Berliner Schulen Alarmstimmung wegen Gewaltexzessen

An der Berliner Rütli-Hauptschule kapitulieren verzweifelte Lehrer vor der Eskalation der Gewalt. Kein Einzelfall, sagt die Polizeigewerkschaft: An mindestens 30 Schulen der Hauptstadt sei die Lage außer Kontrolle. Der Druck auf Bildungssenator Böger wächst.


An der Rütli-Hauptschule war die Stimmung am Mittag aufgeladen: Pflastersteine flogen in Richtung der vor dem Schulhof versammelten Medienvertreter, Schüler rüttelten am Zaun, pöbelten, zeigten den ausgestreckten Mittelfinger. Die Meinung des Hausmeisters: "Das ist hier immer so."

Offenbar nicht nur hier, im Berliner Problembezirk Neukölln. Der Landesvorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG), Bodo Pfalzgraf, erklärte heute, an der Rütli-Schule offenbare sich nur die Spitze des Eisbergs. "Unter Fachleuten schätzt man die Zahl derart problematischer Schulen in Berlin auf etwa 30." Die CDU-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus pflichtet Pfalzgraf in seiner Einschätzung bei. Fraktionschef Nicolas Zimmer erklärte: "Gewalt, Ausgrenzung und Terror gegen Lehrer und Mitschüler gehören seit Jahren zum Alltag an vielen Berliner Schulen." Auch der CDU-Fraktionsvize und Innenexperte im Bundestag, Wolfgang Bosbach, hält die Vorgänge an der Rütli-Schule für keinen Ausnahmefall. An etlichen weiteren Schule in Deutschland bestünden ähnliche Probleme, sagte Bosbach der "Nordwest-Zeitung".

In einem dramatischen Hilferuf hatte die Leiterin der Rütli-Schule zuvor an die Behörden appelliert, ihre in Gewalt versinkende Schule zumindest in der bisherigen Form aufzulösen. In einem Brief beschrieb die Rektorin die Zustände an der Hauptschule: Die Stimmung sei geprägt von "Aggressivität, Respektlosigkeit und Ignoranz uns Erwachsenen gegenüber". Türen würden eingetreten, Papierkörbe als Fußbälle missbraucht und Knallkörper gezündet. Einige Pädagogen gingen nur noch mit Handy in bestimmte Klassen, damit sie notfalls schnell Hilfe holen können.

Ein von der Gesamtkonferenz der Schule einstimmig verabschiedeter Antrag fordert die "perspektivische Auflösung" der Hauptschule zugunsten einer neuen Schulform. Die Schule wird den Angaben zufolge von 224 Schülern besucht, davon sind 83,2 Prozent "nichtdeutscher Herkunft". Neukölln ist einer der Berliner Bezirke mit dem höchsten Ausländer- und Arbeitslosenanteil Berlins. Die meisten Migranten kommen aus der Türkei, aus arabischen Ländern, aus Ex-Jugoslawien und Polen.

Bildungssenator Böger unter Druck

Der Hilferuf bringt Bildungssenator Klaus Böger (SPD) in Bedrängnis. DPolG-Chef Pfalzgraf wertete die Vorkommnisse an der Rütli-Schule "als Beweis für viel zu lasche Konzepte und einen fortschreitenden Realitätsverlust der Politik". Der Vorsitzende des Verbands Bildung und Erziehung (VBE), Ludwig Eckinger, kritisierte, es sei "skandalös" von der Politik, Schulen so lange allein zu lassen, bis es lichterloh brennt. CDU-Fraktionschef Zimmer sprach von einem "kompletten Versagen" des rot-roten Senats und Bögers.

Kritik kommt aber auch aus den eigenen Reihen. Der Neuköllner Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD), der nie an ein harmonisches multi-kulturelles Miteinander geglaubt hat, sieht sich bestätigt. "Multi-Kulti regelt gar nichts", sagte er bei einem Besuch am Schultor.

Der CDU-Kreisverband Neukölln hielt der Schulaufsicht vor, den Brief der Lehrer bereits vor einem Monat erhalten und nichts unternommen zu haben. Der Bildungssenator bestreitet, dass er zu spät gehandelt hat: "Es ist nicht so, als schauten wir über alles hinweg." Er kenne den Brief der Rütli-Pädagogen, der an die Schulaufsicht gegangen sei, seit Mittwoch. Im kommenden Schuljahr soll die Hauptschule mit der benachbarten Realschule zusammengelegt werden, was für ihn aber kein Patentrezept angesichts der "schwierigen Schülerschaft" ist.

Das Problem der seit geraumer Zeit wegen Krankheit vakanten Schulleitung werde sofort gelöst. "Zusätzlich hat die Schule bereits zwei Sozialarbeiter, davon einen mit arabischem Hintergrund, zur Unterstützung erhalten. Sie wird zudem künftig von zwei Experten aus dem schulpsychologischen Dienst unterstützt." Der Schulstandort werde nicht aufgegeben. Es gebe Schulen mit ähnlichen Herausforderungen, die einen erfolgreichen Weg gegangen seien. "Kein Schüler wird aufgegeben." Die Rütli-Schule werde außerdem ab sofort Polizeischutz bekommen: Ab Freitag sollen Polizisten am Eingang mit Kontrollen dafür sorgen, dass keine Waffen ins Gebäude gelangen. Das Mitbringen "gefährlicher Dinge" ist schon nach der Hausordnung der Schule verboten. "Dazu gehören Messer, Waffen, Knallkörper, Tränengas, Laserpointer usw.Waffen sind auch nach der Hausordnung der Schule verboten", heißt es darin.

"Toleranz mit Gleichgültigkeit verwechselt"

Die Berliner Polizei dementierte jedoch, dass eine Taschenkontrolle geplant sei. Man wolle mit einer Funkwagenbesetzung und Präventionsbeamten an der Rütli-Schule Präsenz zeigen, sagte ein Polizeisprecher. "Wir stehen als Gesprächspartner zur Verfügung." Besonders auffällig sei die Schule in jüngster Zeit nicht gewesen, die Polizei sei dort bereits häufiger - zuletzt Mitte März - zu Kooperationsgesprächen gewesen. Eine Schließung der Schule lehnte die Senatsverwaltung heute ab.

Unionsfraktionsvize Bosbach sagte, die Rütli-Schule zeige beispielhaft die Folgen fehlender Integrationsbereitschaft bei Zuwanderern. "Sie schätzen unseren Sozialstaat, aber sie sind nicht bereit, unseren Rechtsstaat zu akzeptieren." Die Bildung ethnischer Banden an Schulen sei Besorgnis erregend und ein Alarmsignal. Bosbach sagte weiter: "Das ist die Folge einer über Jahrzehnte falsch betriebenen Politik, die Toleranz mit Gleichgültigkeit verwechselt."

VBE-Chef Eckinger forderte die deutschen Kommunen angesichts der Gewaltattacken auf, den "Trend zur Gettoisierung" zu stoppen. So müssten durch eine gezielte Strukturentwicklung "Separationen nach ethnischen und schichtenspezifischen Gesichtspunkten eingedämmt werden", mahnte der VBE-Vorsitzende Ludwig Eckinger heute in Berlin. "Eine Aufspaltung wie in Berlin-Neukölln nach sozialem und ethnischem Status führt auf Dauer zu einer Bedrohung des demokratischen Gemeinwesens und lähmt den Schulbetrieb", fügte er hinzu.

phw/AFP/AP/dpa

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