Berliner Lockerungsüberungen Die Rütlis tanzen

Abgestumpft, aggressiv, ohne Hoffnung - dieses Bild entstand zuletzt von den Schülern der Berliner Rütli-Schule. Ein amerikanisches Tanzprojekt hat die Schüler aus dem Problemkiez jetzt auf die Bühne gebracht. Eine Auszeit aus der Perspektivlosigkeit - zwei Tage lang.

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Berlin - "Are you guys great?", schreit Graham von den "Young Americans". Die Antwort: Ein gedämpftes "Yes!". Nochmal: "Are you guys great?". Das "Yes" , das die Rütli- Schüler Graham dann entgegen brüllen, zerfetzt einem fast das Trommelfell.

Graham von der amerikanischen Tanz- und Gesangsgruppe "Young Americans" ist hier ihr Motivationstrainer, ihr Animateur, fast einer von ihnen, nur älter und erfolgreich. Zwei Tage lang haben er und seine Kollegen mit den Schülern und Lehrern der Berliner Rütli-Schule die Choreographie für ihren Auftritt einstudiert. Es ist nicht das erste Mal, dass die Amerikaner mit Schülern aus sozial schwachen Vierteln eine Show auf die Bühne bringen: Europaweit bringen die jungen Amerikaner ganze Schulen zum Tanzen - ein anderes Konzept von Bildungsarbeit. Als sie von den Problemen in Neukölln hörten, haben sie sich an die Rütli-Schule gewandt.

Am Tag des Auftritts: Zweihundert Rütli-Schüler toben durch die Halle der Berliner "Arena" in Treptow. Die gelben, orangenen und roten T-Shirts der Schüler, die die Zugehörigkeit ihrer Tanz-Gruppe anzeigen, leuchten grell im Scheinwerferlicht. In einer halben Stunde beginnt ihre große Show in der bis auf den letzten Platz gefüllten "Arena". Zusammen mit den "Young Americans" werden sie gleich über die Bühne fegen. Bis auf wenige Ausnahmen machen alle Schüler der Rütli-Schule bei dem Projekt mit - 200 Schüler und zwanzig Lehrer.

"Plötzlich haben wir wieder Respekt!"

"Wir haben uns verändert, in nur zwei Tagen", sagt Souha, die inmitten ihrer aufgeregt hin und her rasenden Mitschüler steht. Alles sei etwas besser geworden in ihrer Schule, seit die Schulleitung im März um Hilfe rief, weil sie mit den Schülern nicht mehr zurecht gekommen ist. "Und durch die Proben sind wir wie eine große Familie geworden. Plötzlich reden wir wieder miteinander und haben Respekt!"

Unterbrochen wird die zarte Sechszehnjährige von lautem Gebrüll: Direkt hinter ihr haben sich zwanzig Jungs aus ihrer Schule im Kreis zusammengestellt, stecken die Köpfe zusammen und feuern sich selbst an: "Rüt-li-Schu-le, Rüt-li-Schu-le!", gröhlen sie im Chor. Auch Souha läuft zu ihrer Mädchengruppe, die Schülerinnen recken die Hände in die Höhe:  Gekreische, Jubelgesang: "We are the Champions!" Eine Schule feiert sich selbst - schon vor der Show

Auch Lehrer Hartmut Maliskat wartet auf seinen Auftritt. Petra Eggebrecht, die Frau, die die Rütli-Schule auf dem Höhepunkt der Konflikte kommissarisch leitete, stellt sich zu Maliskat. Ein kurzer Plausch unter Kollegen: "Hauptsache wir machen was zusammen. Egal wie wir jetzt gleich auf der Bühne rumhampeln werden", sagt sie und wirft Maliskat einen verzweifelt verschwörerischen Blick zu.

"Die Proben fand ich toll", sagt Maliskat: "Konflikte gab es kaum. Alles war sehr diszipliniert." Gut sei auch gewesen, dass sich die Lehrer mal zurücknehmen und die Kontrolle über die Schüler abgeben mussten. "Man drängt die ja sonst oft in eine Rolle", sagt auch Eggebrecht.

Nicht nur die Lehrer fühlen sich in dieser Stunde der Aufregung miteinander verbunden. Ein Schüler schlurft vorbei und ruft Maliskat zu: "Hey Meister, wir schaffen das schon!" Lehrer und Schüler schlagen ein. 

Geduldig sitzen die Schüler jetzt in Reihen vor der Bühne und warten, bis die Profis der "Young Americans" ihre bunte, energiegeladene Show mit Tanz und Gesang beendet haben. Immer wieder jubeln sie den Tänzern auf der Bühne zu.

Was ist passiert mit der aggressiven Geste?

Dann sind sie selbst dran. Ein hoch aufgeschossener Rütli-Schüler in Baggypants steht auf der Bühne und singt den Beatles-Song "All you need is love!" Sein Gesichtsausdruck gefühlvoll, fast zärtlich.  Arm in Arm singt ein Mädchen im Kopftuch zusammen mit einem breitschultrigen, kettenbehangenen "Rütli-Ghettostar". Schüchtern blickt sie zu ihm auf. Was ist passiert mit der aggressiven Geste der Rütli-Schüler?

Tanz, Gesang, artistische Einlagen: Konzentriert versuchen die "Rütlis" die Tanzschritte ihrer amerikanischen Mentoren mitzuhalten, wirbeln herum. Ab und an streut einer einen Flick-Flack ein. Dass nur zwei Tage lang geprobt wurde, sieht man: Denn perfekt ist hier höchstens der Spaß, der in den Gesichtern geschrieben steht.

Bei "Let it be" singen zweihundert Schüler, zwanzig Lehrer und mehrere Dutzend Young Americans. Die Lehrer müssen bei "Old Mac Donald had a farm" Tiere imitieren. Mädchen aus dem Publikum, die nicht selber auf der Bühne stehen, weil sie bei den Proben krank waren, kichern."Voll peinlich" finden sie das.

Nach einer nachgespielten Sequenz aus dem Musical "König der Löwen" endet das Spektakel. Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD), der froh ist, nach der Aufregung um seinen Stadtteil, mal einen positiven "Neukölln-Termin" zu haben, sagt, die Rütli-Schüler hätten heute all denen "von Flensburg bis Passau eine Antwort gegeben, die wussten, wie ihr seid. Und heute habt ihr nicht nur gezeigt, dass ihr es anders könnt, sondern, dass ihr anders seid". Anders, für wie lange?

"Für immer hat uns das verändert -  die "Young Americans" haben uns fürs Leben getrimmt", sagen die mittlerweile kameraerfahrenen Rütli-Schülerinnen in die Kameras.

Andere sind realistischer - oder ehrlicher: "Es wird besser an unserer Schule, aber ich hoffe, dass das nicht nur ein Strohfeuer ist", sagt Lehrer Maliskat. Die neuen jungen Lehrer zum Beispiel, die zur Verstärkung an die Schule gekommen sind, bleiben nur bis zu den Sommerferien - wie es dann weiter geht, wisse niemand, so Maliskat.



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