Bilinguale Grundschule in London "Das Interesse an Deutsch ist riesig"

Die Briten sind Europas Fremdsprachenmuffel. Weil die ganze Welt Englisch paukt, geht das Sprachenlernen auf der Insel sogar zurück. Eine deutsch-englische Grundschule in London kämpft gegen den Trend und erlebt einen Ansturm.

Von , London

SPIEGEL ONLINE

Die Kinder, die auf der matschigen Wiese herumtoben, tragen Uniform, aus den hellblauen Pullovern ragt ein adretter weißer Kragen hervor. Englische Satzfetzen hallen über den Hof. Es ist Pause in der Judith Kerr Primary School, und auf den ersten Blick unterscheidet die Schule nichts von den anderen Grundschulen des Viertels. Erst im Klassenzimmer fallen kleine Besonderheiten auf. An der Wand hängt eine Deutschlandkarte, und im Bücherregal steht neben "The Tiger Who Came to Tea" auch ein Sammelband von "Pippi Langstrumpf".

Die neu eröffnete Grundschule im Stadtteil Herne Hill ist die erste deutsch-englische Schule in London. Seit September werden hier 86 Kinder in zwei Vorschulklassen sowie einer ersten und einer zweiten Klasse unterrichtet. Die Schule ist als Free School von einer Gruppe Eltern gegründet worden: Sie wird vom britischen Staat finanziert, die Gründer dürfen aber bei der Gestaltung des Lehrplans mitreden. Im Unterschied zu der vom Auswärtigen Amt geförderten Deutschen Schule London, die deutschen Lehrplänen folgt, basiert der Unterricht hier auf dem englischen Kanon.

Die jungen Eltern aus dem Viertel haben das neue Angebot begierig aufgenommen. "Das Interesse war riesig", sagt die Rektorin Basia Lubaczewska. Auf die 50 Plätze in den beiden Vorschulklassen gab es 150 Bewerbungen. Die Nachfrage war so groß, dass die Schulleitung entschied, gleich auch mit einer ersten und zweiten Klasse zu starten. "Alle diese Kinder haben andere Schulen verlassen, um hierherzukommen", sagt Lubaczewska.

Deutsch rangiert hinter Französisch und Spanisch an dritter Stelle der beliebtesten Fremdsprachen auf der Insel. Die Tendenz ist fallend, aber in den vergangenen zwei, drei Jahren sei es aufgrund der führenden Rolle Deutschlands in Europa wieder leichter geworden, für die Sprache zu werben, sagt Katrin Kohl, Germanistik-Professorin in Oxford.

Eine Oase in der Fremdsprachenwüste

Die Schülerschaft der Judith Kerr Primary School ist zu 60 Prozent englisch, die anderen 40 Prozent haben mindestens ein deutsches Elternteil. Manche Kinder sprechen fließend Deutsch, andere gar nicht. Daher findet der Unterricht in der Regel auf Englisch statt. Allerdings sind stets zwei Lehrkräfte im Klassenzimmer, von denen eine Deutsch kann. Mindestens eine Stunde pro Tag werde auf Deutsch abgehalten, sagt Juliane Parthier, eine der Schulgründerinnen und Klassenlehrerin der ersten Klasse. "Wir experimentieren viel", sagt sie. Es gehe darum, dass die Kinder sich in einer zweisprachigen Umgebung wohlfühlten. "Wir sind nicht nur für die deutsche Community da", sagt sie. "Es ist eine Schule für das ganze Viertel."

Die Grundschule ist allerdings nur eine kleine Oase in der Fremdsprachenwüste Großbritannien. In den Sekundarschulen und Universitäten geht das Sprachenlernen seit Jahren dramatisch zurück. Die Zahl der Schüler, die in ihrer Abschlussprüfung eine Fremdsprache wählen, ist so niedrig wie zuletzt in den neunziger Jahren. Und an britischen Universitäten hat sich die Anzahl an Deutsch- und Französischkursen laut "Guardian" in den vergangenen sechs Jahren um 29 Prozent verringert. Im Modefach Spanisch ist der Rückgang mit 36 Prozent sogar noch deutlicher. Auch vermeintlich aufstrebende Sprachen wie Chinesisch interessieren nur eine winzige Minderheit.

"Es fehlt die Motivation", sagt Kohl. "Man kommt im Ausland gut mit Englisch klar. Das hat sich durch die Globalisierung sogar noch verstärkt." Wer Deutsch wähle, sitze in seinem Kurs häufig allein mit dem Lehrer da, sagt sie. Das schrecke viele ab. Obendrein gilt Sprachenlernen als schwer: Schüler laufen Gefahr, ihren Notenschnitt zu verschlechtern, und riskieren den Platz an der Universität.

Die Regierung macht Sprachenlernen zur Pflicht

Das Paradox, an dem sich seit Jahren nichts geändert hat: Britische Minister und Wirtschaftsverbände hämmern der Jugend beinahe täglich ein, wie wichtig Sprachen seien, um im globalen Wettbewerb gegen polyglotte Ausländer zu bestehen. Gleichzeitig wird das Fremdsprachenangebot im Bildungssystem mangels Nachfrage zurückgefahren.

Die Regierung will jetzt gegensteuern: Ab September 2014 ist eine Fremdsprache in der Grundschule Pflicht. In der Sekundarstufe kann man die dann aber wieder abwählen. Die Initiative werde daher versanden, prognostiziert Kohl. Projekte wie die Judith Kerr School begrüßt sie. Letztlich könnten nur solche Initiativen auf lokaler und regionaler Ebene etwas verbessern.

Die englischen Eltern seien begeistert von der zweisprachigen Erziehung für ihre Kinder, sagt Rektorin Lubaczweska. "Sie haben das Gefühl, in ihrer eigenen Schulzeit eine Gelegenheit verpasst zu haben."

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