Digitale Infrastruktur in Deutschland Elf Schüler müssen sich einen PC teilen

Zu wenig Computer, fehlendes Fachwissen, kein Konzept: Beim digitalen Unterricht sind deutsche Schüler im internationalen Vergleich abgehängt. Das zeigt eine noch unveröffentlichte Studie.

Schulunterricht mit digitaler Unterstützung an der Voltaire-Schule in Potsdam
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Schulunterricht mit digitaler Unterstützung an der Voltaire-Schule in Potsdam

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An deutschen Schulen gibt es im internationalen Vergleich massiven Nachholbedarf bei der Computernutzung, bei der IT-Kompetenz der Schüler und bei der Forschung zum digital gestützten Lernen. Zu diesem Schluss kommt der neue, bisher unveröffentlichte Bildungsmonitor der unternehmernahen Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM). Das Schwerpunktkapitel zur Digitalisierung liegt SPIEGEL ONLINE exklusiv vor.

"Es fehlt an Technik und Konzepten", fassen die Autoren ihre Befunde mit Blick auf die deutschen Schulen zusammen. Weil die Nutzung von Informations- und Kommunikationstechnologien im Arbeitsalltag immer wichtiger werde, sei es "zunehmend eine Aufgabe des Bildungssystems, den Schülerinnen und Schülern den Umgang mit den neuen Medien umfassend zu vermitteln", heißt es im Bildungsmonitor.

Doch genau dafür fehlt vielen Schulen in Deutschland so ziemlich alles. Zwar haben laut Umfrage so gut wie alle einen Internetzugang. Doch häufig wird der nur für Verwaltungszwecke genutzt - und die Schüler warten noch immer auf einen WLAN-Zugang.

Die Ausstattung deutscher Bildungseinrichtungen mit digitaler Infrastruktur sei "sehr unterschiedlich", heißt es im Bildungsmonitor, genauso wie der Umgang mit Fragen der Digitalisierung. Dieser reicht von Grundschullehrern, die aus Sorge vor Datenschutzbestimmungen die Zeugnisse wieder mit der Hand schreiben, bis hin zu digitalen Vorzeigeschulen, in denen das Lernen mit digitaler Unterstützung längst Alltag ist.

Im internationalen Vergleich landet das deutsche Schulsystem deshalb nur auf einem Mittelfeldplatz. Schon bei der grundlegenden Ausstattung mit digitaler Lerntechnik konstatiert der Bericht Nachholbedarf und verweist unter anderem auf das Schüler-Computer-Verhältnis. Bei den Achtklässlern in Deutschland müssten sich demnach rein rechnerisch 11,5 Schüler einen Computer teilen. Das entspricht ziemlich genau dem EU-Durchschnitt, liegt aber sehr weit hinter den Spitzenreitern Norwegen und Australien.

Weitere wichtige Ergebnisse:

  • Nur 6,5 Prozent der deutschen Achtklässler besuchen Schulen, in denen Tablets für den Unterricht zur Verfügung stehen - in der EU-Vergleichsgruppe sind es mit 15,9 Prozent der Schüler deutlich mehr.
  • Mehr Technik hilft jedoch nur sehr bedingt: "Selbst dort, wo ausreichend Technik vorhanden ist, wird diese zu oft nicht sinnvoll genug eingesetzt", sagt Studienleiter Axel Plünnecke vom Institut der Deutschen Wirtschaft (IW). Als Gründe nennt er fehlende pädagogische Konzepte und Kompetenzen der Lehrkräfte.

Wie weit die Bildungseinrichtungen in verschiedenen Ländern beim digitalen Unterrichtsalltag auseinander liegen, zeigt sich an einem Detail: Die Forscher haben ausgewertet, wie viele Schüler von ihrer jeweiligen Schule ein E-Mail-Konto zur Verfügung gestellt bekommen. Deutschland landete hier zusammen mit der Türkei abgeschlagen am Ende der Tabelle.

"Die IT-Ausstattung allein führt nicht zu positiven Effekten auf die Lernerfolge der Schüler", schreiben die Forscher. "Ohne entsprechende Unterrichtskonzepte zum Einsatz der digitalen Medien bringt die IT-Ausstattung nicht die erhoffte Wirkung." Dringend müssen demnach methodische Konzepte entwickelt werden, wie sich Informations- und Kommunikationstechnologien gewinnbringend und zielführend einsetzen lassen. Sonst drohe die Gefahr, dass die digitalen Geräte einfach nur traditionelle Unterrichtsmethoden ersetzten.

Weil Schulpolitik Sache der Bundesländer ist, versuchten die Forscher auch, einen bundesweiten Ländervergleich hinzubekommen. Das sei jedoch nicht ganz einfach gewesen, sagt Plünnecke: "Man weiß eigentlich nur sehr wenig über die PC-Ausstattung der Schulen in den einzelnen Bundesländern." Viel hänge vom Engagement einzelner Lehrer oder Schulleitungen ab.

Dennoch konnten die Autoren der Studie eine Bewertung vornehmen, indem sie aus anderen Studien und durch eigene Erhebungen fünf Kategorien an Schulen in den Blick nahmen: ob es einen ausreichenden Internetzugang gibt, wie der technische Stand der Computer ist, wie die IT-Ausstattung und das WLAN sind und ob digitale Lernplattformen eingesetzt werden. In jeder Kategorie wurden eine obere, eine mittlere und eine untere Gruppe gebildet.

IT-Ausstattung der Schulen im Bundesländervergleich

Plünnecke leitet aus den Ergebnissen der Digitalstudie mehrere Forderungen ab:

  • Die IT-Ausstattung der Schulen muss verbessert werden - und zwar insbesondere an sozial schwachen Standorten, weil benachteiligte Schüler sonst noch weiter abgehängt werden.
  • Schulen brauchen professionelle IT-Administratoren - es reicht nicht, wenn sich nur engagierte Einzelpersonen um das Thema und die Geräte kümmern.
  • Eine gute Computerausstattung alleine bringt gar nichts, wenn die entsprechenden didaktisch-methodischen Konzepte fehlen. Die müssen von den Ländern dringend entwickelt werden.
  • Digitale Kompetenzen müssen in der Aus- und Weiterbildung der Lehrkräfte durch die Bundesländer zu einem Schwerpunkt gemacht werden - wie es bereits 2016 in einer Umfrage mehr als vier Fünftel der Lehrkräfte gefordert hatten.
Details zur Studie
Welche Daten wurden ausgewertet?
Genutzt wurden einerseits zahlreiche bereits vorliegende nationale und internationale Untersuchungen zum Thema digitales Lernen, etwa die ICIL-Studie (International Computer and Information Literacy Study). Zusätzlich wurden noch einmal 297 Bildungseinrichtungen gezielt befragt.
Wie aussagekräftig ist die Analyse?
Es handelt sich um eine Metastudie, die mit zusätzlich erhobenen Daten und Auswertungen ergänzt wurde. Wegen der breiten Basis an zugrunde liegenden Untersuchungen kann sie als aussagekräftig gewertet werden, auch wenn die Autoren selbst nicht den Anspruch auf Repräsentativität erheben.
Wer hat die Studie erstellt?
Erstellt wurde der Bildungsmonitor vom Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) in Köln im Auftrag der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM). Die Befragung der deutschen Bildungseinrichtungen erfolgte durch IW Consult für das IW.

Es gehe bei der Entwicklung neuer digitaler Lernkonzepte jedoch nicht um einen unkritischen Umgang mit dem Computer, betonten der Verfasser des Bildungsmonitors: Wichtig sei, "dass die Schülerinnen und Schüler auch über die Risiken der digitalen Medien aufgeklärt werden und ihnen Handlungsstrategien vermittelt werden, wie mit diesen Risiken umgegangen werden kann".

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insgesamt 67 Beiträge
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dickebank 11.08.2018
1. Schulträger
Die IT-Ausstattung ist Sache der - meist kommunalen - Schulträger. Die Tatsache, dass eine Schule über einen Internetanschluss verfügt, ist wenig aussagekräftig. Wenn Schulen mit knapp 130 Schülern (Grundschule) den gleichen Anschluss haben wie Schulen mit über 1000 Schülern, dann ist die Kenngröße "Internetanschluss" irrelevant.
großtroll 11.08.2018
2. Armes Deutschland
Ein Land, das nicht in seine Jugend und deren (Aus)Bildung investiert, hat schon verloren. Stattdessen ein gescheitertes G8 Experiment, die gescheiterte weil unterfinanzierte und nicht zuende gedachte Inklusion....... Jetzt glauben deutsche Bildungs??politiker, die Sache sei mit der Anschaffung eines PCs getan. Autsch. Halbherzig, wie so vieles in Deutschland. So verlieren wir garantiert den Anschluss. Keine Konzepte - ein deutsches Phänomen.
samuel.cohnle 11.08.2018
3. Unterricht in PC-Handhabung
Wie Sie darauf kommen, dass das digitaler Unterricht sein soll (was etwas ganz anderes bedeutet) zeigt nur, wie mässig die Intelligenzleistungen in Deutschland geworden sind. Ist doch sinnlos, diese Kinder PC-Umgang beizubringen, weil zu viele am Randes Schwachsinns noch nicht einmal Rechnen, Lesen und Schreiben beherrschen und deren Fähigkeit nur ausreichen, um Spielchen zu starten. Die intelligenteren Schüler sind längst auf Schach als Schulsport ausgewichen, um diesen von den Lehrern umsorgten Deppen zu entgehen. Da gab es in den letzten zehn Jahren einen -von den Medien nicht beachteten- Boom in Deutschland. Übrigens mit Hilfe von PC´s, deren Handhabung man diesen für Schach begeisterten Jungen und Mädchen nicht beibringen brauchte. Die haben das schon zu hause von ihren Eltern und untereinander gelernt. Ich muss noch heute darüber lachen, wie Sie hier früher allen Ernstes erklärten, dass die Kids den Alten die Bedienung von PC´s beibringen würden. Ihren Opas, die schon in den 70-er Jahren an Grossrechnern mit SAP gearbeitet hatten. Daran merkt man, dass deutsche Journalisten nicht wissen, was in der Gesellschaft vorgeht. Wie übrigens auch in der Endphase der DDR.
wiesenflitzer 11.08.2018
4. Deutschland ist in vielen Bereichen abgehängt!
Infrastruktur (war die Woche in den Beneluxländern; von diesen Autobahnen können wir hier nur träumen!); niedriges Rentenniveau; Kinderarmut, Mindestlohn; Digitalisierung/Breitbandausbau (Mittelalter); Qualität der Schulen ; bezahlbarer Wohnraum... Deutschland hinkt überall hinterher. Wo wir vorweggehen ist: Politisches Wegschauen, reicher machen der Reichen, zulassen, das unsere Sozialkassen fremd-geplündert werden; Ausquetschen des Mittelstandes; gesellschaftliche Mittelmäßigkeit. Am wichtigsten in BRD sind: Die schwarze (jetzt wohl rote) Null; die Raute machen und lächeln...
PJanik 11.08.2018
5. Dafuq? Lasst mal die "Neuland"-itis sein, denkt vor dummem Handeln!
Umdrehen die Liste muss Du! Kein Mensch sollte Milliarden verballern ohne: 1.) Schlüssige Konzepte 1a) Dazu kann auch gehören das man erkrankten (oder anderweitig verhinderten) Kindern eine Teilnahme per Webschaltung ermöglicht 1b) Dazu gehört sicherlich Gamification 2.) Entsprechende Lehrerausbildung oder entsprechende Neueinstellungen 3.) Ausreichende professionelle Administration (digitale Hausmeister) 3 a) Sicherheits- und Datenschutzkonzepte 3 b) Eine Einweisung in Datensouveränität 4.) Ausreichendes Budget für digitale Lehrmittel (die sind entwickelt, keiner kauft die, weil ja teurer) 5) Motivation für alle Beteiligten Als IT-Fachmann kann ich allen bestätigen das Computer durchaus in der Lage sind Prozesse zu beschleunigen. Im Zweifel automatisiert man Mist aber so das man schneller mehr Mist zu höheren Kosten produziert. Wer das Pferd von hinten aufzäumt hat NULL Ahnung. Im Computerbereich ist es so das Hardware (und installierte Betriebssysteme) schnell obsolet wird, wenn die oben genannten Voraussetzungen fehlen ist jeder Investition in Hardware schnell veraltet, Ein Buch kann auch mal 30 Jahre als sein und trotzdem lehrreich (z.b. als Grammatik) Standard-PC von vor 30 Jahren: CPU: Intel 80286 RAM: 640KB Storage: 3.5-inch floppy Monitor: 14-inch, 640-by-200 RGB CRT, 16 colors Wiondows 2.0 Hier die Investitionen durch die Politik zu treiben zu lassen ist einfach ein großflächig verteiltes BER-Projekt. Einfach weil hier alte Männer und Frauen über "Neuland" diskutieren.
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