Bildungsbericht "So preiswert ist die Integration nie wieder zu haben"

Drei Milliarden Euro jährlich, 37.000 neue Pädagogen - das braucht es laut Bundesbildungsbericht für die Integration der Flüchtlinge ins Bildungssystem. Wie bringt man das Geld auf? Durch eine gute Investition.

Geflüchtete Kinder in der Schule
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Geflüchtete Kinder in der Schule

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"Billiger bekommen wir das nicht." Martin Baethge, Präsident des Soziologischen Forschungsinstituts Göttingen, ist da sehr klar. Baethge ist einer der Autoren des Berichts "Bildung in Deutschland 2016", der am Donnerstag in Berlin vorgestellt wurde. Zusammen mit anderen Bildungsforschern hat er ausgerechnet, wie viel die Integration der Asyl- und Schutzsuchenden in den Bildungs- und Ausbildungsmarkt kosten würde: zwischen 2,2 und drei Milliarden Euro, ab sofort und jährlich, auf unbestimmte Zeit.

Und Martin Baethge hat keine Zweifel: So preiswert ist die Integration Hunderttausender Kinder und Jugendlicher nie wieder zu haben. "Die sind jetzt schon bei uns, sie sind in den Schulen, und sie werden bleiben", sagt der Soziologe. Wenn die Integration jetzt nicht gelinge, dann werden, so die Forscher, die sozialen Folgekosten in einigen Jahren um ein Zigfaches höher sein.

Im Bildungsbericht 2016 haben er und seine Kollegen genau aufgeschlüsselt, in welchen Bereichen welcher Finanz- und Personalbedarf besteht:

  • Bei der frühkindlichen Bildung werden 9400 zusätzliche Fachkräfte gebraucht, 421 Millionen müssten Bund und Länder jährlich für Personal und den Ausbau der Angebote aufwenden.
  • In den Grundschulen fehlen demnach fast 5600 Lehrer, Finanzbedarf: 449 Millionen.
  • In den weiterf ü hrenden Schulen fehlen 8420 Lehrer und 666 Millionen Euro pro Jahr.
  • Einen Großteil macht der Bedarf in der Ausbildungsvorbereitung , im dualen Ausbildungssystem und an den berufsbildenden Schulen aus: 14.300 Lehrkräfte werden hier benötigt, die Forscher haben hier einen Finanzbedarf von fast 1,43 Milliarden Euro pro Jahr ausgemacht.

Doch wenn diese enormen Ausgaben alternativlos sind, wie es der Bundesbildungsbericht nahelegt - wie soll das bezahlt werden? Im Bericht selbst gibt es dazu keine Vorschläge, der Arbeitsauftrag der Bildungsforscher nur die Ermittlung der Zahlen.

Doch eine andere Studie, die bereits vor einigen Monaten vorgestellt wurde, zeigt einen möglichen Weg. Erstellt wurde sie vom Berliner Forschungsinstitut für Bildungs- und Sozialökonomie (FiBS), das Ende vergangenen Jahres berechnet hat, welchen finanziellen Reformbedarf es im deutschen Bildungssystem gibt. Auch die FiBS-Forscher kommen - ganz ähnlich wie der Bildungsbericht - auf Gesamtkosten von 25 bis 50 Milliarden Euro für die deutsche Gesellschaft, gestreckt über mehrere Jahre.

Neue Wege der Finanzierung

Unbezahlbar? "Nein, das könnten wir schaffen - wenn wir neue Wege der Finanzierung gehen", sagt FiBS-Direktor Dieter Dohmen. Er hat das Modell eines Refugee Impact Funds entwickelt, eines nationalen Finanzfonds, der gezielt zur Finanzierung der Auswirkungen von Flucht und verstärkter Zuwanderung gegründet wird.

Dieser Fonds, so die Grundüberlegung, soll aktuell und in den kommenden Jahren die Kosten der notwendigen Integrationsmaßnahmen tragen und später einen Teil der Mehreinnahmen und Minderausgaben der öffentlichen Haushalte erhalten. Anders gesagt: Wer dem Fonds Geld zur Verfügung stellt, profitiert in ein paar Jahren von den Gewinnen, die sich durch eine erfolgreiche Bildungsintegration der Flüchtlinge erzielen lassen.

Renditen, die es derzeit nirgendwo sonst gibt

Diese so genannte Bildungsrendite fällt in den verschiedenen Bildungsbereichen unterschiedlich hoch aus:

  • Im frühkindlichen Bereich sind die Effekte mit einer geschätzten Rendite von 21 Prozent am höchsten.
  • In Schule und Hochschule liegt die mittelfristige Rendite bei zwölf Prozent.
  • Im Berufsbildungsbereich liegt sie immer noch bei neun Prozent.

"Würde davon nur ein Drittel an die Anleger des Fonds ausgeschüttet, wäre das eine respektable Rendite", rechnet Dieter Dohmen vor. Und verweist darauf, dass ein solcher Fonds deshalb auch für Privatanleger interessant sein könnte - der Staat bräuchte in diesem Fall das Geld gar nicht alleine aufbringen.



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