Berlin Polizei wusste nichts von Gewaltexzessen an Rütli-Schule

Prügeleien, bedrohte Lehrer, Sachbeschädigungen - doch die Polizei war nach eigenen Angaben von den Gewaltausbrüchen an der Berliner Rütli-Schule nicht informiert. Für Bildungssenator Böger tragen die Eltern der Schüler eine Mitschuld an dem Chaos im Klassenzimmer.


Berlin - An der Neuköllner Rütli-Hauptschule lief der erste Schultag unter Polizeischutz ruhig an. Sechs Beamte in Streifenwagen standen vor Unterrichtsbeginn an den Straßen rund um die Schule und boten den Schülern Gespräche über die brisante Lage an. Kontrollen gebe es nicht, sagte Polizeisprecher Bernhard Schodrowski. "Es wird nicht gefilzt." Dies wäre Teil eines Gesamtkonzeptes, das die Schulverwaltung auflegen müsste.

Berliner Rütli-Schule: Unter Polizeischutz
DDP

Berliner Rütli-Schule: Unter Polizeischutz

Der Sprecher machte deutlich, dass die Polizei, die regelmäßig mit der Schulleitung in Kontakt stehe, von den in dem Brief des Lehrerkollegiums beschriebenen Zuständen überrascht gewesen sei und erst aus dem Schreiben davon erfahren habe. Dass es "so brandaktuell" sei, habe man bisher nicht gewusst, sagte Schodrowski.

Berlins Bildungssenator Klaus Böger (SPD) besuchte heute die Rütli-Hauptschule. In einer Schule konzentrierten sich immer gesellschaftliche Probleme, sagte Böger vor Journalisten. Ursachen lägen unter anderem in Elternhäusern, Lehrer könnten das allein nicht richten. Ein drängendes Problem sei etwa die Integration von Einwandererfamilien. Diese müssten dafür gewonnen werden, sich Kenntnisse der deutschen Sprache und über die Rechtsordnung anzueignen.

Böger sagte, für die Probleme an der Schule gebe es keine schnelle Lösung. Die Polizei solle ein Zeichen setzen, dass gemeinsam mit dem Lehrerkollegium eine Veränderung eingeleitet wird. Die Zusammenlegung von Hauptschule und Realschule könne eine Möglichkeit sein. Dies müsse "aber organisch vor Ort" gemeinsam mit Schulleitung und Schülern geklärt werden.

Neuer Schulleiter vorgestellt

Den ersten Schritt der angekündigten Soforthilfe setzte Böger am Vormittag um: Der Bildungssenator stellte den Direktor der Paul-Löbe-Schule in Reinickendorf, Helmut Hochschild, als kommissarischen Schulleiter für die Zeit bis zu den Sommerferien vor. Die bisherige Rektorin ist seit Anfang des Schuljahres krank und wird in den Ruhestand gehen. Für die Stellvertretung hatte sich seit Jahren niemand gefunden. Es gab eine kommissarische Leitung aus dem Kreis der Lehrer.

Von dem Brief des Kollegiums der Rütli-Schule habe er erst gestern erfahren, sagte Böger, der inzwischen unter erheblichem Druck der Opposition steht. Im ZDF sagte er, der Brief sei an einen Schulrat geschickt worden. Dieser habe zwar mit der Schule, nicht aber mit ihm gesprochen. "Insofern konnte ich jetzt erst quasi öffentlich reagieren." Der Hilferuf der Lehrer, der Medieninteresse in ganz Deutschland erfuhr, sei bereits einen Monat alt.

Der Schulsenator mahnte Verbesserungen in der Integrationspolitik an. "Diese Gesellschaft hat ein massives Problem in der Integration." Die Schule könne Probleme verarbeiten, aber nicht lösen. Man brauche Kontinuität in der Arbeit und zudem materielle und personelle Mittel. Die Rütli-Schule sei aber ein "Ausreißer in dieser extremen Situation".

"Ruhe und Ordnung reinbringen"

Der Vorsitzende des Berliner Landeselternausschusses, André Schindler, warf Böger Versagen vor. Er habe die Schulaufsicht nicht im Griff und müsse die Gesamtverantwortung übernehmen. Im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa forderte Schindler ein Anti-Gewalt-Programm an der Schule. Dieses müsse verbunden sein mit einem "Null-Tolerance-Programm". Rädelsführer der Gewalt müssten von der Schule gewiesen werden, "um erst einmal Ruhe und Ordnung reinzubringen".

Nach Ansicht des Erziehungswissenschaftlers Peter Struck lässt sich das Gewaltproblem an Hauptschulen nicht durch Sanktionen in den Griff bekommen. "Solche Täter sind relativ immun gegen Strafen, das heizt sie zumeist noch weiter an", sagte er NDR Info. Es gebe eine "deutliche Zunahme von Gewalt an Schulen", erklärte der Wissenschaftler der Universität Hamburg. "Das ist allerdings regional sehr unterschiedlich, und sehr oft sind die Hauptschulen betroffen, weil sie ja auch schwierige Schüler konzentrieren."

Der Kriminologe Christian Pfeiffer sprach sich für die Abschaffung der Schulform Hauptschule aus. "Die Hauptschule ist immer mehr zu einer Verliererschule verkommen, in Norddeutschland ist das noch stärker so als in Süddeutschland", sagte der Leiter des Kriminologischen Forschungsinstituts in Hannover im Deutschlandfunk.

"Kinder von Hauptschulen haben von vornherein sehr schlechte Chancen, einen Lehrplatz zu finden und später in die Arbeit hineinzuwachsen", erläuterte er. Eine Zusammenlegung mit den Realschulen könne daher sinnvoll sein. Eine Umfrage zeige, dass im Vergleich der Schulformen die Gewaltrate an Hauptschulen mit Abstand am höchsten ist. Dies sei ein Beleg dafür, dass die Integration ausländischer Jugendlicher dort weitgehend misslungen sei.

Die Lehrer der Rütli-Schule hatten sich mit der Bitte an Böger gewandt, ihre Schule aufzulösen. Als Grund nannten sie das hohe Ausmaß der Gewalttätigkeiten an der Schule. Böger hatte die Auflösung abgelehnt.

cpa/phw/ddp/dpa/ap/reuters

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