Arbeitslosigkeit und Bleibezwang Wie Ungarns Rechte die Elite verjagt

Aus Budapest berichtet Kata Kottra

5. Teil: Kata Anna Ertl, 19 - "Meine Eltern haben für mich gespart"


Kata Kottra

Aus meiner Abiturklasse gehen vier Leute nach Dänemark, drei nach Schottland und eine nach Wien - das bin ich. Viele wollen den Vertrag nicht unterschreiben, der einen ab Herbst verpflichtet, nach dem Studium in Ungarn zu bleiben. Sie würden gern im Ausland arbeiten.

Die Bildungsreform hat meinen Entschluss erleichtert fortzugehen. Ab Herbst werde ich in Wien Transkulturelle Kommunikation studieren, das ist ein dreisprachiger Studiengang auf Deutsch, Englisch und Ungarisch. Viele von denen, die ins Ausland gehen, denken so ähnlich wie ich: Sie interessieren sich für die Beziehungen zwischen den Kulturen und wollen die Welt sehen. Sie hätten es als Beschränkung empfunden, nach ihrem Abschluss bleiben zu müssen.

Ich habe in Székesfehérvár - das liegt auf dem halben Weg zwischen Budapest und dem Plattensee - ein Gymnasium mit Fremdsprachen-Schwerpunkt besucht. Wer bei uns Abitur macht, spricht in der Regel gut Deutsch oder Englisch, deshalb fällt es uns auch leichter, uns im Ausland zu bewerben. Von den Fachoberschulen, einer berufsbezogenen Schule, die aber auch die Hochschulreife verleiht, in meiner Stadt kenne ich kaum jemanden, der das Land verlassen wird. Ich selbst war immer wieder im Ausland, in Deutschland habe ich mal einen Monat bei einer Familie in Schwäbisch Gmünd gewohnt.

Das Leben in Wien ist natürlich teurer als in Ungarn, mit 600 bis 700 Euro rechne ich. Aber meine Eltern haben seit Jahren Geld für mein Studium zurückgelegt, und ich habe auch von meinen Schülerjobs etwas gespart.

Wo ich nach meinem Abschluss arbeiten werde, weiß ich noch nicht. Vielleicht komme ich als Dolmetscherin irgendwo unter. Ich würde gerne in der Welt herumreisen. Ich will aber auch meinen Wurzeln treu bleiben.



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insgesamt 110 Beiträge
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exil-berliner 22.05.2012
1. top!
Zitat von sysopKata KottraUngarn bietet ihnen keine Jobs, sie müssen aber im Land bleiben: Mit einer umstrittenen Bildungsreform verpflichtet die Orbán-Regierung Studenten, nach ihrem Abschluss in Ungarn zu bleiben. Fünf Abiturienten erklären, warum sie nach ihrem Abschluss ins Ausland gehen. http://www.spiegel.de/schulspiegel/ausland/0,1518,834190,00.html
Yo napot / Guten Tag! Stimme ihrem Bericht 105% zu in Ungarn ist die berufliche sowie finanzielle Situation beschämend. Komme aus Berlin und habe bereits in Budapest gearbeitet, jetzt in Wien. Wohne grenznah in Sopron und fahre jeden Tag 150km. Lohnt sich aber, gute Arbeit/Geld in Österreich verdienen und Eigentumswohnung günstig in HU.
Vier 22.05.2012
2. Im Artikel wird vieles durcheinandergeworfen!
Erstens sind es ja relativ wenige, die von der "Bindung an die Scholle" betroffen sind (100 in Jura, etc.). Also nicht gerade die Mehrheit. Zweitens wird die Abwanderung wg. Studiengebühren gleich noch mit in den Topf geworfen, sind aber doch seit dem 01.04.08 abgeschafft für ungarische Staatsbürger. Ich könnte noch mehr aufzählen, aber dieser Artikel ist mMn. ungenügend.
markus.kotte 22.05.2012
3. optional
Sehr interessanter und informativer Artikel! Aber sollte man in der Überschrift nicht vielleicht zwischen Schul- und Hochschulabschlüssen differenzieren? Die Orbán-Regierung möchte ja die Studenten nach ihrem Hochschulabschluss ans Land binden, während die vorgestellten Schüler bereits nach ihrem Schulabschluss das Land verlassen wollen, um im Ausland zu studieren.
H.Lorenz 22.05.2012
4. Einfach legitim
Zitat von sysopKata KottraUngarn bietet ihnen keine Jobs, sie müssen aber im Land bleiben: Mit einer umstrittenen Bildungsreform verpflichtet die Orbán-Regierung Studenten, nach ihrem Abschluss in Ungarn zu bleiben. Fünf Abiturienten erklären, warum sie nach ihrem Abschluss ins Ausland gehen. http://www.spiegel.de/schulspiegel/ausland/0,1518,834190,00.html
Was soll daran umstritten sein? Eher völlig normal und von vielen anderen Ländern so oder so ähnlich praktiziert. Außerdem sollte man bedenken, wer Bildung, Ausbildung und/oder Studium ermöglicht und finanziert. Dass ein Staat dann auch eine Art Gegenleistung erwartet, ist doch legitim. Ein Unternehmen bildet auch nicht für lau Fachkräfte aus und gibt ihnen dann noch Unterstützung mit dem erworbenen Wissen und Fachhandwerk zum Mitbewerber zu wechseln. Wo ist der Wille, die Einsicht, das Verständnis, das Verantwortungsbewußtsein seinem Land, seiner Kultur, den Menschen zu dienen und die Zukunft seiner Heimat, der man seine Existenz zu verdanken hat, zu sichern?!
Edelweiß 22.05.2012
5. Verständlich
Zitat von markus.kotteSehr interessanter und informativer Artikel! Aber sollte man in der Überschrift nicht vielleicht zwischen Schul- und Hochschulabschlüssen differenzieren? Die Orbán-Regierung möchte ja die Studenten nach ihrem Hochschulabschluss ans Land binden, während die vorgestellten Schüler bereits nach ihrem Schulabschluss das Land verlassen wollen, um im Ausland zu studieren.
Aber das ist doch logisch! Die Abiturienten können der "Bindung an die Scholle" entkommen, indem sie von vornherein im Ausland studieren. Wer schon mitten im Studium (in Ungarn) ist, sitzt in der Falle, und wer jetzt sein Studium dort beginnt, begibt sich freiwillig rein. Wer weggeht hält sich dagegen alle Optionen offen, auch die, eventuell wiederzukommen, wenn es Jobs gibt. Verständlich.
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