Bildungspolitik Studie entfacht Streit um Ganztagsschulen

In Sachsen besuchen 80 Prozent der Kindern eine Ganztagsschule, in Bayern nur elf Prozent. Das zeigt eine Analyse der Bertelsmann Stiftung. Jetzt streitet die Politik, ob Eltern einen Rechtsanspruch auf die Langzeitbetreuung ihrer Kinder haben sollten.

Ganztagsschule in Hamburg (Archiv): Deutschlandweit zu wenig Plätze
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Ganztagsschule in Hamburg (Archiv): Deutschlandweit zu wenig Plätze


Die steigende Nachfrage bei Eltern nach Ganztagsschulen für ihre Kinder hat eine Debatte über einen Rechtsanspruch ausgelöst. Nach einer am Sonntag veröffentlichten Analyse der Bertelsmann Stiftung (hier als pdf) besucht derzeit fast jeder dritte Schüler eine Ganztagsschule, mehr als 70 Prozent der Eltern würden jedoch ihre Kinder gern auf eine solche Einrichtung schicken. Es gibt also zu wenig Plätze.

Ganzstagsschulen wirken, da sind sich viele Experten einig, positiv vor allem auf Kinder aus "bildungsfernen Familien". Und so fordert die Stiftung, es solle einen Rechtsanspruch geben auf den Besuch einer Ganztagsschule.

Geschrieben hat die Analyse der renommierte Bildungsforscher Klaus Klemm. Demnach geht fast jeder dritte Schüler (30,6 Prozent) mittlerweile ganztags zur Schule. Das Angebot liege aber weit unterhalb der Nachfrage: Mehr als 70 Prozent der Eltern würden demnach ihre Kinder gerne auf eine Ganztagsschule schicken. In einer Erhebung von 2010 waren es den Angaben zufolge noch 63 Prozent. Dem Klemm-Papier zufolge unterscheidet sich das Angebot der Bundesländer stark: Während in Sachsen fast 80 Prozent der Schüler eine Ganztagsschule besuchten, seien es in Bayern nur gut elf Prozent.

Wie Wunsch und Wirklichkeit zusammenzubringen sind, wird nun auch zum Thema im Bundestagswahlkampf. "Das Geld, das in das sinnlose Betreuungsgeld gesteckt wird, fehlt dringend für den notwendigen Ausbau von Ganztagsangeboten in Kitas und Schulen", kritisierte etwa SPD-Vize Manuela Schwesig.

Wo soll das Geld für Ganztagsschulen herkommen?

Doch auch die CDU plädiert für mehr Ganztagsschulen. Sie ermöglichten eine bessere Unterstützung von Kindern, die bei Klassenarbeitsvorbereitungen oder Hausaufgaben zu Hause "nicht in starker Weise unterstützt werden können", argumentiert Generalsekretär Hermann Gröhe.

Dass der Ausbau von Ganztagsschulen schneller gehen soll, betonen so ziemlich alle politischen Kräfte. Die Frage ist nur: Wie? "Ein Rechtsanspruch ist der entscheidende Hebel für eine staatliche Investitionsoffensive", rät der Vorstand der Bertelsmann Stiftung, Jörg Dräger. Eine solche demonstrative Verpflichtung fordert nicht nur die SPD, sondern etwa auch der Deutsche Industrie- und Handelskammertag.

CDU-Bundesvize Thomas Strobl spricht sich ebenfalls dafür aus. Es sei "grotesk, dass wir derzeit bei der Betreuung der unter Sechsjährigen aufs Gaspedal drücken, aber bei der Nachmittagsbetreuung der Schulkinder stehen wir auf der Bremse". Die FDP warnt dagegen vor einer einheitlichen "Ganztagskäseglocke".

Um größeren Druck aufzubauen, ist auch eine erneute Unterstützung des Bundes im Gespräch. Dabei ist Bildung Sache der Länder, und eine Kooperation beider Ebenen wurde bei der Föderalismusreform sogar noch erschwert. SPD-Sozialexpertin Schwesig kündigt dennoch ein Ganztagsprogramm des Bundes für den Fall eines Wahlsiegs an und moniert: Schwarz-Gelb habe den weiteren Ausbau nach einem Milliardenimpuls der rot-grünen Vorgängerregierung "verschlafen".

Für ein Ganztagsschulangebot, "das den Namen auch verdient", seien dauerhafte finanzielle Mittel nötig, sagte die Linken-Bildungsexpertin Nicole Gohlke. Doch Union, FDP, SPD und Grüne hätten sich "mit Schuldenbremse und Kooperationsverbot" zwischen Bund und Ländern in der Bildung hier "die Möglichkeiten aus der Hand geschlagen".

otr/dpa



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