Bildungssystem Uno-Schulinspektor gibt Deutschland schlechte Noten

Zehn Tage lang fuhr Uno-Sonderberichterstatter Muñoz von Kindergarten zu Kindergarten, besuchte Schulen und Hochschulen. Doch was er auf seiner Reise durchs Land der Dichter und Denker erlebte, überzeugte ihn nicht.


Vernor Muñoz Villalobos monierte am deutschen Bildungssystem vor allem, dass es sich nicht am Potential der Kinder orientiert. Im Einzelnen kritisierte er: kostenpflichtige Kindergärten, dass Schüler schon mit zehn Jahren auf verschiedene Schultypen verteilt werden, die mangelnde Integration von Ausländerkindern und den engen Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg. Negative Folgen habe auch der Föderalismus in der Bildungspolitik, da er zu Unterschieden zwischen den einzelnen Länder führte.

Bildungsministerin Schavan, Sonderberichterstatter Muñoz: Mehr Recht auf Bildung
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Bildungsministerin Schavan, Sonderberichterstatter Muñoz: Mehr Recht auf Bildung

Als Konsequenz seines Besuchs gab der Sonderberichterstatter für das Recht auf Bildung vier vorläufige Empfehlungen. An erster Stelle solle die Bundesregierung ihre Vorbehalte gegen die Uno-Kinderrechtskonvention aufgeben. Als Folge könnten Migranten in Deutschland erst ab 18 Jahren als volljährig gelten und nicht wie derzeit schon ab 16. Auch Flüchtlinge ohne dauerhaftes Bleiberecht könnten dann länger zur Schule gehen.

Ferner müsse der Besuch von Kindergärten kostenlos sein. Auch das sei mit Blick auf die Integration von Ausländerkindern und deren Sprachkenntnisse wichtig, sagte Muñoz. Als dritten Kritikpunkt führte Muñoz an, die Menschenrechtserziehung müsse in allen Schulen und bei der Weiterbildung der Lehrer eine stärkere Rolle spielen.

Viertens dürften Schüler nicht schon nach der vierten Klasse auf die verschiedenen Schulformen verteilt werden. Mit der frühen Auslese nach dem vierten Schuljahr werde das Bildungspotential der Kinder nicht ausgeschöpft, erläuterte Muñoz seine Kritik. "Der Zugang zu Bildung ist ein Menschenrecht", betonte der Inspektor. Die frühe Aufteilung in Deutschland habe aber vor allem negative Konsequenzen für diejenigen, die ohnehin schon Probleme hätten, wie Migrantenkinder und Kinder aus sozial schwachen Familien. Dabei zeigten Untersuchungen, dass bei der Aufteilung auf die verschiedenen Schulformen für 44 Prozent falsche Empfehlungen gegeben werden. "Man hat den Eindruck, dieses Resultat wird vom Schulsystem nahezu aufgezwungen", sagte Muñoz.

Soziale Herkunft bedingt den Bildungserfolg

Eine Schulform-Aufteilung bereits von zehnjährigen Kindern gibt es nur noch in Deutschland und Österreich. In allen anderen Staaten gehen die Kinder länger gemeinsam zur Schule. "Ich habe das Gefühl, dass sich das deutsche Bildungssystem nicht darauf konzentriert, alle einzubeziehen, sondern dass es eher Trennungen schafft", sagte der Uno-Experte. Muñoz wies darauf hin, dass schon der internationale Pisa-Bildungsvergleich für Deutschland einen engen Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg ergeben habe. In der Hauptschule seien Migranten und Arme überrepräsentiert, im Gymnasium hingegen unterrepräsentiert. Hinzu komme, dass 20 Prozent der Hauptschüler ohne Abschluss blieben und die Hälfte der Jugendlichen mit Hauptschulabschluss keine Lehrstelle fänden.

Der Juraprofessor aus Costa Rica machte deutlich, dass er die weitreichenden Länderrechte in Bildungsfragen als Problem ansehe. Es sei schwierig, einheitliche Bildungsstandards in Deutschland zu schaffen. "Der Bund verliert die Möglichkeit, die Einheit der Lebensverhältnisse zu sichern", sagte Muñoz. Es gebe heute schon große Unterschiede zwischen den Ländern. Die jährlichen Ausgaben pro Schüler reichten von 3800 bis 6300 Euro. Einige Länder hätten kein Geld für kostenlose Schulbücher, andere freuten sich über die neue Alleinzuständigkeit für die Hochschulen, weil sie das Geld dazu hätten. Er sei nicht gegen den Föderalismus, legte aber einheitliche Ziele in der Bildungspolitik nahe.

Über Schulstruktur kein Konsens

Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) lehnte eine zentralistische Bildungspolitik ab und plädierte für eine Weiterentwicklung der föderalen Struktur. Bund und Länder müssten sich dabei auf gemeinsame Ziele einigen. Auch die Pisa-Studie habe keineswegs gezeigt, dass Länder mit einem solchen System besser abschnitten als andere.

Für die Kultusministerkonferenz wies der Berliner Schulsenator Klaus Böger darauf hin, dass es in den Ländern keinen Konsens über die Schulstruktur gebe. Die KMK habe die Strukturdebatte nach der Pisa-Diskussion ausgeklammert, sich aber auf sieben andere Handlungsfelder geeinigt.

Seine endgültigen Empfehlungen will Muñoz demnächst der Bundesregierung zuleiten. Anschließend werden sie in seinen Abschlussbericht an den Uno-Menschenrechtsausschuss aufgenommen, den er nach ähnlichen Besuchen mehrerer Länder in fast allen Teilen der Welt verfassen wird.

cpa/dpa/ap/rtr



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