Kampf um Ausbildungsplätze Hauptschüler ohne deutschen Pass haben schon verloren

Zuschüsse für den Fitness-Klub, Einladungen zum Autorennen, Besuche im Freizeitpark: Firmen locken Lehrlinge inzwischen sogar mit Geschenken. Eine Gruppe sparen sie dabei offenbar aus, zeigt eine neue Studie.

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Mit Hauptschulabschluss sind die Chancen auf einen Ausbildungsplatz schlecht
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Mit Hauptschulabschluss sind die Chancen auf einen Ausbildungsplatz schlecht


Wer eine Lehre machen will, kann sich in diesen Zeiten umworben fühlen: Eine Mannheimer IT-Firma etwa lädt ihre Bewerber zum Autorennen ein; eine Technologiefirma im Schwarzwald lockt Interessenten mit Ausflügen in Freizeitparks und Zuschüssen fürs Fitnessstudio. Und eine Restaurantkette verspricht ihren besten Lehrlingen sogar einen Kleinwagen, inklusive Benzin und Versicherung.

Die Lage auf dem Ausbildungsmarkt, das zeigt nun ein Länderüberblick der Bertelsmann-Stiftung, hat sich zwar entspannt. Doch gleichzeitig macht die Studie eine Gruppe aus, die kaum von der Besserung profitiert: Wer maximal einen Hauptschulabschluss vorweisen kann, findet auch heute noch deutlich seltener eine Lehrstelle in einem Betrieb oder einen Platz in einer schulischen Ausbildung.

Nur 51 Prozent der Hauptschüler finden eine Ausbildung

Im Jahr 2005 begannen nur 48 Prozent der Bewerber mit Hauptschulabschluss direkt eine Ausbildung in einem Betrieb oder an einer Fachschule. 2013 waren es trotz deutlich besserer Lage auf dem Ausbildungsmarkt kaum mehr: Nur 51 Prozent der Jugendlichen mit maximal Hauptschulabschluss fanden direkt einen Ausbildungsplatz. Wer Abitur oder Fachabitur vorweisen kann, hat seine Lehrstelle dagegen fast schon sicher. Im Jahr 2013 kamen nach Berechnungen der Bertelsmann-Stiftung deutschlandweit auf 100 Bewerber gut 91 freie Ausbildungsplätze; 2005 konkurrierten 100 Bewerber im Schnitt dagegen noch um etwa 85 Stellen.

Die Aussichten der Jugendlichen mit maximal Hauptschulabschluss variieren allerdings beträchtlich zwischen den Ländern: In Bayern finden 70,9 Prozent von ihnen sofort eine Lehrstelle, in Bremen und Baden-Württemberg sind es dagegen nur rund 40 Prozent. Am schlechtesten sind die Ausbildungsaussichten für Hauptschüler in Schleswig-Holstein, wo nur 37,1 Prozent direkt eine Lehrstelle finden.

Unter den ohnehin benachteiligten Hauptschülern gibt es eine Gruppe, deren Chancen noch schlechter sind: Ausländische Jugendliche mit niedrigem Schulabschluss finden noch seltener als ihre deutschen Altersgenossen den Weg in eine Ausbildung. Nur 37 Prozent der ausländischen Jugendlichen mit maximal Hauptschulabschluss bekommen direkt im Anschluss eine Lehrstelle oder einen Platz an einer Fachschule.

Die Unterschiede zwischen Deutschen und Ausländern werden mit steigendem Schulabschluss geringer. Unter den Jugendlichen mit Hochschulreife sind ausländische Bewerber fast ebenso erfolgreich wie deutsche.

Migranten besonders aufstiegswillig

Eine ebenfalls am Montag veröffentlichte Befragung des Instituts für Demoskopie Allensbach zeigt, dass gerade Migranten einen besonders großen Aufstiegswillen haben. 60 Prozent der jungen Menschen mit Migrationshintergrund wollen im Leben mehr erreichen als ihre Eltern. Unter den Befragten ohne ausländische Wurzeln waren es nur 46 Prozent.

In der vergangenen Woche hatte die Industrieländerorganisation OECD von deutschen Politikern gefordert, die Bildungschancen von jungen Zuwanderern zu verbessern. "Mit dem dualen System hat Deutschland gute Voraussetzungen, auch die Arbeitsmarktintegration von Migranten zu stemmen", hatte der stellvertretende OECD-Generalsekretär Stefan Kapferer bei der Vorstellung der Studie "Bildung auf einen Blick" gesagt. "Allerdings kommt es jetzt darauf an, etwa durch spezielle Angebote für Flüchtlinge, diese Basis noch weiter zu stärken und auf deren Bedürfnisse einzugehen."

Bertelsmann-Vorstand Jörg Dräger argumentiert nun ähnlich. "Um die rückläufigen Bewerberzahlen auszugleichen, muss sich unser Ausbildungssystem verstärkt Jugendlichen mit schwächeren Schulabschlüssen und Migrationshintergrund sowie Flüchtlingen öffnen", sagte er.

Di e Kluft zwischen den Ländern wächst

Dass sich die Lage auf dem Ausbildungsmarkt entspannt hat, hat laut Bertelsmann-Studie vor allem einen Grund: Inzwischen verlassen deutlich weniger junge Menschen als früher die Schulen und ein größerer Anteil von ihnen entscheidet sich mittlerweile für ein Studium statt für eine Ausbildung. Folglich konkurrieren weniger Bewerber um die freien Lehrstellen.

Der Ländermonitor der Bertelsmann-Studie zeigt zudem, dass die Ausbildungschancen offenbar immer stärker vom Wohnort der Jugendlichen abhängen. Die Ungleichheiten zwischen den Ländern, folgern die Autoren, habe eher zu- als abgenommen.

Wie viele freie Ausbildungsplätze kommen auf 100 Bewerber


  • Am günstigsten ist das Verhältnis zwischen Angebot und Nachfrage für die Azubis in den ostdeutschen Ländern. In Mecklenburg-Vorpommern kommen auf 100 Bewerber etwa 104 Ausbildungsplätze. Die Betriebe in den neuen Ländern bilden zwar seltener aus, aber es gibt auch wegen des Geburtenrückgangs besonders wenige Bewerber, die um Lehrstellen konkurrieren.

  • Es werden mehr Ausbildungsverträge als 2007 vorzeitig aufgelöst. Insgesamt bleibt ein Viertel der Azubis nicht bei seinem Ausbildungsbetrieb. In den ostdeutschen Ländern ist die Zahl der aufgelösten Verträge dabei besonders hoch und liegt zwischen 28,5 Prozent in Sachsen und 33,9 Prozent in Mecklenburg-Vorpommern. Ein aufgelöster Ausbildungsvertrag ist nicht gleichbedeutend mit einem Ausbildungsabbruch - oft setzen die Azubis ihre Lehre in einem anderen Betrieb fort.

  • Etwa 80 Prozent aller Azubis schließen ihre Ausbildung ab. Doch auch hier gibt es regionale Unterschiede: In Mecklenburg-Vorpommern sind nur 64,6 Prozent der Auszubildenden erfolgreich, in Bayern und Baden-Württemberg sind es dagegen fast 90 Prozent.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 188 Beiträge
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Seite 1
frummler 30.11.2015
1. komisch
früher waren in handwerksberufe fast nur hauptschüler ! heute sollen die plötzlich nicht mehr gut genug sein? vllt sollten die chefs mal überlegen womit sie und selber und der grossteil ihrer ältern arbeitnehmer damals anfingen!
dirk1962 30.11.2015
2. Chancen der Flüchtlinge?
Ist es dann etwa doch nicht so, dass gerade die jungen Flüchtlinge von Ausbildungseinheiten Unternehmen aufgesaugt werden wie ein Schwamm? Wie kann das sein? Merkel, Nahles und Co schwadronieren doch ständig von den großen Chancen. Nun dann ist Projekt Integration wohl schon gescheitert, bevor es begonnen hat. Nachdem Merkel uns ja ihren Plan nicht mitteilen wollte, sollen wir jetzt auf einen ebenfalls nicht vorhandenen Plan B glauben? Also lag ich meiner schon vor Wochen Prognose gar nicht so falsch, dass max 5% der ankommenden Flüchtlinge eine Chance auf einen Job hat. In dem Punkt hätte ich mich gerne geirrt. Was machen schließlich mit den verbleibenden 95%?
territrades 30.11.2015
3. Wahnsinn
Ungebildete Jugendliche mit schlechten Sprachkenntnissen finden schlechter eine Ausbildung. Wer hätte das gedacht. (Ja nicht alle ohne deutschen Pass haben notwendigerweise schlechte Deutschkenntnisse, aber statistisch gesehen wird es schon stark korrelieren.)
RioTokio 30.11.2015
4.
Firmen handeln in der Regel rational. Sie werden wohl ihre Erfahrungen gemacht haben. Die Leistung ausländischer Jugendlicher und die soft skills werden eben mies sein. Im übrigen wird es gravierende Unterschiede innerhalb der Ausländergruppen. Das wird - seltsamerweise - nicht thematisiert.
Oldtimer 1 30.11.2015
5. Früher waren Lehrjahre keine Herrenjahre.....
heute ist alles übereguliert und viele, die Lehrlinge ausbilden möchten, scheuen den ganzen Regulierungswahn. Jedem eine Chance geben und dann weiter sehen. Wofür hunderte Bewerbungen schreiben? Einfach das System vereinfachen und jeder Nachbarhandwerker nimmt wieder Lehrlinge zum Ausbilden und (Erziehen) auf. Einfach hingehen und Fragen. In meinem ersten Lehrjahr 1962 gab es 50.- DM nicht am Tag, sondern im Monat an (Erziehungsbeihilfe). Heute reicht das noch nicht einmal für den Papierkram des Handwerkers (Satire). Die Gurken müssen gerade, die Bananen krumm, die Glühbirnen dürfen nicht mehr glühen und der Lehrling muss um 16,15 Uhr zu Hause sein. So geht das auch nicht weiter. EU entmachten und den Handwerkern mehr Spielraum geben, denn die lieben ihren Beruf meist so sehr, dass diese auch ohne Überegulierung gut ausbilden. So wären beiden Seiten geholfen.
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