Berlinerinnen spielen für Aserbaidschan Nationalelf, wir kommen

Von Berlin nach Baku - die aserbaidschanische U-17-Nationalmannschaft hat sich Verstärkung aus Kreuzberg geholt: Vier Schülerinnen trainieren jetzt für die Weltmeisterschaft im nächsten Jahr. Die Nationalhymne können sie bereits, spielerisch läuft es allerdings noch nicht so.

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Ihre Fußballkarriere begann mit Basketball: Lara Wagners Team trainierte in derselben Halle wie die Mädchen des Kreuzberger Fußballvereins Türkiyemspor. Deren Trainer sah Lara, war beeindruckt von ihrem Ballgefühl - und bot prompt an: Spiel doch bei uns mit.

Jetzt, vier Jahre später, steht Lara, mittlerweile 15, in der Herbstkälte auf dem Fußballplatz. Dreimal pro Woche kommt sie her, auf das Trainingsgelände von Türkiyemspor, einem Berliner Viertligisten, bei dem es seit einigen Jahren auch eine Frauenabteilung gibt. Lara albert herum mit ihren Mannschaftskolleginnen Sinem Solmaz und Vivien Hillebrand, beide ebenfalls 15, und mit Süheyla Ilter, 14, die bei Grün-Weiß-Neukölln spielt.

Sie alle sind vor wenigen Wochen aus Baku wiedergekommen, dort spielten sie in der EM-Qualifikation für Aserbaidschan - vier Berliner Mädchen, die als Nationalspielerinnen für ein Land auflaufen, das rund 3000 Kilometer von ihrem Zuhause entfernt liegt.

Denn nächstes Jahr im Herbst richtet Aserbaidschan die U-17-Weltmeisterschaft der Frauen aus. Bis dahin will das Land ein Nachwuchsteam aufbauen. Trainerin der U17-Mannschaft ist die ehemalige deutsche Nationalspielerin Sissy Raith, vor eineinhalb Jahren begann sie mit der Arbeit.

"Ich habe gedacht, da stehen nur ein paar Hütten"

Im Land selbst fand sie nicht genügend Talente, also suchte sie im Ausland nach Spielerinnen mit aserbaidschanischen Wurzeln, auch in Berlin. Nach einem Auswahltraining war schnell klar: Lara und Süheyla verstärken die aserbaidschanische Abwehr, Sinem und Vivien das Mittelfeld. Das Herkunftskriterium wurde dabei eher großzügig ausgelegt: Süheylas Urgroßeltern etwa stammen aus Aserbaidschan, leben aber in der Türkei.

Im Sommer fuhren die Mädchen dann das erste Mal selbst nach Aserbaidschan. "Komisch war das schon", sagt Lara, "ich habe gedacht, da stehen nur ein paar Hütten herum, aber so ist das natürlich nicht." Stattdessen schwärmt sie von dem Stadion in Baku, das direkt am Meer liegt und von der Fußball-Akademie, in der die Mädchen wohnten. "Das ist wie eine luxuriöse Jugendherberge mit Fitnessraum, Schwimmbad und Massage", sagt Lara.

Mit den aserbaidschanischen Spielerinnen haben sich die Berlinerinnen schnell verstanden: "Die haben uns direkt in ihre Gruppe aufgenommen", sagt Vivien. An die Sprache mussten sie sich allerdings erst gewöhnen. Süheyla, Vivien und Sinem sprechen Türkisch, das dem Aserbaidschanischen ähnelt, so dass sie sich einigermaßen verständigen können. "Nur als alle auf einmal gesprochen haben, war ich anfangs überfordert", sagt Süheyla. Bei den Mannschaftsbesprechungen gibt es sowieso einen Übersetzer.

Bilanz des letzten Ausflugs: Gruppenletzter und eine 0:7-Niederlage

Inzwischen gehören die vier Mädchen fest zum aserbaidschanischen Team. Anfang Oktober fuhren die Mädchen noch einmal nach Baku, um in der EM-Qualifikation zu spielen - allerdings nicht besonders erfolgreich. Die Mannschaft wurde letzte in der Gruppe. Unter anderem musste sie eine 0:7-Niederlage gegen Titelverteidiger Spanien einstecken.

Trotzdem sei es etwas Besonderes gewesen, bei einem offiziellen Turnier auf dem Platz zu stehen, sagt Vivien. "Die ersten fünf bis zehn Minuten war ich total aufgeregt, aber dann ging es einigermaßen."

Und die Nationalhymne Aserbaidschans? "Ich kann sie auswendig!", ruft Sinem. Die Mädchen identifizieren sich mit der Mannschaft. Und selbst wenn sie könnten, sie würden ihre blau-weißen Trikots nicht mehr gegen die weißen der deutschen Mannschaft tauschen wollen, sagen sie.

Regensburg, Wien, Budapest, Minsk, Baku und Nyon, das sind nur einige der Stationen, die die Mädchen im letzten Dreivierteljahr hinter sich gelassen haben. Viel erlebt haben sie dabei: Im schweizerischen Nyon wurden sie nach einem Freundschaftsspiel von der Uefa zum Essen eingeladen. Nach Budapest sind Sinem und Lara mit einem "Harry-Potter-Zug" gefahren, wie Lara sagt, so alt kam er ihr vor.

Neben ihrem Leben als Nationalspielerinnen bleiben sie Berliner Schülerinnen - mit allen Pflichten: Für Spiele werden sie beurlaubt, wenn es irgendwie geht. Verpassten Stoff müssen sie nachholen. Zu den Trainingslagern fahren sie während der Ferien. "Inzwischen bin ich froh, wenn ich mal zwei Minuten Ruhe habe", sagt Vivien.

Doch Ruhe ist den Mädchen kaum vergönnt, bald geht es schon weiter ins nächste Trainingslager. Wollen sie mit Fußball mal Geld verdienen? "Wenn man das Ziel nicht hätte, würde man sich das Ganze nicht antun", sagt Vivien.

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