Berliner T-Shirt-Projekt Ein neues Label für Rütli

Die Jugendlichen der Rütli-Schule, als "Terrorschüler" vorgeführt, haben ein schweres Imageproblem. Drei junge Berliner wollen ihnen eine neue Perspektive geben und machen aus Rütli eine Marke - als Anfang eines Hilfsprojekts.

Von


Berlin - Das Schuljahr ist beinahe vorbei, aus der Abschlussklasse der Rütli-Schule hat nur ein einziger Schüler einen Ausbildungsplatz. Man ahnt warum: "Wer bei einem Bewerbungsgespräch sagt, er kommt von der Rütli-Schule, für den ist das Gespräch zu Ende", sagt Tom Hansing, Soziologiestudent aus Berlin. Ende März hatte das Kollegium der Schule im Problemviertel Neuköllln mit einem Brandbrief an den Berliner Senat um Hilfe gerufen: In einigen Klassen sei die Stimmung geprägt von "Aggressivität, Respektlosigkeit und Ignoranz", hieß es in dem dramatischen Hilferuf; der Intensivtäter werde zum Vorbild, es fehle an Lehrkräften und Unterstützung.

Modell des Rütli-T-Shirts: "Den Schülern ihr Label zurückgeben"
Matthias Tenten

Modell des Rütli-T-Shirts: "Den Schülern ihr Label zurückgeben"

Ein wahrer Medienhype umgab die Schule fortan. Mit fatalen Folgen: Durch die Berichterstattung um die Rütli-Schule seien die Schüler gebrandmarkt - als "Abschaum", als "Terrorschüler", sagt der Student Hansing heute. Das Label, die Marke "Rütli", steht also fest. "Die Schüler sind stigmatisiert." Aber Hansing will das ändern. Und den Jugendlichen die Gestaltungshoheit über das Label "Rütli", das der Schule aufgedrückt wurde, zurückgeben.

Denn die Perspektive der Rütli-Schüler reiche oft nur bis zur eigenen Nasenspitze, sagt Hansing. Was vorher schon schlecht war, sei durch die mediale "Kampagne" verschlimmert worden. Sein ehrgeiziges Ziel: Rütli soll irgendwann andere Assoziationen wecken als die von Schülern, die nichts als schlagen und pöbeln können.

Zusammen mit zwei Freunden, Matthias Tenten und Thomas Schmid, hat der Berliner Student deshalb das Label "Rütli-Wear" gegründet. Auf der Homepage  sind T-Shirts mit dem Aufdruck des Schulnamens zu kaufen. Die "Rütli"-Shirts sind aber nur der provokante Anfang eines größeren Projekts. "Es sind erstmal nur Solidaritätshemden für die Rütli-Schule, mit denen wir Aufmerksamkeit und so auch Geld kriegen wollen - ein warm-up", sagt Hansing.

Bloß keine Gangsterattitüden

Während der 27-Jährige und seine Freunde mit dem Schriftzug auf dem T-Shirt durch Berlin laufen, arbeitet man in der Rütli-Schule nämlich schon an der Zukunft. Schullogos werden entworfen, im neuen Schuljahr soll es im Kunstunterricht dann an die Herstellung gehen. Der Plan: Es sollen Motive gestaltet, die Hemden per Siebdrucktechnik mit Logos versehen und die fertigen T-Shirts im Internet verkauft werden  - nicht mehr nur mit dem Rütli-Schriftzug, sondern auch mit den eigenen Ideen der Jugendlichen.

Wird da aus dem Gangsterimage der Jugendlichen ein neuer Kult gemacht? Nein, meint Hansing. Macho- oder Gangsterattitüden hätten auf den Shirts keinen Platz. "Die  Schüler wollen endlich zeigen, was sie abseits von Terror und Gewalt so drauf haben", sagt er. Die Schulleitung will sich noch nicht dazu äußern - sie befürchtet einen neuen Medienansturm. Aber Hansing berichtet, seine Initiative sei auch bei den Lehrern auf großes Interesse gestoßen. Zumal der Rütli-Schulleiter Helmut Hochschild schon Erfahrung mit "Schüler-Firmen" habe: An seiner vorherigen Schule wurden Möbel gebaut und verkauft. Die Schüler übten sich als Händler und Verkäufer.

Oft aber würden die klassischen Schülerfirmen wieder einschlafen - weil Schüler kommen und gehen und niemand die Verantwortung trage, glaubt Hansing. Deshalb wollen die drei jungen Berliner erstmal eine Grundlage schaffen und die ganze Sache bekannt machen. "Erst wenn die Schüler firm sind, übergeben wir an sie", sagt Hansing. Er hofft, dass das Projekt auch dabei hilft, neue Allianzen zu schmieden: "In der Gegend gibt es einige Siebdruckereien, wir wollen Praktika- und Ausbildungsplätze für die Schüler organisieren. 

Das Geld, das die Schüler mit "Rütli-Wear" einnehmen, soll komplett in einen Schulfonds fließen - für Ausflüge und Anschaffungen. Für eine andere, bessere Schule und die Chancen danach.



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.