Bildungsmesse Didacta So geht das Lernen der Zukunft

Digital und individuell - so sollen Schüler in Zukunft unterrichtet werden. Auf der weltgrößten Bildungsmesse Didacta werden dafür Konzepte vorgestellt. Doch viele Lehrer bleiben skeptisch.

Schülerin am Laptop
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Schülerin am Laptop

Aus Hannover berichtet


Volle Umhängetaschen, ein Rollkoffer mit Büchern und Broschüren, zahlreiche Werbegeschenke: Als Steffi B. und Claudia S. am Donnerstagnachmittag das Messegelände in Hannover verlassen, sind die beiden Gesamtschullehrerinnen schwer bepackt - und sehr zufrieden. "Als Referendarin war es noch schlimmer, da haben wir noch mehr mitgenommen", sagt Claudia S. nach ihrem Didacta-Besuch. "Mittlerweile wissen wir durch unsere Berufserfahrung schon, was sich lohnt und was nicht."

Ob sie sich auch zum Megathema Digitalisierung in der Bildung umgesehen haben? Die beiden schauen sich kurz an, lachen ein bisschen verlegen. Nein, das große Thema der Bildungspolitik war gar keins für die beiden Lehrerinnen. "Das hat mit unserem Alltag eher wenig zu tun", sagt Steffi B..

"Eher wenig" heißt: gar nichts. Tatsächlich dürften sich viele Lehrer auf der weltgrößten Bildungsmesse, der Didacta, ein bisschen wie in ihrer Kindheit vorkommen: Am Schaufenster können sie sich die Nasen plattdrücken, um davon zu träumen, was digital in den Klassenzimmern alles möglich wäre - wenn die Schulträger das nötige Geld hätten. Wenn die pädagogischen Konzepte vorlägen. Wenn sich die Schulen auf den Weg machen würden.

Goldgräberstimmung

Fünf Milliarden Euro, so haben es Union und SPD vereinbart, sollen im Fall einer nächsten Großen Koalition in den kommenden Jahren in die Digitalisierung der Schulen fließen. Und auch, wenn davon nur 3,5 Milliarden für diese Legislaturperiode vorgesehen sind - bei den Didacta-Ausstellern sorgt das für Goldgräberstimmung. Die Hersteller von Whiteboards, Soft- und Hardware wollen davon möglichst viel abbekommen.

Rückenwind erhalten sie unter anderem von Eva-Reichert-Garschhammer, stellvertretender Direktorin des Staatsinstituts für Frühpädagogik in München. Die Ausstattung der Kitas mit digitalen Medien werde "eine der großen Fragen der Zukunft" sein: "Wir brauchen auch WLAN in den Kitas." Das hören die Anbieter natürlich gerne, und so kündigen sie an, dass man auf der Messe "die Zukunft der Bildungsbranche live erleben" kann - ein Versprechen, das eher in Richtung der Politik als der Erzieher und Lehrer geht.

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Bildungsmesse Didacta: Abgestempelt

Doch die Lehrer und Erzieher sind ohnehin mehrheitlich skeptisch bei so viel reiner Technikbegeisterung - und werden von Erziehungswissenschaftlern wie Olaf-Axel Burow, Pädagogik-Professor in Kassel, bestärkt. Der lehnt die Digitalisierung der Bildungseinrichtungen zwar nicht ab, drängt aber zunächst auf eine pädagogische Grundlage. "Kritische Urteilsfähigkeit und der souveräne Umgang mit den neuen Medien werden zu Schlüsselkompetenzen", sagt Burow, und fordert eine "selbstbestimmte Digitalisierung".

Der Pädagoge hat auch eine Idee, wie das aussehen könnte. So, wie sich ein Navi im Auto an Fahrfehler anpasst und dann eine neue Route vorschlägt, sollte es auch in der Bildung sein, sagt Burow: "Wir brauchen keine Fließband-Schulen mehr, sondern individualisiertes Lernen, bei denen Algorithmen den besten Lernweg für Schüler berechnen." Die Frage, ob ein Schüler schon prüfungsreif ist oder ob er lieber noch üben sollte, könnte dann von der Software beantwortet werden.

Schulbuch des Jahres erstmals digital

Das ist, noch, Zukunftsmusik. Doch die diesjährige Auszeichnung zum "Schulbuch des Jahres" zeigt, in welche Richtung digitaler Unterricht gehen könnte: Mit dem "mBook Geschichte" gehört erstmals ein Schulbuch zu den Siegern, das überhaupt nicht mehr auf Papier gedruckt wird.

"Geschichte denkt man und Geschichte muss man verstehen - und nicht auswendig lernen", sagt Tobias Arendt, der das mBook-Konzept mitentwickelt hat. Das Schulbuch existiert nur als Homepage. Schüler und Lehrer wählen sich jeweils mit einem persönlichen Passwort ein und können dann individuelle Markierungen in den Texten vornehmen, zusätzlich eigene Fotos und Videos hochladen, Notizen speichern oder Links hinzufügen.

"Hochgradig individualisiert" werde das Lernen dadurch, sagt Tobias Arendt - denn durch die Bearbeitung gestalte jeder Schüler sein eigenes, digitales Geschichtsbuch. Schon nach der ersten Unterrichtsstunde sieht das digitale Buch bei jedem Schüler anders aus. 19 Euro kostet eine Klassenlizenz pro Monat, Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg haben das "mBook Geschichte" bereits für den Schulunterricht freigegeben. Einer der Vorteile: Es funktioniert auf jedem Gerät mit Webbrowser, vom Smartphone bis zum Desktoprechner.

"Interessant" finden Claudia S. und Steffi B. die mBook-Idee. Und wollen dann doch lieber keine Prognose abgeben, wann es bei ihnen an der Gesamtschule eingeführt wird. Das könne, sagt Steffi zögernd, "wohl noch ein bisschen dauern".

mit Material von dpa



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max-mustermann 23.02.2018
1. Wofür ?
"Die Ausstattung der Kitas mit digitalen Medien werde "eine der großen Fragen der Zukunft" sein: "Wir brauchen auch WLAN in den Kitas." Es gibt absolut nichts was ein Kind im Kitaalter an einem Bildschirm lernen könnte. Kinder in diesem alter müssen Dinge im warsten sinne des Wortes begreifen und damit umgehen. Ein Bildschirm ist dafür völlig ungeeignet.
ice945 23.02.2018
2. Ich habe Kollegen...
...die würden am liebsten morgen mit einem digitaleren Klassenzimmer durchstarten. Und andere, die mit einer einfachen Word-Datei völlig überfordert sind. Und irgendwo dazwischen liegt vermutlich wie so häufig die Wahrheit. Meine Schule ist schon recht gut ausgestattet. Digitale Tafeln in allen Räumen, dazu Visualizer und ausreichend PC-Räume. Damit geht schon einiges, was sich unser eins in Zeiten von OHPs und Fersehrollwagen überhaupt nicht vorstellen konnte. So richtig loslegen können wir allerdings erst, wenn alle Räume im Gebäude mit WLAN ausgestattet sind (und zwar eines, das nicht zusammenbricht, sobald eine ganze Klasse online geht), jedem Schüler auch ein digitales Endgerät zur Verfügung steht (und zwar nicht das private Smartphone) und auch wir Lehrer mit Tablets ausgestattet sind. Aber da geht es schon wieder los: Windows? Apple? Oder doch Android? Welche Programme wollen wir nutzen? Auf welcher Oberfläche laufen die? Nächstes Problem: Tablets für Lehrer werden nicht von Träger angeschafft. Das ist keine Ausstattung der Schule, sondern der Lehrperson. Dafür ist das Bundesland zuständig. Also wird es das bei allem Gerede über Digitalisierung vorerst wohl mal nicht geben... Ich bin garantiert kein Gegener der Digitalisierung. Ich integriere die Technik die mir zur Verfügung steht in meinen Unterricht (und das hoffentlich sinnvoll). Und an vielen Stellen wünsche ich mir, dass da noch mehr gehen würde. Dann habe ich eine Vorstellung davon, wie meine Schüler mit der richtigen Technik und dem richtigen Material Probleme ganz neu angehen könnten. Aber so lange die Voraussetzungen dafür nicht erfüllt sind und die Umsetzung auf verschiede Protagonisten (Träger, Land, ...) verteilt sind, kann das so schnell nichts werden. Dazu kommt, dass wenn dies alles gelärt ist, die Kollegen erst einmal geschult werden müssten. Das würde bei denen einen vermutlich recht fix gehen, bei anderen Kollegen stelle ich mir das eher abenteuerlich vor. Oben drauf vielleicht die wichtigste Frage: Wann bereichert mehr digitales eigentlich meinen Unterricht? Ich habe genug Kollegen, die auch ohne digitale Spirensken guten Unterricht machen, ihre Schüler motivieren und einen entsprechenden Lernzuwachs erzeugen. Und hier liegt doch der eigentliche Knackpunkt: Unterricht, der bereits jetzt gut ist, kann von der Digitalisierung noch weiter profitieren. Schlechter Unterricht wird durch mehr Schnickschnack in der Regel auch nicht besser (vielleicht sogar eher noch schlechter).
PaulMeister 23.02.2018
3. Whiteboards?
Gemeint sind sicher die "Hersteller von Smartboards". Whiteboards haben mit Digitalisierung jetzt erst einmal nicht wirklich was zu tun. Ansonsten bin ich mal wieder auf die ganzen Realitätsverweigerer gespannt, die sich sicher gleich zu Wort melden und die der Meinung sind dass es Fortschritt überall geben darf, möglichst nur nicht im Bildungsbereich. Es fängt schon beim Tablet an. Es macht sehr wohl einen Sinn, ob ein Erstklässler einen 25 Kilo Rucksack schleppt oder alle Bücher auf einem 500 Gramm Tablet zur Verfügung hat. Nur dieser eine Pro-Punkt müsste ja eigentlich schon allen Kritikern den Wind aus den Segeln nehmen, zumindest wenn ihnen der Rücken ihrer Kinder lieb ist. Ganz zu Schweigen von den Möglichkeiten mit einem Smartboard nicht die 15 Jahre alten Geo-Karten aus dem Vorbereitungszimmer karren zu müssen, sondern sofort jeden Fleck der Erde in unterschiedlichen Ansichten (Topographisch, Satellit etc.) und unterlegt mit Fotos und Videos darstellen zu können. Tafelbilder mit den Schülern zu erarbeiten, abzuspeichern, zu verteilen und wenn die Stunde nicht ausreicht, in der nächsten Stunde aufrufen zu können um daran weiter zu arbeiten. Nicht die gähnend langweiligen uralt Film in Biologie vom Projektor anschauen zu müssen, sondern auf aktuelle Filme (meinet wegen von Youtube) zurückgreifen zu können. Ohne Vorbereitung situationsbedingt auf tagesaktuelle Geschehnisse eingehen und das Multimedial unterstützen zu können, und und und... . Mit ein bisschen Kreativität sind da keine Grenzen gesetzt. Wer skeptisch ist und nicht glaubt, dass das sehr gut heute schon und wie selbstverständlich funktionieren kann, dem kann ich gern eine Schule nennen, wo das Tag tagtäglich der Fall ist. Für die Tablets für jeden Schüler hat es dort zwar leider noch keine Lösung gegeben (eher ein Finanzierungsproblem), aber die Smartboards gehören zum Alltag wie früher die grüne Tafel dazu und Bereichern meiner Meinung nach den Unterricht und das Lernerlebnis ungemein. Wahrscheinlich klappt es dort, da die Schulleitung die digitale Nutzung der Lehrern quasi "verordnet". Dabei sind dort durchaus auch höhere Semester vertreten. Selbstverständlich gehört es da auch dazu, dass die Lehrer entsprechend geschult werden und auch die Bereitschaft mitbringen. Wenn die fehlt, nutzen weder Milliarden, noch gute Konzepte noch eine bereite Schulleitung etwas. Übrigens gibt es in dieser Schule keine Probleme, dass Hardware oder das Internet nicht funktioniert. Offenbar gibt es dort auch ein paar Lehrer die erweiterte "Computer"-Kompetenz aufweisen und das meist selbst leicht in den Griff bekommen und das auch nicht als außerhalb Ihres Aufgabenbreichs empfinden. So kann es also auch gehen. Wozu jetzt WLAN unbedingt in der Kita gebraucht wird, erschließt sich mir allerdings auch nicht. Nicht das ich was gegen frühzeitige und gesteuerte Nutzung von sinnvollen Apps bei Kindergartenkindern hätte, aber das bekommen die Kinder in der Regel vermutlich zu Hause genug. Insofern brauchts das meiner Meinung nach nicht auch noch in der Kita.
bafibo 23.02.2018
4. Wenn man die Wahl hat
Der finanzielle Aufwand fürs Bildungssystem ist in Deutschland eher unterdurchschnittlich, jedenfalls im EU-Vergleich. Wenn man also die Schüler besser fördern will, was sollte man da tun? 1. Gebäude sanieren, wo es erforderlich ist 2. Für Hausmeister sorgen, die nicht nur einmal in Woche da sind, damit insbesondere die Sanitäreinrichtungen benutzbar bleiben 3. Mehr Lehrer einstellen, bis alle Klassen mit Inklusionskindern dauerhaft über eine zweite Lehrkraft verfügen 4. Für eine flächendeckende Ganztagsbetreuung inklusive gesundem Essen sorgen - und erst dann können wir uns überlegen, ob wir noch das Geld haben, alle Schulen mit WLAN auszustatten (das braucht nicht nur Geld für die Hardware, sondern auch einen Betreuer, der das nicht einfach nebenbei machen kann); IPads oder Laptops ganz zu schweigen. Man darf nicht vergessen, daß im Rahmen der Lehrmittelfreiheit verliehene Bücher mehreren Schülerjahrgängen dienen können, während die technischen Geräte nicht nur viel teurer, sondern auch viel schneller überholt sind. Man würde damit eine Menge Geld verbraten, ohne auch nur eine annähernd gleichwertige Gegenleistung zu erhalten. P.S. Nein ich bestehe nicht auf schwarzen Wandtafeln, es dürfen gerne Whiteboards sein. Allerdings ist Kreide deutlich billiger als Faserschreiber für Whiteboards, die immer dann leer sind, wenn man sie braucht. Und das Beseitigen der Tafelaufschriften mit feuchtem Schwamm funktioniert auf den altmodischen schwarzen Tafeln deutlich besser als auf Whiteboards; zudem ist der Kreidestaub ungiftig. Dafür kann man das Geschreibsel auf weißen Untergrund viel besser lesen.
kayakclc 23.02.2018
5. Digitalisierung und Bildung
Nichts ist gegen die Digitalisierung in der Bildung einzuwenden. Ein Tablet als Schulbuchersatz ist großartige, weil man eine ganze Bibliothek von e-books mit 400-600g leicht transportieren kann. Nur leider wird Digitalisierung oft falsch eingesetzt und vergessen, dass es in der Schule um Erkenntnisgewinn und nicht nur um Anwendung von kommerziellen Softwareprogrammen geht. Typischen Beispiel: die graphischen, und symbolschen Rechnenhilfen im Mathematikunterricht ist eine reine Kathastrophe, weil Schülerinnen der falschen Eindruck vermittelt wird, Mathematik sei durch Eintippen von Formel in einen Computer zu lösen. Die Folge: an den Universitäten kommen heute Leute, die nicht einem mehr die Mittelstufenmathematik beherrschen, und damit nicht mehr hochschulreif sind, sondern nur noch hochschulberechtigt. Erkenntnis wird leider nicht gelehrt, über die Bedeutung der Ergebnisse wird nicht nachgedacht. Vielleicht liegt es auch daran, dass die Fachkompetenz der Pädagogen auch nicht mehr gegeben ist.
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