Bildungsungerechtigkeit Mehr als 100.000 Schüler sind an ihrer Schule falsch

Gymnasium oder nicht? Am Ende der Grundschulzeit werden die Kinder in Deutschland auseinander sortiert. Ein Hannoveraner Schulforscher hat die Empfehlungen der Lehrer analysiert und bestätigt einen erschreckenden Befund: Ein Drittel aller Kinder landet an einer ungeeigneten weiterführenden Schule.

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Elternwahlrecht: Wenn das Kind unbedingt aufs Gymnasium muss
Corbis

Elternwahlrecht: Wenn das Kind unbedingt aufs Gymnasium muss


Schulforscher sprechen von einer wichtigen Weichenstellung, für manche Eltern ist es gar eine Schicksalsfrage: Welche weiterführende Schule empfehlen die Grundschullehrer einem Kind? Das Urteil der Lehrer ist so wichtig, weil Deutschland seine Kinder viel früher als andere Staaten auf verschiedene Schulformen sortiert. Nur leider ist das Urteil, so das Ergebnis einer neuen Studie, die SPIEGEL ONLINE vorliegt, häufig falsch.

Nach Berechnungen des Erziehungswissenschaftlers Joachim Tiedemann aus Hannover werden Hunderttausende Schüler von Grundschullehrern in die Irre geleitet: Sie werden vom Gymnasium ferngehalten, obwohl sie geeignet seien, oder zum Gymnasium geschickt, obwohl sie ungeeignet seien. Somit gehen 37 von 100 Kindern nach dem Übertritt zur falschen weiterführenden Schule. "Mehr als ein Drittel der Schülerinnen und Schüler wird fehlplatziert", sagt Tiedemann. "Pro Geburtenjahrgang sind sechsstellige Schülerzahlen in dieser Weise betroffen", so der Psychologieprofessor im Ruhestand.

Angesichts der Fehlerquote plädiert Tiedemann dafür, Kinder nicht bereits nach der vierten Schulklasse zu trennen, wie es in den meisten Bundesländern der Fall ist. Er will also nicht bessere Empfehlungen, sondern gar keine mehr - jedenfalls nicht schon am Ende der vierten Klasse. Der Wissenschaftler stellt in der Studie fest, dass "der Versuch einer Optimierung der Übergangsempfehlung als weitgehend ausgereizt betrachtet wird".

Forscher für längeres gemeinsames Lernen

Mit anderen Worten: Weil doch immer falsch sortiert wird, ist es falsch zu sortieren. Die Grundschule müsste also deutlich länger als bisher dauern. "Die vorliegende Analyse dokumentiert deutlich die Fehleranfälligkeit und damit den nur begrenzten Nutzen des vorliegenden diagnostischen Instrumentariums, das für individuelle Entscheidungen von weitreichender Tragweite ungeeignet ist", schreibt Tiedemann und fragt: "Ist die Zeit reif für eine Abkehr von der bislang geübten Selektionsstrategie?"

Erst im August hatten das Berliner Wissenschaftszentrum für Sozialforschung und das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung festgestellt, dass jedes dritte Kind die falsche Schulempfehlung erhält. Zweifel an den Empfehlungen gibt es allerdings schon länger. Sie werden unter anderem kritisiert, weil sie ein Kind benachteiligen, wenn in seiner Klasse viele gute Schüler sind. In diesem Fall sinkt nach Erkenntnissen von Forschern die Wahrscheinlichkeit, dass es eine Empfehlung fürs Gymnasium erhält. "Wenn leistungsstarke Klassenkameraden ein Nachteil sind", haben etwa die Bildungsforscher Ulrich Trautwein und Franz Baeriswyl einen Aufsatz überschrieben.

Ihre Untersuchung bezog sich auf 741 Schüler des Schweizer Kantons Freiburg. Das Fazit: "Bei gleicher individueller Testleistung erhielt ein Schüler oder eine Schülerin eine schlechtere Lernstandsbeurteilung sowie eine ungünstigere Einschätzung der kognitiven Leistungsfähigkeit", wenn die Schüler seiner Klasse im Durchschnitt besonders gute Leistungen zeigten.

Egal ob Eltern oder Lehrer entscheiden - die Wahl ist oft falsch

Darüber hinaus haben diverse Studien gezeigt: Bei gleichen Leistungen haben Kinder gegenwärtig immer dann bessere Chancen, aufs Gymnasium geschickt zu werden, wenn auch ihre Eltern Abitur haben. Das Problem lässt sich auch nicht dadurch lösen, dass die Eltern statt der Lehrer das letzte Wort bekommen. Entscheiden die Lehrer über die weitere Schullaufbahn, geht es ungerecht zu, weil Kinder aus bestimmten Elternhäusern bevorzugt werden. Entscheiden aber die Eltern selbst, wird es noch ungerechter - dann hängt es noch stärker vom Elternhaus ab.

Viele Eltern sehen überhaupt nicht ein, warum sie nicht selbst entscheiden sollten. Sie können sich auf eine Studie des Forschers Rainer Block berufen, die er als Mitarbeiter der Universität Duisburg-Essen erstellt hat. Block wettert gegen die Empfehlungen der Lehrer, ausdrücklich aber nicht gegen die Lehrer. Die könnten nichts dafür, dass ihre Urteile nicht besser seien. "Weder ist die Vermittlung entsprechender Diagnostik- und Prognosekompetenzen Bestandteil der universitären Lehrerausbildung", meint Block, "noch gehören Kaffeesatzlesen und Hellseherei zum verpflichtenden Fortbildungsprogramm von Lehrern."

Lehrer schlagen den Zufallsgenerator, wenn auch nur knapp

Die Bundesländer treffen höchst unterschiedliche Regelungen über die Verbindlichkeit der Lehrerurteile. In acht Ländern haben die Lehrer das letzte Wort, in den anderen acht die Eltern, und fast überall gibt es regelmäßig Streit über die Schülerauslese. In Hamburg war soeben ein Volksbegehren erfolgreich: Rund 184.000 Menschen unterschrieben unter anderem gegen eine neue Regelung im Schulgesetz, die den Lehrern das Entscheidungsrecht beim Wechsel auf die weiterführende Schule gibt. Im Saarland hat Kultusminister Klaus Kessler in dieser Woche angekündigt, dass künftig die Eltern nach einem Gespräch mit den Grundschullehrern die Entscheidung treffen.

Wissenschaftler Tiedemann will mit seinen Berechnungen zeigen, wie häufig falsche Empfehlungen tatsächlich sind. "Wenn auch die Übergangsempfehlungen aus mehreren Gründen in der Kritik stehen, so ist die Größenordnung der damit verbundenen Fehlentscheidungen bislang kaum intensiver analysiert worden", schreibt er. Seinen Modellrechnungen liegt die Annahme zugrunde, dass jedes zweite Kind fürs Gymnasium geeignet ist.

Diese Quote entspricht ungefähr den Einschätzungen der Lehrer in Bayern; nach dem kürzlich vorgestellten Bildungsbericht des Kultusministeriums haben 48 Prozent der bayerischen Viertklässler eine Empfehlung fürs Gymnasium erhalten. Tiedemann würde den Kindern diese Prozedur gern ersparen. Wer seine Studie liest, hat den Eindruck von einem großen Schülerlotto am Ende der Grundschulzeit. Da kann es kaum trösten, dass der Wissenschaftler gleich auf der ersten Seite seiner Studie festhält: "Die Empfehlung ist treffsicherer als eine Zufallszuweisung."

Forum - Bildung – wer soll über die weiterführende Schule entscheiden?
insgesamt 1605 Beiträge
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Seite 1
discipulus, 09.05.2009
1.
Zitat von sysopDie Ausbildung der Kinder ist für die meisten Eltern eine der wichtigsten Entscheidungen. Dazu gehört auch die Wahl der Schule. Aber wer soll in Sachen weiterführende Schule das letzte Wort haben - Eltern oder Lehrer?
Gegenfrage, sehr geehrter sysop, warum sollten Eltern die Schulentscheidung für ihr Kind einem Personenkreis überlassen, der in den vergangenen Jahren von Politikern, Professoren, Experten, Stammtischbrüdern, Bildungsjornaillisten, Schulversagern hinlänglich qualifiziert worden ist: Faule Säcke, Lowperformer, Deppen, Fachidioten, ... Oder soll hier ein weiterer Thread für Lehrerbasher eröffnet werden?
PeterShaw 09.05.2009
2. Geldbörse?
Zitat von sysopDie Ausbildung der Kinder ist für die meisten Eltern eine der wichtigsten Entscheidungen. Dazu gehört auch die Wahl der Schule. Aber wer soll in Sachen weiterführende Schule das letzte Wort haben - Eltern oder Lehrer?
Wer über Niveauabsenkung Privatschulen fördern will, nimmt den Schulen diese Entscheidungsmöglichkeit.
Schnuffypurzel, 10.05.2009
3.
Im Idealfall sollten Lehrer und Eltern dies gemeinsam entscheiden. Eltern erleben Kinder nicht während des Unterrichts und Lehrer die Kinder nicht zuhause. Nicht außer acht zu lassen ist natürlich auch das Kind. Man sollte versuchen es in die Entscheidung mit einzubeziehen. Dies ist in der Realität aber wahrscheinlich nicht umsetzbar, da das Zeit und damit Geld kostet. Leider ist Bildung und damit die Zukunft vielen Deutschen nichts wert. LG
kleiner-moritz 10.05.2009
4.
Zitat von SchnuffypurzelIm Idealfall sollten Lehrer und Eltern dies gemeinsam entscheiden. Eltern erleben Kinder nicht während des Unterrichts und Lehrer die Kinder nicht zuhause. Nicht außer acht zu lassen ist natürlich auch das Kind. Man sollte versuchen es in die Entscheidung mit einzubeziehen. Dies ist in der Realität aber wahrscheinlich nicht umsetzbar, da das Zeit und damit Geld kostet. Leider ist Bildung und damit die Zukunft vielen Deutschen nichts wert. LG
Ihre letzte Behauptung stimmt nicht. Viele Eltern laufen von Pontius zu Pilatus, um den Spross auf's Gymnasium zu bekommen. Die Folge ist, dass die Real- buw. Mittelschulen genauso einen Rückgang an Schülern feststellen wie auch das sinkende Niveau des Schülerduchschnitts. Das fatale daran ist, dass ein nicht unerheblicher Teil der Geforderten über kurz oder lang überfordert wieder an der Real- bzw. Mittelschule landen.
kleiner-moritz 10.05.2009
5.
Zitat von discipulusGegenfrage, sehr geehrter sysop, warum sollten Eltern die Schulentscheidung für ihr Kind einem Personenkreis überlassen, der in den vergangenen Jahren von Politikern, Professoren, Experten, Stammtischbrüdern, Bildungsjornaillisten, Schulversagern hinlänglich qualifiziert worden ist: Faule Säcke, Lowperformer, Deppen, Fachidioten, ... Oder soll hier ein weiterer Thread für Lehrerbasher eröffnet werden?
Das mit den "fäule Säcke" war eigentlich eine Sache für den Staatsanwalt, denn die Lehrer sind "ein Teil der Bevölkerung" (§130 StGB (http://dejure.org/gesetze/StGB/130.html))
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