Zuwanderung und Bildung Forscher empfehlen Investitionen von drei Milliarden Euro pro Jahr

Migrantenkinder sind die Verlierer im deutschen Schulsystem, heißt es im neuen Bildungsbericht. Die Lage könnte sich mit den Flüchtlingen noch verschlechtern - muss sie aber nicht.

Flüchtlinge im Unterricht
DPA

Flüchtlinge im Unterricht


Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund fallen statistisch betrachtet öfter als ihre Mitschüler durchs Raster und kommen in ihren Bildungskarrieren wenig voran. Das belegt der neue Bericht ""Bildung in Deutschland 2016", den Bildungsministerin Johanna Wanka (CDU) am Donnerstag vorstellte.

Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund finden in Deutschland demnach zwar bessere Rahmenbedingungen vor als noch vor zehn Jahren. Es bleiben aber "ausgeprägte Unterschiede", heißt es in dem Bericht, den das Deutsche Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) federführend erstellt hat.

"Soziale Herkunft, Migrationshintergrund und zunehmend auch regionale Rahmenbedingungen üben einen starken Einfluss auf den Bildungserfolg aus", sagt der DIPF-Bildungsforscher Kai Maaz. "Diese Problematik dürfte sich im Zuge der neuen Zuwanderung intensivieren."

Die Autoren rechneten deshalb aus, welche Investitionen nötig sind, um geflüchtete Kinder und Jugendliche ins deutsche Bildungssystem zu integrieren. Allein für den Flüchtlingsandrang 2015 sollten demnach 33.000 bis 44.000 Lehrer und Erzieher neu eingestellt werden.

Sprachliche Bildung von Asylsuchenden und Flüchtlingen "bleibt für die nächsten Jahre eine ebenso vordringliche wie kontinuierliche Aufgabe und erfordert in allen Bereichen verstärkte Anstrengungen sowie zusätzliche personelle Ressourcen", schreiben die Autoren. Die Bildungsinvestitionen für Flüchtlinge beziffern sie auf zusätzlich 2,2 bis drei Milliarden Euro jährlich.

Die aktuelle Bestandsaufnahme ist eindeutig: Heute verlassen ausländische Jugendliche die Schule mehr als doppelt so häufig wie ihre Mitschüler ohne Hauptschulabschluss. Sie schaffen dreimal seltener die Hochschulreife. Und in der Berufsausbildung ist die Abbrecherquote 50 Prozent höher als die der deutschen Jugendlichen, heißt es in der Studie.

Schüler mit Eltern ausländischer Herkunft sind in Haupt- oder Realschulen deutlich überrepräsentiert, an Gymnasien dagegen unterrepräsentiert - allerdings hauptsächlich, weil sie häufig aus schwächeren sozialen Verhältnissen stammen. Bei ähnlicher sozialer Herkunft sei auch der Anteil an den Bildungswegen vergleichbar.

Gut investiert

Aus Sicht der Autoren lohnen sich die Milliardeninvestitionen, die sie empfehlen: Die Eingliederung von Asylsuchenden ins deutsche Bildungssystem zahlt sich den Berechnungen zufolge in zehn bis 20 Jahren wirtschaftlich aus - bei sinnvollen Weichenstellungen dann aber nachhaltig.

Die "Rückzahlung" hoher Bildungsinvestitionen für junge Flüchtlinge zeige sich mittelfristig "in direkten Beiträgen zur Wertschöpfung ebenso wie in der Vermeidung von Sozialkosten", heißt es in dem Bericht zu den ökonomischen Effekten. Hinzu kommen die die gesellschaftlichen Effekte einer besseren Integration durch Bildung.

Daher sei es jetzt so enorm wichtig, die Herausforderungen der Flüchtlingskrise zu meistern, schreiben die Autoren. Sie verweisen darauf, dass gegenwärtig rund 30 Prozent der gestellten Asyl-Erstanträge auf Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren entfallen und jeweils rund 25 Prozent auf 18- bis 24-Jährige sowie Erwachsene zwischen 25 und 34 Jahren.

fok/dpa/Reuters



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