Bayerisches Gymnasium Otto Beisheim lässt Millionenspende platzen

Metro-Gründer Otto Beisheim wollte einem Gymnasium am Tegernsee zehn Millionen Euro spenden. Bedingung: Die Schule sollte seinen Namen tragen. Doch die Lehrer forderten Aufklärung über seine Vergangenheit in der Waffen-SS - der Milliardär zog seine Spende trotzig zurück.

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Es war wie im Märchen. Dem Gymnasium Tegernsee flatterte diesen Sommer ganz plötzlich ein verführerisches Angebot ins Haus. Über eine Stiftung sollte die staatliche Schule zehn Millionen Euro bekommen. Sie hätte zur schönsten und reichsten Schule Deutschlands werden können.

Das Geld würde einfach verschenkt, mit einer kleinen Bedingung. Das Gymnasium, das malerisch in einem bayerischen Schloss direkt am See residiert, sollte den Namen des edlen Spenders annehmen: Otto Beisheim, Gründer des Metro-Konzerns, Milliardär und einer der reichsten Männer Europas.

Milliardär Beisheim: Angst vor der eigenen Vita?
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Milliardär Beisheim: Angst vor der eigenen Vita?

Doch der Deal ist geplatzt, der Milliardär zog seine Millionenförderung zurück. Die Stiftung gibt es nicht mehr, obwohl die Stiftungsurkunde im August zügig unterschrieben worden war. Was ist passiert?

Zunächst herrschte Jubel über den Geldsegen. Das bayerische Kultusministerium sah in der Spende ein "herausragendes Vorbild bürgerschaftlichen Engagements". Auch die Schulleitung war überwältigt. "Es ist unglaublich. Das wird Generationen von Schülern zugute kommen", freute sich Direktor Werner Oberholzner. Von den 300.000 Euro jährlichen Zinsen wolle man die Schulkantine umbauen und neue Computer anschaffen.

Die Lehre an der Schule werde sich deutlich verbessern, prophezeite der Direktor. Kultusstaatssekretär Karl Freller sprach bei der Unterzeichnung der Stiftungsurkunde im August gar von einem "Freudentag des bayerischen Bildungswesens".

Vom Lehrling zum Milliardär

Lehrer, Schüler und Eltern in Tegernsee jedoch waren von dem Deal nicht überzeugt. Sie zweifelten daran, ob der Gründer des drittgrößten Handelskonzerns der Welt ein geeignetes Vorbild für Schüler sein könne. Beisheim sei sicherlich ein Symbol für profitables, globalisiertes Unternehmertum, meint etwa Johannes Pflügel, der in diesem Jahr am Tegernsee sein Abitur gemacht hat und sich nun in der Grünen Jugend Bayern engagiert. "Aber wie erklären wir unseren Kindern, dass die Schule den Namen eines Mannes trägt, dessen Lebenswerk vor allem durch aggressive Preispolitik und den Slogan 'Geiz ist geil!' bekannt ist?" Die Unternehmenspolitik des Metro-Konzerns in der Türkei etwa erinnere "eher an die soziale Kälte des Frühkapitalismus als an die deutsche soziale Marktwirtschaft Ludwig Erhards", schrieb Pflügel in einem offenen Brief.

Otto Beisheims öffentliches Bild gleicht einer Tellerwäscher-Legende: Er stieg vom Lehrling im Lederwarengeschäft zum größten Händler Deutschlands auf. Eine Karriere ohne Startkapital, ohne Abitur und ohne Studium (auch wenn er sich heute Professor und Doktor ehrenhalber nennen darf). Beisheim baute in den sechziger Jahren die Großhandelskette Metro auf und machte später die Metro AG zum weltweit fünftgrößten Handelskonzern, zu dem Kaufhof und Media Markt, Saturn und Praktiker, Real und Extra gehören.

Seit dem Börsengang der Metro-Gruppe 1996 ist Beisheim zwar nicht mehr Alleinherrscher über das Handelsimperium, das weltweit 235.000 Angestellte beschäftigt. Doch der 82-Jährige hält immer noch einen Aktienanteil von knapp 19 Prozent - und hat damit einiges mitzureden bei der Unternehmensführung. Und die wird nicht selten kritisiert. So wirft die Gewerkschaft Ver.di dem Unternehmen vor, die Mitarbeiter in der Türkei weit unter Tarif zu bezahlen und sie unter menschenunwürdigen Bedingungen arbeiten zu lassen.

Privat residiert Beisheim aus Steuergründen im schweizerischen Kanton Zug. An seinem Zweitwohnsitz im bayerischen Rottach-Egern ist er als großzügiger Mäzen bekannt. Er stiftete mehrere Kindergärten rund um den Tegernsee, etliche Notarzt- und Krankenwagen und Vereinsheime für Turner und Fußballer. Das Land Bayern verlieh ihm einen Verdienstorden.

Indizien für unrühmliche NS-Vergangenheit

Der Gegensatz der Metro-Mentalität zu christlichen und demokratischen Werten, den Abiturient Pflügel beklagt, sollte nicht der einzige Vorwurf bleiben. Es gibt da nämlich diesen hässlichen Fleck in Beisheims Biographie: Er ist seit Jahren dem Vorwurf ausgesetzt, als junger Mann der zur Waffen-SS gehörenden Leibstandarte Adolf Hitler angehört zu haben. Öffentlich hat sich Beisheim dazu nie geäußert; mit Journalisten spricht er generell nicht. Bei Kriegsende war er 21 Jahre alt.

Für das Gymnasium Tegernsee, das sich in der Kulturtradition eines ehemaligen Benediktinerklosters sieht, wurden die kritischen biographischen Daten nochmals von Kultusministerium Bayern recherchiert - und bestätigt. "Ich habe trotzdem versucht, die Vorwürfe zu entkräften", sagte Direktor Oberholzner SPIEGEL ONLINE. "Ich möchte seine Vergangenheit nicht kriminalisieren, schließlich ist Beisheim außer dieser Mitgliedschaft kein unrühmliches Verhalten vorzuwerfen."

Über die frühere Zugehörigkeit zur Waffen-SS wurde schon öfter großzügig hinweg gesehen. So durfte sich Beisheim zum 80. Geburtstag in Berlin ein Denkmal setzten und Namenspatron für einen gigantischen Häuserblock am Potsdamer Platz werden: das Beisheim-Center. Auch die private Elitehochschule für Führungskräfte WHU in Koblenz-Vallendar bezieht einen Großteil ihres Kapitals aus einer Beisheim-Stiftung und nennt sich seit 1993 "Otto Beisheim Graduate School of Management".

Zur Großspende habe es viele offene Briefe und Diskussionen gegeben, in politischen Gremien, in der Presse, im Elternbeirat, seufzt Direktor Oberholzner. Die einen echauffierten sich darüber, dass sich ein Multimillionär einfach so "eine Schule kauft", die anderen wollten wissen, was genau zwischen 1939 und 1945 passiert sei - und darüber schweigt sich Otto Beisheim seit jeher aus. "Wir hätten gerne Klarheit", sagte auch Gerd Buziek, dessen Tochter die sechste Klasse des Schlossgymnasiums besucht, SPIEGEL ONLINE. Schließlich sei der Name einer Schule richtungweisend.

Nach langen Diskussionen sprach sich erst der Elternbeirat, dann mit knapper Mehrheit auch das Lehrerkollegium in Tegernsee dafür aus, die Umbenennung zu beantragen. Und im Kultusministerium sagte Sprecherin Lisa Hochmuth, üblicherweise werde "allen Umbenennungs-Anträgen stattgegeben". Allerdings baten sich die Lehrer noch einen Vorbehalt aus: Sowohl das Kultusministerium als auch die Otto-Beisheim-Stiftung sollten nochmals eine Art Unbedenklichkeitserklärung zum Lebenslauf des 82 Jahre alten Stifters erbringen, in der die Rolle Beisheims während der NS-Diktatur eindeutig geklärt werde.

Da hatte Otto Beisheim endgültig die Nase voll. Er ließ Schuldirektor Oberholzner durch den Stiftungsvorsitzenden Erich Greipl ausrichten, er habe nun keine Lust mehr, sein Geld zu stiften. Zwar wurde der Stiftungsvertrag schon im August unterzeichnet, doch das schnelle Geld ist trotzdem weg: Im Stiftungsvertrag soll nämlich als Begünstigter durchweg das Otto-Beisheim-Gymnasium und nicht das Gymnasium Tegernsee genannt sein, so sprach es sich zumindest auf dem Schulhof herum.

Zu einer Stellungnahme, ob Otto Beisheim Angst vor seiner eigenen Vita hatte oder ihn die vielfachen Vorwürfe auf seine Spende hin schlicht nervten, war die Stiftung trotz mehrfacher Nachfrage nicht erreichbar.



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