Heile Welt im Kinderbuch Wo der Bauer noch richtig wichtig ist

Bauernhöfe sind in Kinderbüchern als Heile-Welt-Version omnipräsent. Warum gaukeln wir unseren Kindern ein Landleben vor, das es gar nicht gibt?

Sammlung historischer Kinder- und Jugendliteratur

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Nichts ist gemütlicher als Petterssons Bauernhof. Irgendwo in Schweden, im Grünen, die Stadt mit ihrem unsteten Treiben außer Sichtweite. Findus, der kleine Kater, entdeckt in Schuppen und Wohnhaus jede Menge alten Trödel zum Spielen. Und wenn er mal in Schwierigkeiten gerät, bringt der alte Pettersson alles in Ordnung.

Kinder lieben die charmanten Geschichten von Pettersson und Findus. Und wir, die vorlesenden Eltern, auch. Bis Petterssons Idyll mit der Realität konfrontiert wird, zum Beispiel mit der harmlosen Frage: "Papa, was ist vegetarisch?" Schnell landet man beim Thema Fleischkonsum, bei Fragen der Tierhaltung. Und dabei, dass Bauernhöfe meist Agrarfabriken sind, keine Abenteuerspielplätze. Pettersson kennt jedes Huhn persönlich. Schlachtung, Legebatterie, Kükenschreddern? Fehlanzeige.

Landwirtschaft ist ein Top-Seller bei Kinderbüchern - gerade jetzt wieder, kurz vor Weihnachten. Und die allermeisten vermitteln ein heimeliges Bild vom Leben auf dem Lande. "Verglichen mit Erwachsenenliteratur handeln Kinderbücher überdurchschnittlich häufig vom Leben auf dem Bauernhof", sagt Julia Benner, Literaturwissenschaftlerin an der Berliner Humboldt-Uni.

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Bauernhöfe im Kinderbuch: Kikeriki! Brumm!

Da gibt es nicht nur die schwedischen Klassiker wie Pettersson, "Mama Muh" oder Astrid Lindgrens Geschichten aus Bullerbü und von Michel aus Lönneberga. In vielen Buchreihen geht es auch mal auf den Bauern- oder Ponyhof, gerade Bilderbücher widmen sich gerne Hoftieren. Hinzu kommen populäre Fernsehserien wie "Kleiner roter Traktor" oder "Shaun das Schaf", von denen es gedruckte Ableger gibt.

Warum gaukeln wir unseren Kindern so gern ein Landleben vor, das es so nicht gibt? Die Frage stellt sich schon allein wegen der minimalen Bedeutung, die der Agrarsektor heute nur noch hat: Während er 1950 rund ein Viertel der deutschen Wirtschaftsleistung ausmachte, sind es gegenwärtig nur noch 1,4 Prozent.

Oink-oink! Kikeriki!

"Bauernhöfe finden sich in den Kinderbüchern von Beginn an", sagt Hartmut Hombrecher von der Sammlung historischer Kinder- und Jugendliteratur der Uni Göttingen. "Schließlich waren sie in vormodernen Gesellschaften Teil des täglichen Lebens." Was aber macht sie für Kinder in der Gegenwart so attraktiv?

  • "Viele Kinder interessieren sich für alles, was sich aus eigener Kraft bewegt", erklärt Julia Benner. Und davon gibt es mit den Tieren und den Landmaschinen auf den Höfen eine ganze Menge. Dabei werden Kinder mit technischem Interesse ebenso angesprochen wie die, die lieber ein Kaninchen knuddeln.
  • Das Thema eignet sich gut zum Vorlesen: "Oink-oink", "kikeriki" oder "brumm" - Wissenschaftler sprechen vom "performativen Charakter".
  • Es gibt viele Anknüpfungspunkte an den Alltag. Etwa, wenn es darum geht, woher unser Essen kommt.
  • Die Tiere des Hofes sind gute Identifikationsfiguren. Petterssons Kater Findus zum Beispiel ist stets in der Rolle des neugierigen, aber auch chaotischen Kindes. Shaun das Schaf ist auf gewitzte Weise subversiv, sein Bauer in der Vaterrolle.

Alles in bester Ordnung

Tatsächlich sind es allerdings die Erwachsenen, die die Bücher kaufen. Für sie spielen weitere Aspekte eine Rolle:

  • Viele empfinden - ob bewusst oder unbewusst - den Bauernhof noch immer als die Heimat des gesellschaftlichen Geschehens. In einer stark idealisierten Vorstellung geht es um den Einklang von Mensch und Natur: Zwar werden die Tiere in den Büchern auch von den Menschen genutzt - das Schaf mit seiner Wolle -, aber sie sind ihnen dennoch freundschaftlich verbunden. Harmonischer geht's kaum.
  • Außerdem lesen Eltern gern Bücher vor, die sie aus der eigenen Kindheit kennen. "Diese Nostalgie führt dazu, dass Traditionslinien in der Kinderliteratur oft erstaunlich lange fortgeführt werden", erklärt Benner.
  • Und schließlich werden oft Ordnungsvorstellungen transportiert. Etwa, wenn bei Pettersson und Findus ausgerissene Tiere einen Gemüsegarten verwüsten, bis sie am Schluss "wieder auf der Weide" sind, "wo sie hingehören". "Oft findet in Bauernhof-Büchern eine Rückkehr zum Ausgangszustand statt", erklärt Hombrecher, "während in anderen oft ein neuer Zustand zum guten Ende führt." Das funktioniert auf dem Bauernhof so gut, weil dort Menschen und Tiere ihren festen Platz haben.

Die Bauernhofidylle findet sich laut Hombrecher schon in der Mitte des 19. Jahrhunderts, oft in Gegenüberstellungen mit den damals boomenden Städten. Ein Buch von Heinrich Goltz von 1922 trägt den Titel "Auf dem Lande ist's doch am schönsten".

Immer wieder werden Kinderbücher für diese Idealisierung kritisiert. Andererseits muss man einem Dreijährigen vielleicht auch noch nicht die qualvollen Seiten moderner Geflügelfabriken vor Augen führen.

Noch mehr Bauernhof-Bücher

Kindersachbücher bemühen sich um eine realistischere Darstellung. So wurde "Alles über den Bauernhof" aus der "Wieso-Weshalb-Warum"-Reihe von Ravensburger von Landwirten für seinen Realismus gelobt. Hier werden auch Melkroboter und Großanlagen gezeigt und die Unterschiede zwischen herkömmlichen und Biobauernhöfen erklärt. Dass es in den Mastbetrieben nicht so kuschelig zugeht wie auf Petterssons Hof, wird trotzdem deutlich.

Kritischer im Ton sind Bücher wie "Karl Klops, der coole Kuhheld" oder "Schweinchen Schlau". Diese Titel - von 2012 und 2016 - erzählen Bauernhof-Geschichten aus der Perspektive des Veganismus. Abschreckende Szenen beim Schlachter gibt es auch hier nicht, es fänden sich wohl kaum Eltern, die das Vorlesen damit belasten wollen.

In "Karl Klops" kann ein Junge mit den Tieren sprechen und erfährt so, wie es ihnen wirklich geht. In "Schweinchen Hugo reißt aus" wird der Stall als Gefängnis geschildert, in "Schweinchen Schlau" will ein Ferkel verhindern, dass der Bauer seinen Papa zum Schlachtfest abholt. Meist geht es dabei um die Verlustängste der Tiere.

So haben Eltern heute noch mehr Auswahl, mit welchen Büchern sie ihren Kindern vom Bauernhof erzählen wollen - passend zum eigenen Konsumverhalten.

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