Berliner Klausuren-Chaos 28.000 Schüler müssen Mathe nachschreiben

Sie sind wütend, sie haben demonstriert, zwei von ihnen zogen sogar vor Gericht - vergebens: 28.000 Berliner Zehntklässler müssen allesamt ihre Mathematik-Prüfung nachschreiben, weil einige geschummelt haben. Das entschied heute ein Berliner Gericht.


Das Berliner Verwaltungsgericht sah zur Neuansetzung der zentralen Mathe-Arbeit für den Mittleren Schulabschluss keine Alternative, da zu viele Prüfungen als fehlerhaft hätten angesehen werden müssen. Das teilte die 3. Kammer des Gerichts am Donnerstag mit. Es habe die Gefahr bestanden, "dass das Leistungsbild insgesamt verfälscht wurde". In der Begründung schreiben die Richter unter anderem, dass in einigen von Schülern während der Prüfung benutzten Toiletten Lösungshinweise gefunden worden seien.

Schüler in Rage: Auch die Demos bewirkten nichts
ddp

Schüler in Rage: Auch die Demos bewirkten nichts

Das Gericht wies damit die Eilanträge zweier Schüler ab, die ihre schon geschriebenen Klausuren korrigiert und gewertet bekommen wollten. Auffällig viele und besonders in Mathematik schwächere Schüler hätten ihre Aufgaben vorzeitig beendet, so die Richter weiter. Bei ersten Durchsichten der geschriebenen Arbeiten seien "deutlich bessere Ergebnisse als bei früheren Klassenarbeiten festgestellt worden" (Aktenzeichen VG 3 A 220.08 und 221.08).

Schulsenator Jürgen Zöllner malte am Donnerstag das Bild eines schwunghaften Handels mit Prüfungsaufgaben: Die Klausurfragen seien "im Internet, auf der Straße, im Schulgebäude und per Handy kostenfrei und auch gegen Geld" angeboten worden, so Zöllner am Donnerstag vor dem Schulausschuss des Abgeordnetenhauses - und dies gelte für alle Bezirke in der Stadt.

"Im Internet, auf der Straße, in der Schule, auf dem Handy"

An 87 der 346 beteiligten Schulen seien Schüler schon vor der Prüfung am 11. Juni in den Besitz der Aufgaben gekommen. Die Prüfung zu wiederholen, sei nun "die einzig realistische und gerechte Lösung", da sonst die Chancengleichheit für alle Schüler nicht mehr gegeben sei, sagte Zöllner. Nachgeschrieben werden soll am Montag, 23. Juni. Der Schulsenat hatte den Verwaltungsrichtern zuvor einen "Verwaltungsvorgang" zukommen lassen, in dem die Schulbeamten ihre "Ermittlungsergebnisse" zusammen gefasst hatten.

Rechtsanwältin Sybille Schwarz wirft dem Gericht vor, es habe "kein rechtsstaatliches Verfahren geführt. Das Gericht hatte uns die Akteneinsicht verweigert und kein rechtliches Gehör gegeben". Ihr sei die Einsicht in die Kopien verwehrt geblieben, "weil es technisch zu aufwendig sei".

Außerdem habe Schulsenator Zöllner bisher nicht den konkreten Beweis dafür erbracht, dass die Zahl von angeblich 87 von der Schummelei betroffenen Schulen tatsächlich so hoch sei. Nach Auffassung der Anwältin "sitzen die eigentlich Verursacher doch im Schulsenat und nicht in den Schulen". Sie wisse im übrigen bis heute nicht, ob ihrer Mandantin überhaupt Schummelei vorgeworfen wird.

Nach Ansicht des Verwaltungsgerichts ist es aber "unerheblich", ob den beiden Schülern, die die Eilanträge gestellt hatten, die vorherige Kenntnis der Mathe- Lösungen vorgeworfen werden kann. Es liege gerade im Interesse der Schüler, die von sich behaupteten, die Aufgaben nicht gekannt zu haben, "dass die Prüfung unter prüfungsrechtlich einwandfreien und damit fairen Bedingungen wiederholt wird", so die Richter.

"Die Prüfung darf nicht nur, sie muss wiederholt werden"

Das Gericht ließ aber die Beschwerde bei der nächsten Instanz ausdrücklich zu. Anwältin Schwarz will nun genau diese Beschwerde vor dem Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg einlegen.

Schulsenator Zöllner begrüßte am Nachmittag die Entscheidung des Gerichts: Die Richter hätten bestätigt, dass die Prüfung nicht nur wiederholt werden dürfe, sondern wiederholt werden müsse. Vor dem Schulausschuss sagte Zöllner, er bedauere das Schummel-Chaos, es sei "unheimlich traurig", das so etwas passiert sei. Den Ärger der Schüler könne er verstehen, aber er habe keine andere Wahl. Er rief alle Schüler auf, sich an der zweiten Prüfung zu beteiligen: "Wer sich verweigert, schadet sich nur selbst." Konkrete Konsequenzen für diesen Fall hat er aber nicht genannt.

Während der Sitzung des Schulausschusses am Donnerstag, in dem das umstrittene Thema nur kurz in einer "Aktuellen Viertelstunde" ohne Debatte zur Sprache kam, hatten sich nach Angaben der Polizei rund 120 bis 150 Schüler am Potsdamer Platz zu einer erneuten Demonstration gegen die Wiederholung der Prüfung versammelt. Bereits am Dienstag hatten 3000 Schüler vor dem Roten Rathaus überwiegend friedlich protestiert. Auch der deutlich geringere Protest am Donnerstag verlief ohne Zwischenfälle.

maf/dpa



Forum - Zentralabitur - eine gute Idee?
insgesamt 392 Beiträge
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Seite 1
anin, 14.04.2008
1.
Zitat von sysopFünf Bundesländer wollen einheitliche Abiturprüfungen in Deutsch und Mathe einführen: Fortschritt oder Rückschritt für die Schulbildung?
Das Zentralabitur ist der erste Schritt hin zu einem einfachen "multiple choice test". Eine bundeseinheitliche Prüfung bei zugleich hohem Niveau läßt sich gar nicht durchhalten. Damit ist das Ende der "abgangsbezogenen" Prüfungen in Deutschland eingeleutet. Zukünfig wird nur noch "eingangsseitig" z.B. in den Universitäten geprüft werden. Nach Bachelor und Master wieder ein konsequenter Schritt zur "Demontage" unserer Gymnasialausbildung und der Entmündigung der dort Lehrenden.
Severine1985, 14.04.2008
2. Kein Fortschritt
Zitat von sysopFünf Bundesländer wollen einheitliche Abiturprüfungen in Deutsch und Mathe einführen: Fortschritt oder Rückschritt für die Schulbildung?
Ich denke nicht, daß es sich da um einen Fortschritt handelt. Außerdem dürften die Lehrpläne der einzelnen Bundesländer noch immer ziemlich voneinander abweichen. Vermutlich wird man sich da also auf den kleinsten gemeinsamen Nenner einigen, und wie soll damit ein hohes Niveau gehalten oder erreicht werden?
Peter-Freimann 14.04.2008
3.
Zitat von sysopFünf Bundesländer wollen einheitliche Abiturprüfungen in Deutsch und Mathe einführen: Fortschritt oder Rückschritt für die Schulbildung?
Zentralabitur ja, aber man sollte den Maßstab schon so anlegen, dass die Bildungspolitik fortschrittlicher Bundesländer wie Bremen, Hamburg, NRW oder Berlin zugrundegelegt wird. A: Deutschabitur: wie war die Zeit von 33-45 für Deutschland a) irgendwie nicht so prickelnd b) teils-teils, immerhin wurden Autobahnen gebaut Erörtere das Thema! B) Mathematik: ein/e MaurerIn arbeitetet acht Stunden und fügt in einer Stunde zwanzig Steine aufeinander. Wieviele MaurerInnen sind an der Baustelle beschäftigt? Gebe die Lösungsmenge an, suche Dir ein/e Schüler/in aus einer anderen Ethnie und diskutiere mit ihr/ihm das Ergebnis.
freeopinion 14.04.2008
4. Wenigstens ein Anfang!
Nachdem ich meine eigene und die Schulzeit meines Sohnes nicht wegen, sondern trotz der jeweiligen KultusministerInnen überstanden habe, kann ich es eigentlich kaum fassen, dass in diesem Bereich die Vernunft greifen könnte. Dass tatsächlich fünf Bundesländer einheitliche Abiprüfungen in zwei Fächern einführen wollen, führt allerdings auch zu der Frage: Geht es nur in Mathe und Deutsch und wenn ja, warum? Aber auch dieser zaghafte Schritt in die richtige Richtung sollte nicht davon ablenken, dass mindestens genauso dringend der generelle Systemfehler im Bildungswesen behoben werden muss. Und der liegt darin, dass sich bei uns Lehrer wie Hochschullehrer im geschützten Biotop statt im Wettbewerb befinden. Solange deren Engagement, Wissensvermittlungs- und soziale Kompetenz ihren Arbeitgebern egal sind, wenn nur der Stellenschlüssel stimmt (oder auch nicht), werden wir hier weiterhin Professoren haben, die 20 Jahre alte Skripte austeilen, und Gymnasiallehrer, die sich für die Gartenarbeit besser anziehen als für den Unterricht...
Emmi 14.04.2008
5.
Zitat von sysopFünf Bundesländer wollen einheitliche Abiturprüfungen in Deutsch und Mathe einführen: Fortschritt oder Rückschritt für die Schulbildung?
Einheitliche Prüfungen machen nur Sinn bei einem einheitlichen Lehrplan und gleichen Voraussetzungen. Das soll kein Plädoyer gegen das Zentralabitur sondern gegen die Kleinstaaterei im Bildungswesen sein. Emmi
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