Big Sister Englische Lehrerin filmte heimlich ihre Schüler

Eine TV-Dokumentation über britische Schulen zeigte pöbelnde Schüler und hilflose Pädagogen. Mit versteckter Kamera nahm eine Lehrerin und Journalistin das Chaos im Klassenzimmer auf. Darf man das? Alex Dolan droht jetzt der Entzug der Lehrerlaubnis.

Von Peter Neitzsch


Für die einen ist sie eine mutige und engagierte Frau, für die anderen nur eine Nestbeschmutzerin, die ihre Kompetenzen überschritten hat. Weil sie heimlich das schlechte Verhalten ihrer Schüler fürs Fernsehen filmte, muss sich die britische Lehrerin Alex Dolan vor dem "General Teachers Council" verantworten. Sollte das Gremium zu dem Schluss kommen, dass Dolan ihre Position missbraucht hat, droht ihr der Entzug der Lehrerlaubnis.

Alex Dolan: Die Lehrerin mit der versteckten Kamera
Channel 4

Alex Dolan: Die Lehrerin mit der versteckten Kamera

Für die TV-Dokumentation "Undercover Teacher" des Senders "Channel 4" hatte Dolan bereits 2005 an vier Schulen in London und Leeds unterrichtet. Mit einer versteckten Kamera filmte sie dabei das Verhalten ihrer Schüler im Klassenraum - damit habe sie die Zustände an britischen Schulen öffentlich machen wollen. "Ich bin immer noch sehr aufgewühlt, wenn ich an diese Erfahrungen denke. Ich bezweifle, dass sich seitdem viel geändert hat", sagte die 33-Jährige kürzlich der Tageszeitung "Daily Mail".

Versteckte Kamera als "letztes Mittel"

Der Film, der in Ausschnitten auf YouTube zu sehen ist, zeigt, wie Schüler im Unterricht kämpfen, auf den Tischen umher rennen, ihre Lehrerin beschimpfen und mit Stühlen werfen. Nach Dolans Schilderungen ein Dauerzustand an den Schulen: Kollegen berichteten der Hilfslehrerin von körperlichen Angriffen und Drohungen durch einzelne Schüler, erzählte sie der Zeitung. Einmal habe ein hilfloser Lehrer einen Alarmknopf gedrückt, weil er nicht mehr weiter wusste, doch niemand sei gekommen, um zu helfen. Ein anderer Pädagoge sei von einem Schüler niedergeschlagen worden und habe im Krankenhaus behandelt werden müssen, doch der Schüler sei nicht von der Schule geflogen.

Allen Jewhurst, Programmchef von "Channel 4", verteidigte Dolan am Montag vor dem Lehrergremium: "Es ging uns nicht darum, Kinder oder Lehrer bloßzustellen. Aber wir wollten der Öffentlichkeit zeigen, wie es in einigen unserer Schulen wirklich zugeht", sagte er einer britischen Nachrichtenagentur. Die Ausstrahlung der Dokumentation sei somit von öffentlichem Interesse gewesen. Jewhurst nannte Dolan eine "rechtschaffene Frau". Der Einsatz einer versteckten Kamera sei das "letzte Mittel" gewesen, um auf die Probleme aufmerksam zu machen: "Man sollte nicht den Überbringer der schlechten Nachricht hinrichten."

Auch Kevin Sutcliffe von "Channel 4", dessen Kinder eine der gefilmten Schulen besuchen, rechtfertigte vor dem Ausschuss das Vorgehen. Dolan habe wertvolle Recherchearbeit geleistet, sagte der stellvertretende Nachrichtenchef des Senders; nach seiner Auffassung wäre es unfair, ihr deswegen Schwierigkeiten zu bereiten.

Als Hilfslehrerin an 16 Schulen in einem halben Jahr

Dolan war bei einer Agentur für Hilfslehrer unter Vertrag. In sechs Monaten unterrichtete sie an insgesamt 16 verschiedenen Schulen, um erkrankte Lehrer zu vertreten oder nicht besetzte Stellen auszugleichen. Das System der Hilfslehrer in Großbritannien sorge dafür, dass zwischen diesen Pädagogen und den Schülern kaum eine Bindung entstehe, so Dolan. Manche Klassen hätten in einem Jahr bis zu 26 Hilfslehrer gehabt. "Wirklich traurig ist, dass viele der Schüler im Grunde intelligent sind, aber sich selbst aufgegeben haben."

Die aus Cambridge stammende Pädagogin sagte der "Daily Mail": "Ich habe als Lehrerin immer mein bestes gegeben. Keine der Situationen war herbeigeführt." Sie habe lediglich auf die schlechten Standards in den Klassen sowie auf die Täuschung der Inspektoren und die Manipulation von Prüfungsergebnissen hinweisen wollen.

Der Film dokumentiert auch, wie Lehrer in Leeds versuchen, die Probleme vor den Kontrolleuren der Schulaufsicht zu verbergen. Schwierige Kinder wurden nach Hause geschickt, um einen besseren Eindruck zu machen. Dolan sagt, sie habe gehofft, mit der Dokumentation eine Diskussion auszulösen über überforderte und unterbezahlte Lehrer, die kaum Unterstützung durch die Behörden bekämen.

Der Ausstrahlung der Dokumentation war vor drei Jahren ein juristischer Streit vorausgegangen: Der Stadtrat von Leeds hatte gegen die Ausstrahlung geklagt, doch die Richter entschieden, dass die Sendung im öffentlichen Interesse sei. Der ehemalige Rektor einer der Schulen in Leeds berichtete, dass die Schüler nach der ausgestrahlten TV-Dokumentation unter einem beträchtlichen Schock gestanden hätten.

Mit viel Verspätung befindet der General Teachers Council nun darüber, ob Dolan in Zukunft wieder unterrichten darf. Derzeit arbeitet sie als Journalistin, sagt aber: "Ich bin leidenschaftliche Lehrerin, und den Gedanken, dass ich meinen Beruf in Zukunft nicht mehr ausüben kann, finde ich unerträglich."



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