Bildungspolitik Kitas, Schulen, Unis - so sieht es wirklich aus

Weniger Schulabbrecher, mehr Studierende, mehr Ausgaben für Bildung und Forschung: Deutschland hatte sich große Ziele gesetzt. Jetzt zeigt eine Studie, was davon erreicht wurde - und was nicht.

Schulkinder
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Fast zehn Jahre ist es her: Am 22. Oktober 2008 trafen sich Bundeskanzlerin Angela Merkel und die damaligen Ministerpräsidenten der Länder in Dresden und riefen die "Bildungsrepublik Deutschland" aus.

Sie vereinbarten Ziele, die bis zum Jahr 2015 erreicht werden sollten - für die Bildung und Betreuung von Kita-Kindern, Schülern, jungen Erwachsenen, Studenten, Arbeitnehmern. Und sie beschlossen, wie viel Deutschland für diese Bereiche in Zukunft ausgeben will.

Wurden diese Ziele erreicht? Der Bildungsforscher Klaus Klemm hat im Auftrag des Deutschen Gewerkschaftsbundes überprüft, wo Deutschland im Jahr 2015 stand. Die Studie "Bildungsgipfel-Bilanz" erscheint am Freitag und liegt dem SPIEGEL vor.

Welche dieser konkreten bildungspolitischen Ziele wurden erreicht, welche gar übertroffen, welche wurden verfehlt?


Ziel: weniger Schüler ohne Abschluss. Die Quote der Schulabgänger ohne Abschluss sollte bis 2015 fast halbiert werden - auf 4 Prozent eines entsprechenden Altersjahrgangs.

Stand 2015: Die Quote ist gesunken, das Ziel wurde jedoch verfehlt. Im Jahr 2015 verließen in Deutschland 5,9 Prozent der Jugendlichen die allgemein bildenden Schulen ohne Hauptschulabschluss. Dabei gibt es große Unterschiede zwischen den Bundesländern:




Ziel: weniger junge Erwachsene ohne abgeschlossene Berufsausbildung. Die Quote der jungen Erwachsenen (20- bis 29-Jährige) ohne Berufsabschluss sollte bis 2015 halbiert werden - von 17,2 Prozent im Jahr 2008 auf 8,5 Prozent.

Stand 2015: Die Quote ist gesunken, das Ziel wurde jedoch weit verfehlt. Im Jahr 2015 hatten 13,8 Prozent der 20- bis 29-Jährigen - also knapp 1,4 Millionen junge Erwachsene - keine abgeschlossene Berufsausbildung und befanden sich auch nicht in einer Ausbildung oder einem Studium.


Ziel: mehr Kitaplätze für unter Dreijährige. Bis zum 1. August 2013 sollten für 35 Prozent der Kinder unter drei Jahren Plätze in Tageseinrichtungen beziehungsweise in der Kindertagespflege bereitgestellt werden. Das dafür erforderliche Personal sollte ausgebildet werden.

Stand 2015: Quote fast erreicht. Insgesamt besuchten 32,9 Prozent der unter Dreijährigen im Jahr 2015 eine Kita. Dabei gab es regional große Unterschiede: In den Neuen Bundesländern (einschließlich Berlin) lag die Quote bei 51,9 Prozent; im früheren Bundesgebiet bei 28,2 Prozent.


Ziel: mehr Arbeitnehmer, die Weiterbildungen machen. Die Beteiligung an Weiterbildung sollte bis 2015 von 43 Prozent auf 50 Prozent der Erwerbsbevölkerung gesteigert werden.

Stand 2015: Quote übertroffen. Schon ein Jahr vor dem Zieljahr des Bildungsgipfels, im Jahr 2014 also, wurde das Ziel leicht überschritten - die Quote lag bei 51 Prozent. Allerdings: "Gerade Arbeitslose, Menschen ohne eine abgeschlossene Berufsausbildung und Menschen mit Migrationshintergrund nehmen deutlich seltener an Weiterbildung teil und bleiben somit 'abgehängt'", schreiben die Autoren. "Diese Entwicklung ist gerade angesichts der hohen Zahl junger Erwachsener, die über keine abgeschlossene Berufsausbildung verfügen, beunruhigend."


Ziel: mehr Studierende. Die Studienanfängerquote sollte bis 2015 auf 40 Prozent eines Altersjahrgangs gesteigert werden.

Stand 2015: Quote weit übertroffen. Dazu muss man sagen: Bereits 2008, im Jahr des Bildungsgipfels, war das 40-Prozent-Ziel mit 40,3 Prozent erreicht. Insgesamt 505.736 junge Erwachsene, also 58 Prozent eines Jahrgangs, nahmen im Jahr 2015 in Deutschland ein Hochschulstudium auf. Darunter befanden sich 70.900 Bildungsausländer, also Studierende, die ihre Studienberechtigung im Ausland erworben haben. Rechnet man diese Gruppe heraus, so ergibt sich eine Anfängerquote von 49,9 Prozent.

Obgleich dies laut den Autoren "fraglos als bildungspolitischer Erfolg" gewertet werden kann, weisen sie auf die Diskussion hin, wonach es nun sogar zu viele Akademiker geben könnte. Zudem mache die Zusammensetzung an den Hochschulen nach wie vor eine soziale Schieflage deutlich: Mehr als die Hälfte der Studierenden stammt selbst aus Akademiker-Haushalten.


Ziel: 10 Prozent des BIP für Bildung. Bund und Länder hatten sich 2008 darauf verständigt, die öffentlichen und privaten Ausgaben für Bildung und Forschung bis zum Jahr 2015 von 8,5 auf 10 Prozent des Bruttoinlandsprodukte zu steigern - auf 7 Prozent (von 6,1) für Bildung und 3 Prozent (von 2,4) für Forschung.

Stand 2015: Die Quote ist gestiegen, das Ziel wurde jedoch verfehlt. Im Jahr 2015 lag der Anteil der Ausgaben für Bildung und Forschung bei 9,1 Prozent des BIP (6,4 Prozent für Bildung; 2,7 Prozent für Forschung). Damit liegt Deutschland mit dem Niveau seiner Bildungsausgaben unverändert deutlich unter dem internationalen Durchschnitt. Die 0,9 Prozentpunkte, die zur Erreichung des Zielwertes 10 Prozent noch fehlten, entsprachen im Jahr 2015 etwa 27,2 Milliarden Euro.

Viele Experten zweifeln jedoch ohnehin am Sinn der damals in Dresden spektakulär vorgetragenen Zehn-Prozent-Marke: Sinkt nämlich das BIP bei schlechter Wirtschaftsentwicklung, steigt automatisch der Anteil der Ausgaben für Bildung und Forschung - ohne dass auch nur ein Euro mehr in diesen Bereich investiert wird.


Fazit: gemischt. Es seien durchaus Fortschritte in der Bildungspolitik zu verzeichnen. Die vermeintliche "Bildungsrepublik Deutschland" bleibe jedoch ein sozial gespaltenes Land.



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insgesamt 26 Beiträge
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Ludwigs Lust 08.09.2017
1. Alles Augenwischerei
Warum ist die Abbrechecherquote gesunken und die Anzahl der Studierenden gestiegen? Das hat nichts mit besserer Bildung zu tun. Die Leistungsanforderungen wurden massiv nach unten korrigiert. Wo es früher eine fünf gab reicht es heute für eine vier. Und schon hat man bestanden. Und wo die Leistung früher nur zu einer zwei gereicht hat gibt es heute eine eins. Das ist doch alles nur ein Witz. Ich spreche hier von Meck-Pom. In anderen Bundesländern mag das ja anders sein.
Hirnretter2.0 08.09.2017
2. Qualität kostet, aber ....
... es wird gespart, wo es geht! Ein schönes Beispiel dazu aus NRW, wo die Öffentliche Hand sich offensichtlich selbst betrügt, denn prekäre Arbeitsverhältnisse im Ganztag schädigen die Sozialkassen. Fliegt das auf, werden - wie am Beispiel Essen zu sehen - sogar noch Strafzahlungen fällig. Niedersachsen hat das 12 Millionen Euro gekostet! http://www1.wdr.de/mediathek/video/sendungen/westpol/video-westpol-412.html
schmuella 08.09.2017
3. Bildung
Bildung ist das Wichtigste überhaupt und sollte kostenlos sein. Mehr Investitionen in Schulen und Ausbildungsstätten. Bildung sollte Spaß machen, deshalb müssen die Bildungsangebote attraktiver werden. Dazu gehört eine Modernisierung der Bildungseinrichtungen. Wer sich bildet, sollte zusätzlich belohnt werden, zum Beispiel über die Schaffung eines Systems, das den Menschen einen besseren Zugang zum Arbeitsmarkt verschafft. Daneben sollte schon die Betreuung in der frühkindlichen Phase verbessert werden. Die jungen Menschen von heute werden die Gesellschaft von morgen prägen. Deshalb ist es besonders wichtig hier anzusetzen. Mehr Kindergärten und Kindertagesstätten, mehr Personal, mehr Angebote. Das alles kostet Geld. Aber es sind Investitionen, die sich lohnen, denn die Menschen werden es "zurückgeben", in dem sie die Gesellschaft verbessern und ihren Beitrag zum Sozialprodukt liefern.
kritischer-spiegelleser 08.09.2017
4. "Bildungsrepublik"
Was hat Merkel nicht schon alles "ausgerufen". Und ganz schnell wieder vergessen. Weil das nächste brennende Thema aufpoppte. Wenn nur ein Schlauch da ist kann man eben nur ein Feuer löschen!
Fxxx 08.09.2017
5. Huch, Bildung als Thema im Wahlkampf...
...und der "Erfolg" wird mit kaum aussagekräftigen Quoten gemessen. Was hilft dem Land wenn 40% der Leute studieren, aber trotzdem Fachkräftemangel herrscht? Das aktuelle Bildungssystem ist katastrophal und wird die Zukunft dieses Landes gefährden. Für Merkel aber anscheinend kein Problem, denn wenn die das Land den Schaden hat wird sie im Ruhestand sein und ihr Nachfolger kann alles ausbaden.
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