Bildungsvergleiche Kultusminister haben Pisa satt

Viele Kultusminister fühlen sich von immer neuen internationalen Schulvergleichen gegängelt. Die harsche Kritik der OECD am dreigliedrigen Schulsystem Deutschlands mögen sie nicht mehr hören. Hat es sich schon ausgepisat?


Andreas Schleicher: Mr. Pisa ist für die politische Bewertung nicht zuständig
DDP

Andreas Schleicher: Mr. Pisa ist für die politische Bewertung nicht zuständig

Wenn "Mister Pisa" in der Kultusministerkonferenz (KMK) auftritt, ist die Inszenierung immer die gleiche. Andreas Schleicher, Erfinder der OECD-Schülervergleiche, trägt düstere Ergebnisse vor. Er zeigt, wie weit deutsche 15-jährige in zentralen Lebenskompetenzen wie Lesen hinter den Jugendlichen anderer Industrienationen hinterherschlurfen. Sobald der Pisa-Forscher geendet hat, wird er auch schon wieder hinaus komplimentiert. "Vielen Dank, Herr Schleicher", sagt dann die scheidende KMK-Präsidentin Karin Wolff von der CDU, "die politische Bewertung nehmen wir selbst vor."

Andreas Schleicher und die OECD haben noch genug in Reserve. Nachdem sich die Bundesländer jahrelang geweigert hatten, die Leistungsfähigkeit ihrer Schulen zu vergleichen, steht nun alle drei Jahre ein Examen bevor. Die Daten für Mathe-Pisa wurden 2003 erhoben, 2006 sollen die gequälten Kultusminister Pisa für Naturwissenschaften entgegen nehmen - so dachte man jedenfalls bisher.

Aber viele Kultusminister haben offenbar genug von Pisa. "Wir wollen raus aus dem harten Dreijahresrhythmus der OECD", sagte der sächsische Kultusminister Karl Mannsfeld (CDU) am Dienstag bei der Evangelischen Akademie in Bad Boll. Vergleichstests, so Mannsfeld, könnten die Bundesländer künftig auch selber vornehmen. Hintergrund des neuen Selbstbewusstseins ist, dass die Kultusminister gerade eine eigene Evaluationsagentur aufbauen. Das Institut soll in Berlin an der Humboldt-Uni angesiedelt werden und die Einhaltung der nationalen Bildungsstandards überprüfen.

"Klingt nach Schneewittchen"

Karl Mannsfeld: "Raus aus dem harten Dreijahresrhythmus"
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Karl Mannsfeld: "Raus aus dem harten Dreijahresrhythmus"

Mannsfelds Äußerungen riefen bei der Tagung von Bildungsexperten im schwäbischen Kurort Bad Boll ungläubiges Staunen hervor. "Das ist der völlig falsche Weg", kommentierte Ludwig Eckinger, Vorsitzender des Lehrerverbandes für Bildung und Erziehung. "Klingt nach Schneewittchen", sagte Sigrid Beer von der Landeselternkonferenz in Nordrhein-Westfalen, "die Kultusminister bekommen im Spiegel des internationalen Vergleichs immer nur die schlechten Seiten der deutschen Schule vorgehalten - also wollen sie nun den Pisa-Spiegel abhängen." Aber so schwierig es auch erscheinen mag, aus Pisa auszusteigen - es gibt viele Indizien dafür.

Internationale Schulvergleiche waren zuletzt öfter Thema bei den letzten Amtschef-Tagungen der Kultusminister - der Tenor war stets kritisch. An der internationalen Grundschulstudie Iglu, sagte etwa Bayerns Vertreter, brauche man nicht mehr teilnehmen, "weil wir da ja gut abgeschnitten haben". Das Schicksal der Vertiefung internationaler Pisastudien durch einen ergänzenden Länderbericht "Pisa E" ist bereits besiegelt. Einmal nehmen die Bundesländer noch daran teil - dann ist definitiv Schluss. Die Gründe für den Rückzug sind zunächst finanzieller Natur. Die Bundesländer stehen derart unter Haushaltsdruck, dass sie die Teilnahme schlicht nicht mehr bezahlen können.

Den CDU-Kultusministern aber passt die ganze Pisa-Hysterie nicht mehr. KMK-Präsidentin Karin Wolff etwa reagierte äußerst gereizt auf den Vorbericht über "Pisa für Lehrer", einer neuen OECD-Studie, die kommendes Jahr veröffentlicht wird. "Eine tendenziöse Darstellung", schnaubte Wolff, als in dem Protokoll einer Reisegruppe von Experten zu lesen war, Deutschland habe ein Bildungswesen aus dem vergangenen Jahrhundert. Die eigentliche Befürchtung bei den Unions-Leuten ist freilich eine grundsätzliche: Werden aus den Pisa-Einzelergebnissen erst einmal gut dokumentierte Reihenuntersuchungen, ließe sich leicht nachweisen, wie reformresistent die deutsche Schule und die KMK (Spitzname "griechische Landschildkröte") sind.

Pisa nervt die "schwarzen Gouvernanten"

Vor allem die starken Unions-Ministerinnen für Schule, Annette Schavan (Baden-Württemberg), Karin Wolff (Hessen) und Monika Hohlmeier (Bayern), geht die dauernde Kritik der OECD auf die Nerven. "Die drei schwarzen Gouvernanten", wie es im KMK-Umfeld oft spöttisch heißt, hassen es, wenn Andreas Schleicher seinen Landsleuten den Spiegel vorhält. Immer deutlicher kritisiert der 38-jährige heute die frühe Sortierung in verschiedene Schulformen wie Haupt-, Realschule und Gymnasium. Auch in Bad Boll mahnte Schleicher die Deutschen wieder, die Durchlässigkeit des Systems für schwache Schüler zu anspruchsvollen Leistungen nicht durch rigide Dreigliedrigkeit zu verengen. Es komme nicht auf Zertifikate an, sondern auf Schulerfolge.

Die politischen Reaktionen auf Karl Mannsfelds Pisa-Rückzugssignal waren gemischt. Der Bildungsstaatssekretär des Bundes, Wolf-Michael Catenhusen (SPD) warnte: "Wenn es jetzt schon genug gepisat hat, dann kommt es zu einer neue Provinzialisierung der Schule." Brandenburgs Bildungsminister Steffen Reiche (SPD), Vizepräsident der KMK, bestätigte den Ausstieg aus Pisa E - und dementierte das Aus für Pisa International in bester Walter-Ulbricht-Manier: "Niemand hat die Absicht die Teilnahme an Pisa International zu beenden."



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