei Stunden unterwegs. "Ich bin extra früh aufgestanden, um rechtzeitig anzukommen", sagt sie.

Die S-Bahn sei total überfüllt gewesen und habe 50 statt 25 Minuten gebraucht. Der Lokführer habe die Leute gebeten auszusteigen: "Das klappte aber nicht, es drängelten sich immer mehr Menschen hinein." Mit dem Auto ihrer Eltern habe sie nicht fahren können, ihr Vater brauche es, weil er im Schichtdienst arbeite. Außerdem reiche der Parkplatz der Schule ohnehin nicht aus, sagt sie. Viele Schüler bekämen regelmäßig Strafzettel, weil sie irgendwo parkten, wo es nicht erlaubt sei.

Eine schriftliche und zwei mündliche Abi-Prüfungen hat Dreßler noch vor sich. Auf dem Weg zu den restlichen Prüfungen wird sie ebenfalls auf den Notfallplan der Bahn vertrauen. Eine Mitschülerin wird es zu einem Vorstellungsgespräch in Köln aber wohl nicht schaffen.

Rektorin ließ die Schüler abholen

Auch in anderen Bundesländern sind Schüler und Abiturienten vom Bahnstreik betroffen. Rund 90.000 Schüler sind es in Brandenburg, davon 8800 Gymnasiasten, die in diesen Tagen ihr Abitur ablegen. An einer Schule seien 40 Prozent der Schüler nicht erschienen, sagt der Sprecher des Brandenburger Bildungsministeriums, Florian Engels.

Er hat am Dienstag allen 940 Schulen in Brandenburg eine E-Mail geschrieben, weil er wissen wollte, wie sehr sich der Streik bei Schülern und Lehrern auswirkt. Nun bekommt er viele Rückmeldungen. Insgesamt sei das Engagement recht groß, sagt er. Eltern und Lehrer würden vermehrt privat fahren und ein Schüler habe bei einem Kumpel übernachtet, der in der Nähe der Schule wohne.

Margrit Kanitz, Schulleiterin der Beruflichen Schule Theodor Hoppe in Potsdam, ließ die Schüler mit einem Bus abholen. "Sie wären sonst nicht in den Unterricht gekommen", sagt Kanitz. "Einige Schüler hätten sich vielleicht über den Schulausfall gefreut, aber andere haben auch nachgefragt, wie sie herkommen können."

In 14 Bundesländern kollidiert der Bahnstreik mit den Abiturprüfungen: Baden-Württemberg, Bayern, Berlin, Brandenburg, Bremen (mündliche Prüfungen), Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen (Nachtermin), Saarland (Nachtermin), Sachsen, Sachsen-Anhalt, Schleswig-Holstein und Thüringen.

Zu spät in der Prüfung? Kein Problem!

In Sachsen hat das Kultusministerium bereits erste Konsequenzen aus dem Bahnstreik gezogen. Gymnasiasten, die bis zu eineinhalb Stunden zu spät zu den Abiturprüfungen kommen, dürfen trotz der Verspätung teilnehmen, wie das Ministerium bekannt gab.

In Nordrhein-Westfalen hat sich ein Elternverband über das ungünstige Timing des Bahnstreiks beschwert. Die Landeselternkonferenz sieht die zentralen Abschlussprüfungen von Zehntklässlern in Gefahr. In einem Brief an GdL-Chef Claus Weselskyheißt es: "Ein entspanntes Schreiben und korrekte Teilnahme an der Prüfung" werde durch den Ausstand Tausenden Schülern unmöglich gemacht. Durch den Streik würden Unsicherheiten geschürt, die Prüflinge seien die Leidtragenden.

Auf Twitter posteten Schüler ihren Unmut und ihr Unverständnis über den Zeitpunkt des Bahnstreiks:

Der Bahnstreik trifft auch rund 3000 Schüler, die zum Sportwettbewerb "Jugend trainiert für Olympia" (JTFO) nach Berlin fahren. Hauptsponsor des Schulwettbewerbs ist die Deutsche Bahn, die die Kinder in die Hauptstadt bringen wollte.

"Am Montag gab es einen Krisengipfel, wir haben überlegt, ob wir den Wettbewerb absagen sollen", sagt JTFO-Sprecher Kai Gemeinder. "Wir haben alle Schulen angerufen und gefragt, ob die Mannschaften noch anreisen wollen - alle haben zugesagt. Jetzt erst recht, hieß es von vielen." Die Organisatoren übernehmen nun die Kosten für Busse oder Autos, die die Betreuer mieten müssen, um nach Berlin zu kommen. 100.000 Euro hat die Deutsche Schulsportstiftung dafür bereitgestellt. Auch für Sportler, deren Sportstätte weiter weg von der Unterkunft liegt, ist gesorgt. Sie werden mit Bussen dorthin gefahren. "Ob sich die Bahn an den Mehrkosten beteiligt, ist noch nicht klar", sagt Gemeinder.

Die Abiturientin Saskia Dreßler aus Stuttgart muss nun wie Zehntausende andere Abiturienten und ihre Schulen jeden Tag aufs neue hoffe, dass sie in die Schule kommt. "Irgendwas wird schon fahren", sagt sie.

Mit Material von dpa



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insgesamt 137 Beiträge
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Seite 1
P-Centurion 06.05.2015
1.
Warum sollten sie in einer freien, gerechten und demokratischen Gesellschaft Angst haben bei sowas? Leben wir in einem totalitären Land wo es dann einfach heißt "pech gehabt"? Wenn diese Verspätungen nicht berücksichtigt werden, und demokratische Streiks dafür verantwortlich gemacht werden, läuft was ganz grundlegendes falsch.
3-plus-1 06.05.2015
2.
Na, wann kommen die ersten Kommentare, dass die Schüler doch bitte Solidarität zeigen sollen? So als Generalstreik gegen ihren "Arbeitgeber"? Gut, die Schule wird das nicht interessieren. Da fällt man nur durch und reduziert seine Chancen im weiteren Lebensverlauf. Und selbst wenn man gerade noch rechtzeitig ankommt, ist das extrem schlecht für die Konzentration, wenn der Puls durch das permanente "Schafe ich's noch?" schon auf 180 ist. Aber zumindest lernen die Schüler was für ihr eigenes Leben: Denke an dich selbst zuerst und schei**e auf das was für die anderen gut sein könnte. Heute gewinnt die GDL und du leidest, Morgen ist es wieder anders herum. Aber auf alle Fälle lass dich nicht von Gutmenschen einlullen, die dir ein schlechtes Gewissen reden wollen, weil du satt ÖPNV ab jetzt besser individual verkehrst. Ist übrigens eine gute Gelegenheit mal die Führerscheinreform von 2013 näher zu betrachten. Seit dem kann man nun auch mit 16 Jahren 125er ohne Geschwindigkeitsbeschränkung fahren. Damit kommst du auch bei Bahnstreik an und fährst im Stau durch die Mitte. Rechtzeitig zu jeder Prüfung, auch später an der Uni. Das ärgert die Autofahrer? Na und? Wenn du dich heute ärgerst, schert sich da doch auch keine S*u drum.
jetlag chinaski 06.05.2015
3. Reifeprüfung
heisst es nicht umsonst. Liebe AbiturientenX, lasst euch was einfallen! Ihr schafft das! Ihr seid unsere Zukunft! Ich glaub an euch...
lupidus 06.05.2015
4.
kann man nicht warten bis alle da sind ? die situation gebietet doch ein wenig flexibilität. außerdem haben doch alle ein handy. da kann man anrufen und fragen was los ist.
Hesekiel 06.05.2015
5.
Mein Verstaendnis fuer den mittlerweile 8 (!) Streik der GDL seit Herbst 2014 ist schlicht erschoepft, dass auch Abiturienten bei einer derartigen Massnahme in Geiselhaft genommen werden wie jeder andere auf Zuege Angewiesene auch liegt dagegen in der Natur der Sache. Ein wenig mehr Augenmass haette insgesamt gut getan, um diesen "Arbeitskampf", der letztlich nur das Ueberleben einer Exotengewerkschaft retten soll, noch irgendwem begreiflich zu machen.
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