Bertelsmann-Studie Wenn die Mutter nicht arbeitet, bleibt das Kind arm

Es betrifft nicht nur Kinder von Alleinerziehenden: Auch Kinder von Eltern, bei denen nur der Vater arbeitet, sind häufiger von Armut bedroht. Ein Gehalt reicht oft nicht mehr aus, zeigt eine Studie der Bertelsmann-Stiftung.

Kinderarmut (Symbolbild)
DPA

Kinderarmut (Symbolbild)


Wenn Mütter nicht arbeiten, sind ihre Kinder stärker von Armut bedroht. Das früher weitverbreitete Ein-Verdiener-Modell, bei dem der Vater arbeitet und die Mutter die Kinder betreut, reicht vielfach nicht mehr aus, um Kindern ein finanziell abgesichertes Aufwachsen zu ermöglichen. Das geht aus einer aktuellen Untersuchung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung hervor, die an diesem Mittwoch vorgestellt wird.

"Kinderarmut hängt maßgeblich an der Erwerbstätigkeit von Frauen", sagte Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann-Stiftung. Und das gelte nicht nur für Kinder von Alleinerziehenden. Auch Kinder aus Familien, in denen die Eltern zusammenwohnen, erleben zu 32 Prozent dauerhaft oder wiederkehrend Armut, wenn die Mutter nicht arbeitet, und 30 Prozent der Kinder erfahren zumindest kurzzeitig, was es heißt, arm zu sein.

Als arm gelten laut Definition der Studie Kinder aus Familien, die mit weniger als 60 Prozent des mittleren Haushaltsnettoeinkommens auskommen müssen oder Hartz IV beziehen. Für die Studie wurden Daten des Panels "Arbeitsmarkt und soziale Sicherung" ausgewertet, für das seit 2006 jährlich 15.000 Menschen befragt werden.

Kinder von Alleinerziehenden sind besonders armutsgefährdet

Ist eine alleinerziehende Mutter nicht erwerbstätig, wachsen ihre Kinder zu 96 Prozent - also fast immer - in dauerhafter oder wiederkehrender Armut auf, so die Studie. Nur wenn Alleinerziehende über einen längeren Zeitraum mehr als 30 Stunden pro Woche arbeiten, können sie in den meisten Fällen verhindern, dass ihre Kinder in dauerhafter Armut aufwachsen. Doch auch dann erfahren noch 16 Prozent der Kinder, wie es ist, arm zu sein.

Arbeitet die Mutter in einer stabilen Teilzeitbeschäftigung oder einem Minijob, leben 20 Prozent der Kinder dauerhaft oder wiederkehrend in Armut - weitere rund 40 Prozent zumindest zeitweise.

Details zur Studie
Welche Daten wurden ausgewertet?
Datengrundlage ist die repräsentative Längsschnittstudie "Panel Arbeitsmarkt und Soziale Sicherung" (PASS), in dem seit 2006 jährlich ca. 15.000 Personen ab 15 Jahren befragt werden. Der Fokus der Studie liegt auf der Situation der Mütter. Aufgrund der kleinen Fallzahl von alleinerziehenden Vätern konnten keine Aussagen zur deren Erwerbstätigkeit getroffen werden.
Ist die Untersuchung repräsentativ?
Ja. Aus dem repräsentativen Panel wurden die Daten von 3180 Kinder über einen Zeitraum von fünf Jahren ausgewertet. Zu jedem der fünf Beobachtungszeitpunkte wurde die Einkommenssituation für den Haushalt des jeweiligen Kindes betrachtet, so dass während des Zeitraums Wechsel in und aus der Armut beobachtet werden konnte.
Wer hat die Studie erstellt?
Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) im Auftrag der Bertelsmann Stiftung.

"Müttern muss es erleichtert werden, arbeiten zu gehen", fordert deshalb Bertelsmann-Vorstand Dräger. Und: "Kinder müssen unabhängig von ihren Familien so unterstützt werden, dass sie nicht vom gesellschaftlichen Leben abgekoppelt sind."

Der Studie zufolge sind nämlich Kinder, die in Armut aufwachsen, weniger stark vernetzt, seltener in Vereinen aktiv und haben seltener viele enge Freunde. Für Dräger hat dies auch mit den leeren Geldbeuteln der Eltern zu tun: "Wer aus finanziellen Gründen seine Freunde nicht nach Hause einladen kann oder kein Geld für gemeinsame Hobbys hat, dem fällt es schwerer, dabei zu sein und Freundschaften zu knüpfen."

Wie es ist, wenn Familien das Geld für Klassenfahrten, Theaterkurse, Bücher oder Stifte nicht aufbringen können, haben sieben Betroffene in eindrücklichen Worten dem SPIEGEL erzählt:

Zur Verringerung von Kinderarmut fordert die Bertelsmann-Stiftung ein einkommensabhängiges "Teilhabegeld", das es allen Kindern ermöglicht, am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben. Auch Politiker und Bildungsexperten haben Vorschläge, wie armutsgefährdeten Kindern geholfen werden kann. Einen Überblick finden Sie hier.

Video: Kinderarmut in Deutschland

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insgesamt 241 Beiträge
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Broko 27.06.2018
1.
Unter diesen Voraussetzungen wäre es das Beste, die Kinder sofort nach der Geburt in staatliche Obhut zu geben - denn das, was sich da "Familie" nennt, ist nur noch eine Farce! Welchen Sinn macht es, die Kinder um 18.00 Uhr aus den Verwahranstalten abzuholen, um dann noch auf "Familie" zu machen - vor allem für die Kinder?
Tr1ple 27.06.2018
2. Komisch in anderen Ländern geht das
In der Schweiz geht das noch. Dort kann man als man noch die ganze Familie ernähren. Ich vermute die Produktivität ist nur geringfügig besser als in DE und Frauen arbeiten auch in der Schweiz.
eunegin 27.06.2018
3. ohne Kita-Platz kein Arbeitsplatz
Versuchen Sie einmal jetzt in z.B. Berlin einen Kita-Platz zu ergattern. 30 Absagen? 40? So wird das nichts mit Zeit für Arbeit. Nicht einmal Teilzeit. Ein hausgemachtes Problem. Dazu kommt, dass sich die Lage wegen der gestiegenen Wohnpreise verschärft hat. Auch hier Berlin: Sie bekommen Nachwuchs und brauchen etwas mehr Platz. Für Normalverdiener kaum machbar, mit einem Einkommen schon gar nicht. Wenn man dann einen Kita-Platz hätte, könnte... Ach ja. Das andere Problem. PS: das ist nicht fiktiv, sondern aktuelle Erfahrung. Und nein, einfach umziehen nach XY in Brandenburg geht auch nicht, denn einer hat ja einen Job und alle haben ein soziales Umfeld.
bkrak 27.06.2018
4. So ein Unfug.
Und einfach nur falsch. SPON eröffnet die nächste Treibjagd gegen Mütter, die sich zu Hause um die Kinder kümmern. Fragt mal die Lehrer, woran Kinderarmut wirklich liegt. Die kennen ihr Publikum nämlich am besten.
hagenvon 27.06.2018
5. Vernünftige Löhne
die Lösung hierfür sind deutlich höhere Löhne und weniger Abgaben auf diese Löhne.
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