Die Schulverbesserer - Teil 5 Sollte Bildungspolitik Ländersache bleiben?

Viele verfluchen die Kleinstaaterei im deutschen Schulsystem, doch etliche schulisch erfolgreiche Länder sind föderal organisiert. Aus der Reihe "Wie werden unsere Schulen besser?": Soll Bildungspolitik Ländersache bleiben?

Von Jan Friedmann, Hauke Goos und

Englischlehrerin an der Tafel: Bett und Schreibtisch heißen in allen Bundesländern "bed" und "desk"
DPA

Englischlehrerin an der Tafel: Bett und Schreibtisch heißen in allen Bundesländern "bed" und "desk"


Die Kultusministerkonferenz hat beim Wahlvolk keinen leichten Stand. Das Gremium gilt als Bremserverein, und so unrecht haben die Kritiker nicht: Soll ein Beschluss für alle Länder gelten, dann müssen auch 16 Bundesländer zustimmen.

Dennoch brachte die so verrufene Institution in den vergangenen Jahre auch Reformen auf den Weg, von Bildungsstandards bis zu vergleichbaren Abituraufgaben. Und auch wenn es in Berlin ein Ministerium gibt, das dem Namen nach für Bildung zuständig ist: Der Bund hat in der Schulpolitik traditionell nichts zu melden. Die Bildung gehört zu den Kernkompetenzen der Bundesländer.

So schnell wird sich daran nichts ändern: Bundestag und Bundesrat haben zwar gerade eine Abmilderung des sogenannten Kooperationsverbots auf den Weg gebracht. Demnach darf sich der Bund in engen Grenzen bei der Bildung engagieren, aber nur für Hochschulen, nicht für die Schulen.

Deutschland wäre mit einem zentralisierten Schulsystem besser bedient, sagen viele. Andere verweisen auf die Erfolge föderaler Staaten wie der Schweiz und Kanada bei den Pisa-Tests.

Lesen Sie die Argumente von Bildungsministern, Wissenschaftlern, Lehrern und Schülern zur Frage: Sollte Bildungspolitik Ländersache bleiben?

Ja, Bildungspolitik soll Ländersache bleiben, wenn sie gut koordiniert ist, sagen:

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Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes:

"Ja, denn sonst gibt es in Sachen Bildungsanspruch nur noch den Kompromiss des Kompromisses. Föderalismus also ja, aber bitte wieder mehr als kompetitiven Föderalismus (als Wettbewerb um die besten Lösungen!)."

DPA

Ties Rabe (SPD), Schulsenator von Hamburg:

"Es gibt keine Alternative. Jeder wünscht sich zwar ein einheitliches Schulsystem, aber jeder wünscht sich ein anderes. Wer in allen 16 Bundesländern das gleiche Schulsystem einführen will, wird in 15 Bundesländern einen Schulkrieg entfachen."

AP

Manfred Prenzel, Leiter der deutschen Pisa-Studie:

"Andere föderale Staaten schaffen es auch, länderübergreifende Bildungspolitik zu betreiben (Schweiz, Kanada). Eher ein Problem der Qualität und Koordination."

DPA

Brunhild Kurth (CDU), Kultusministerin von Sachsen:

"Bildung ist Ländersache und das ist auch gut so, weil Föderalismus auch Wettbewerb um die beste Lösung bedeutet. Bildungsföderalismus im besten Sinne bedeutet: Jedes Land trifft seine eigenen Entscheidungen in der Bildungspolitik, und trotzdem erfolgt über die Ländergrenzen hinweg eine Zusammenarbeit."

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Christoph Matschie (SPD), Bildungsminister von Thüringen:

"Bildung gehört zur Kernkompetenz der Länder. Das heißt aber nicht, dass jeder nur sein eigenes Süppchen kochen sollte. Wir brauchen vergleichbare Bildungsstandards in ganz Deutschland - die Arbeit daran läuft."

DPA

Sandra Scheeres (SPD): Schulsenatorin von Berlin:

"Das Kooperationsverbot für Länder und Bund in Schulsachen sollte aufgehoben werden. Im Übrigen sollte Bildung Ländersache bleiben."


Nein, wir brauchen dringend mehr Vereinheitlichung zwischen den einzelnen Bundesländern, sagen:

DPA

Eric Schweitzer, Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertags:

"Bund und Länder müssen in der Bildungspolitik enger zusammenarbeiten. Wir brauchen zum Beispiel für Einschulung, Schulwechsel und Abschlüsse gemeinsame länderübergreifende Standards sowie vergleichbare Prüfungsniveaus."

DPA

Richard David Precht, Bestseller-Autor:

"Der Bund sollte die Kompetenz über die Schultypen bekommen und die neue, veränderte Gesamtschule nach und nach verbindlich machen. Und er sollte die Koordination übernehmen. Alle anderen Kompetenzen sollten die Kommunen und die Schulen bekommen. Die Länder brauchen wir definitiv nicht. Es gibt keine genuin saarländische oder pfälzische Schulpolitik."

SPIEGEL ONLINE

Mona Steininger, Preisträgerin beim SPIEGEL-Schülerzeitungswettbewerb:

"Warum ist Bildungspolitik eigentlich überhaupt Ländersache? Klar, das war schon irgendwie immer so, aber wer hat davon einen Vorteil? Wir in Bayern quälen uns (noch) durch das deutschlandweit schwerste Abitur, aber warum?"

Privat

Gerrit Petrich, Vorsitzender der Elternkammer Hamburg:

"Grundsätzlich: Die Bedingungen für gute Schulen können am besten vor Ort geschaffen werden. Daher ist gute Bildungspolitik in erster Linie Ländersache. Trotzdem gilt: Eine bundesweite Vereinheitlichung der Rahmenbedingungen ist dringend erforderlich."

Privat

Johann Beichel, Leiter des Landeslehrerprüfungsamts beim Regierungspräsidium Karlsruhe:

"Nein, Bildungspolitik sollte nicht Ländersache bleiben. Aber deren Abschaffung ist reine Utopie."

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Sollte die Verantwortlichkeit für schulische Bildung stärker bei einem Bundesbildungsminister liegen?

In Teil 1 fragten wir die Schulverbesserer:

In Teil 2 fragten wir die Schulverbesserer:

In Teil 3 fragten wir die Schulverbesserer:

In Teil 4 fragten wir die Schulverbesserer:

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insgesamt 56 Beiträge
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Seite 1
bobo7 06.10.2014
1.
Dass Bildung Ländersache ist, ist der größte Quatsch überhaupt. Wir sind ein so winziges Land und leisten uns 16 verschiedene Bildungssysteme. Jedoch werden die Frösche niemals der Abschaffung des Teichs zustimmen - leider.
fatherted98 06.10.2014
2. Altes Thema...
...wieder aufgekocht. Die Schulpolitik ist neben Verkehr noch das einzige was die Bundesländern halbwegs autonom entscheiden können...deshalb wird da auch soviel rumgedoktort. Wenn man heute 2 Klässler sieht die noch nicht lesen und schreiben können, weil sie nach "Silben" lernen....dann kann man sich nur die Haare raufen. Bleibt nur die Privatschule als Alternative...kein Wunder das wir soviele Bildungsverlierer haben. Nein...eine Änderung wird es nicht geben...viel zu viele Experten auf Länderebene...und was sollen die Landesfürsten dann im Wahlkampf erzählen...PKW - Maut?
austenjane1776 06.10.2014
3. Der Bund? Besser? Wieso denn das?
Ich möchte nur immer wieder mal beim Thema Bund auf die Mängel- und Katastrophenliste der 3. Merkel-Regierung ("GroKo") hinweisen - Autobahnen, Brücken und Eisenbahn zunehmend kaputt, Energie chaotisch und teuer, Bundeswehr fast komplett kaputt, Rente für Geschenkchen weggeschmissen, Krankenversicherung immer teurer - idiotische Maut-Vorschläge aus Bayern zum weiteren Abkassieren..... Und da nehmt ihr an, die würden in der Bildung irgendwas besser machen ?? ------ Da kommt Nahles oder Dobrindt oder eine andere Figur und macht chaotische Vorschläge, Merkel ist alles egal und man kann es bloß nicht mehr so leicht ändern - weil nach Bundestagswahlen ändert sich eh nichts - außer sinkender Wahlbeteiligung. Träumt weiter. Merkel würde auch die Bildungs noch ganz kaputt kriegen.
dererzer 06.10.2014
4. Gleiche Bildung für alle!
Und das sollte beim Schulstoff anfangen. Oder will etwa jemand behaupten, dass in Berlin Bruchrechnung nicht so wichtig ist wie in Bayern oder Englisch in Bremen weniger wichtig ist als in Thüringen? Es gehört ein einheitlicher Lehrplan für alle Fächer her, der sich in der inhaltlichen Gestaltung einzig und allein an den besten Lehrplänen Deutschlands zu orientieren hat und welche das sind... nun, das haben die Studien ja wohl gezeigt! Es kann nicht wahr sein, dass das Abitur eines Bundeslandes geringer angesehen ist als das eines anderen. Gleiches gilt für die Aufgaben in den Prüfungen. Diese haben gleich zu sein, sonst wird es nie eine Vergleichbarkeit der Resultate geben. Und an all die Kuchel-Pädagogik-Vertreter, die meinen das bringe nur Leistungsdruck: Dann versucht euren Kindern doch mal beizubringen warum sie nach ihrer schulischen Kuschel-Ausbildung keinen Job länger als 1 Jahr behalten... evtl. weil sie nichts gewohnt sind und vor jedem Bisschen Stress und harter Arbeit daonlaufen wie es ihre Eltern ihnen gepredigt haben...
udolein 06.10.2014
5. Bildung - Ländersache
Das ist ein größter Schwachsinn überhaupt. Für Eltern schulpflichtiger Kinder ist es fast unmöglich von einem Bundesland in das Andere zu wechseln. Es leben weiterhin die kleinen Königreiche, es lebe die Kleinstaaterei!
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