Studie Ganztagsschulen machen Eltern zufriedener

Förderung, Ausstattung, Mittagessen: Eltern von Ganztagsschülern bewerten die Angebote für ihre Kinder besser als Eltern von Halbtagsschülern. Das ergab eine Studie der Bertelsmann-Stiftung.

Erstklässler in Brandenburg
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Erstklässler in Brandenburg


"Ganztagsschulen sind der beste Rahmen für die individuelle Förderung der Schüler", sagt Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann-Stiftung, bei der Vorstellung einer Umfrage über Ganztagsschulen. "Vorausgesetzt, die Qualität stimmt." In der aktuellen Studie zählte aber ausschließlich die Meinung der Eltern.

Die Forscher wollten wissen, wie die 4300 befragten Mütter und Väter die Schulen ihrer Kinder bewerten. Dabei lag das Hauptaugenmerk auf der Frage: Was ist besser, Ganztag oder Halbtagsunterricht? Abgefragt wurde das Angebot von der persönlichen Förderung über die schulische Ausstattung bis hin zum Mittagessen.

Eltern von Ganztagsschülern sind mit dem Schulangebot generell zufriedener als Eltern, die ihre Kinder auf einer Halbtagsschule unterrichten lassen, heißt es in der Studie.

Die Ergebnisse der Bertelsmann-Studie im Überblick:

  • Besonders punkten kann die Schulform bei der Berücksichtigung von persönlichen Stärken und Schwächen der Kinder und Jugendlichen: Die Ganztagslehrer könnten besser mit unterschiedlichen sprachlichen Voraussetzungen der Schüler umgehen als die Kollegen an der Halbtagsschule, befinden die Eltern (63% zu 49%, zuerst genannt werden die Antworten der Ganztagseltern), auch würden die Kinder stärker ermuntert, den eigenen Interessen nachzugehen (68% zu 59%). Mehr Lob erhielten die Ganztagslehrer auch für die Beratung zu Fördermaßnahmen für das eigene Kind (65% zu 47%).
  • Auch in Sachen Kooperation schneiden die Ganztagslehrer etwas besser ab: Interne Absprachen (64% zu 51%) und Teamarbeit im Unterricht (47% zu 32%) seien für Eltern in Ganztagsschulen häufiger wahrnehmbar als in Halbtagsschulen. Als fachlich kompetent bewertet aber die deutliche Mehrheit beider Elterngruppen die Lehrkräfte (86% zu 82%).
  • Die Atmosphäre in der Schule beurteilen beide Elterngruppen ähnlich gut (82% zu 76%). Doch in Sachen Ausstattung werden die Ganztagsschulen besser bewertet, etwa hinsichtlich eines zusätzlichen Raumangebots für Randstunden (72% zu 56%) oder der Gestaltung des Gebäudes und Geländes, das zu "vielerlei Aktivitäten einlade" (62% zu 45%).
  • Das Angebot zum Mittagessen wird in Halbtagsschulen kaum genutzt (rund 19%), an Ganztagsschulen essen hingegen über 60 Prozent der Kinder und Jugendlichen in der Schule. In beiden Gruppen melden die Eltern allerdings zusätzlichen Bedarf an (gut 20% im Ganztag, 25% Halbtag). Nur 37 Prozent der Halbtagsschuleltern bewerten das Essensangebot als gesund und ausgewogen, bei den Eltern an der Ganztagsschule sind es 57 Prozent.

Autoren fordern Ausbau des Ganztagsangebots

Die Zahl der Ganztagsschulen steigt seit Anfang 2000 kontinuierlich. Waren es 2002 bundesweit nur knapp zehn Prozent der Schüler, die auch am Nachmittag unterrichtet wurden, besuchten zuletzt schon 37,7 Prozent eine Ganztagsschule, geht aus den Statistiken der Kultusministerkonferenz hervor. Dabei gibt es regional aber erhebliche Unterschiede, wie die Grafik zeigt.



Sachsen und Hamburg, die die meisten Schüler an Ganztagsschulen haben, sehen sich durch die Ergebnisse in ihrer Schulpolitik bestätigt. In der Hansestadt hätten bereits alle Schulen Ganztagsangebote, sagt der Pressesprecher der Hamburger Schulbehörde. Nun gelte es nur noch, die Qualität zu verbessern. Erst im April hatte eine Studie im Auftrag der Stiftung gezeigt, dass Anspruch und Wirklichkeit in den Ganztagsschulen von Bundesland zu Bundesland oft weit auseinanderliegen.

In Sachsen habe schon eine frühere Befragung der TU Dresden ergeben, dass 80 Prozent der Eltern sehr zufrieden mit dem Ganztagsangebot seien, heißt es aus dem sächsischen Ministerium. Das Besondere in Sachsen: Gerade im Grundschulbereich gebe es ein gutes Ganztagsangebot, sagt eine Sprecherin des Kultusministeriums.

Andernorts bestehe für Primarschulen noch Nachholbedarf, sagt Christine Steiner. Die Wissenschaftlerin forscht seit 2008 im Rahmen der Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen zu einer der größten Reformen im Schulwesen. Die Arbeit der Bertelsmann-Stiftung bewertet sie als "solide Forschung" , in eigenen Untersuchungen hätten sich die Ganztagseltern aber etwas kritischer gezeigt.

Hort-Angebote statt Ganztagsschule

Deutlich wird bei der Lektüre der Studie, dass die Autoren klar für den weiteren Ausbau des Ganztagsangebots sind. Die Schulform stehe für mehr Leistungsfähigkeit und Chancengerechtigkeit und eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Der Ausbau werde aber nur dann zum Erfolg, wenn er von den Eltern akzeptiert werde, heißt es. "In der vorliegenden Studie zeigen wir, dass dies inzwischen der Fall ist."

Für Bayern, Schlusslicht in Sachen Ganztag, geht mit einem längeren Schultag nicht automatisch eine bessere Bildung einher. Im Freistaat setze man auf die Entscheidungsfreiheit der Eltern, sagt der Sprecher des Kultusministeriums , "wir richten uns am Bedarf aus". Bisher sei jeder Antrag einer Schule auf Umwandlung in eine Ganztagsschule bewilligt worden.

Sachsen-Anhalt hingegen, das in den in puncto Ganztagsschulen gut ausgestatteten neuen Bundesländern am Ende der Statistik steht, stellt klar, dass das Betreuungsangebot an den Schulen im Prinzip den Ganztagsmodellen entspräche. Nur heiße es eben nicht so. Ein weiterer Ausbau sei deshalb nicht geplant.

Die befragten Eltern allerdings haben in ihrer Bewertung ohnehin auch Hort-Angebote berücksichtigt, schreiben die Autoren der Bertelsmann-Studie. Denn die Hälfte der Befragten habe angegeben, ihr Kind besuche eine Ganztagsschule - was die Schulstatistik schlicht nicht hergibt. Die Zufriedenheit also ist nicht allein dem Ganztagskonzept geschuldet. Sondern der Möglichkeit, die Kinder auch nachmittags zu betreuen.



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