Bisexuelle Schülerin "...und dann haben wir uns geküsst"

Sie waren nur gute Freundinnen - bis es plötzlich mehr war. Was tun, wenn die Eltern darüber gar nicht glücklich sind? Die Schülerzeitung "Blickkontakt" hat mit Anna über ihr Coming-out gesprochen.

Schülerin Anna: "Mein Vater hat nur gemeint, ich soll's nicht unbedingt jedem erzählen, weil es ja immer Leute gibt, die ein Problem damit haben"
Verena Zirngibl

Schülerin Anna: "Mein Vater hat nur gemeint, ich soll's nicht unbedingt jedem erzählen, weil es ja immer Leute gibt, die ein Problem damit haben"


Anna* und Emma*, beide 18, sind seit drei Monaten zusammen, gehen auf dieselbe Schule und machen bald ihren Abschluss. Emma hat seit ihrem Coming-out große Probleme mit ihrer Mutter und konnte deshalb nicht zum Interview kommen. Anna hat sich trotzdem bereiterklärt, über die Beziehung und die aktuelle Situation der beiden zu sprechen. Das Interview von Helene Ehmann ist ein Gewinnerbeitrag vom Schülerzeitungspreis 2015.

Blickkontakt: Kannst du mir zuerst erzählen, wie ihr euch kennengelernt habt?

Anna: Wir kennen uns schon seit sieben Jahren, da wir auf dieselbe Schule gehen. Irgendwann hat sich eine Freundschaft entwickelt. Emma war aber gefühlt seit jeher mit ihrem damaligen Freund zusammen, deshalb habe ich nie ernsthaft über etwas Anderes als Freundschaft nachgedacht. Das wäre mir auch komisch vorgekommen. Dann, im Sommer 2014, haben sich die beiden aus heiterem Himmel getrennt, und ich war für sie da, als es ihr richtig schlecht ging. Was jetzt kommt, ist mir immer noch ein bisschen unangenehm.

Unangenehm? Was ist passiert?

Anna: Nachdem Emma und ihr Freund vier Jahre lang zusammen waren, habe ich bloß eine Woche nach ihrer Trennung gemerkt, dass ich sie irgendwie toll finde. Sicher war ich mir damals noch nicht, aber ich habe gemerkt, dass es zwischen uns nicht mehr so ist wie vorher. Ich habe mir vor allem Schuldgefühle gemacht, weil ich mir dachte, es steht mir nicht zu, sie kurz nach dem Ende einer so langen Beziehung daten zu wollen.

Wie kam es dann zur heutigen Beziehung?

Anna: Wir waren im Sommer zusammen auf einer Geburtstagsparty. Sie hatte ein bisschen zu viel getrunken, und wenn sie betrunken ist, ist sie verdammt ehrlich. Irgendwann kam von ihr: "Sag mal, würdest du jemals was mit mir anfangen?" Da ich an dem Abend nicht so viel intus hatte, war's für mich erst mal eine seltsame Situation. Wir haben uns an dem Abend aber intensiv verabschiedet, also umarmt, aber anders irgendwie. Man hat gemerkt, dass es zwischen uns knistert. Na ja, daheim hab ich schlecht geschlafen, weil ich so viel nachgedacht habe und ich mich wohl verliebt hatte. Ich war mir aber nicht sicher, ob sie sich überhaupt noch erinnern können würde.

Ich habe sie dann angeschrieben und um ein Treffen gebeten. Drei Tage später sind wir nach der Schule Kaffee trinken gegangen. In diesen drei Tagen hatte ich ein riesiges Kuddelmuddel in mir zu bekämpfen, wie gesagt, aufgrund ihrer frischen Trennung und natürlich weil sie ein Mädchen war! Für mich war das nicht von Anfang an selbstverständlich und normal. Außerdem hatte ich Angst, dass sie sich nur in die Vorstellung hineingesteigert hatte, so von ihrem Ex loszukommen. Das alles ist mir bis dahin im Kopf herumgeschwirrt.

Als wir endlich unter uns waren, habe ich sie gefragt, ob sie sich noch an die Party erinnert. Antwort: mittelmäßig. Nun ja, dann habe ich hervorgestammelt, was sie auf der Party gesagt hatte und wollte von ihr wissen, ob sie sich dazu noch Gedanken gemacht hat.

Ich glaub, das hatte sie bis dahin nicht, aber wir haben dann total viel geschrieben. Kurz danach kamen die Sommerferien und damit ein krasser Schnitt, weil wir uns lange nicht gesehen haben. Sie hat mir nichtsdestotrotz geschrieben, dass sie mich vermisst und dass es für sie auch mehr als Freundschaft ist.

Wir haben uns dann in den Ferien doch noch mal getroffen und mega viel Spaß gehabt. Irgendwann lagen wir nebeneinander auf einer Wiese. Ich hatte tausend Schmetterlinge im Bauch, und dann haben wir uns geküsst.

Was waren deine Gedanken und Gefühle, als klar wurde, du liebst eine Frau?

Anna: Lustigerweise wurde ich, kurz bevor das passiert ist, von drei Personen unabhängig voneinander gefragt, ob ich bisexuell bin. Das hat mich zum Nachdenken angeregt. Mir war auf jeden Fall klar, dass es mir auf den Charakter ankommt und nicht aufs Geschlecht.

Dass das so bald Anwendung findet, dachte ich nicht. Aber da ich ja eh schon auf 'ner Mädchenschule bin und da "Lesbenschule" nicht selten von anderen zu hören bekomme, habe ich natürlich trotzdem erst mal gedacht: "Was sagen die anderen dazu, wie wird das in der Schule werden?" Aber irgendwann war einfach klar, ich mach mein Ding, und was die Anderen denken, kann mir egal sein.

Wie würdest du deine sexuelle Orientierung definieren?

Anna: Bi. Ich finde Männer trotzdem unglaublich anziehend. Durchtrainierte Männerkörper haben schon was an sich! Nur dieses Macho-Gehabe kann ich nicht ab. Andererseits gibt es ja auch Tussen. Der Charakter zählt!

Hast du dich geoutet?

Anna: Ja. Wenn auch relativ spät. Als Erstes habe ich es meiner besten Freundin erzählt, die hat die ganze Geschichte von Anfang an mitbekommen und stand immer voll hinter mir. Dann anderen Freunden, von denen ich aber auch vorher wusste, dass sie offen reagieren würden, also alles cool. Das war einfach. Na ja, aber dann kam die Familie: Ich habe einen Bruder, dem wollte ich es als Erstes sagen. Er war erst mal überrumpelt, fand es aber mutig, dass ich so zu mir stehen kann, und findet es mittlerweile überhaupt nicht mehr negativ. Er meinte, ich soll mein Ding machen.

Dann kam mein Papa, das war schon eine riesige Überwindung. Als es raus war, wusste ich aber, es war die richtige Entscheidung, und es hat voll gutgetan. Er war aufgeschlossen und hat gesagt, es ist gut, wenn es mich glücklich macht und dass er immer voll hinter mir steht. Er hat nur gemeint, ich soll's nicht unbedingt jedem erzählen, weil es ja immer Leute gibt, die ein Problem damit haben.

Meine Mama war die Letzte, und wie erwartet war sie auch die Irritierteste. Sie war einfach sehr überrumpelt glaube ich, und ich habe das Gefühl, dass sie es nicht so ernst genommen hat, was ich schade finde, weil es mir sehr wohl ernst damit ist. Sie meinte: "Ja, das gehört dazu, dass man alles mal ausprobiert. Nun gut." Aber auch: "Wir lieben dich wie du bist, und wenn du glücklich bist, sind wir es auch."

Gab es einen konkreten Grund für dein Outing?

Anna: Nein. Es war eher so, dass ich irgendwann das Gefühl hatte zu platzen. Stell dir vor, du bist frisch verliebt und kannst es niemandem erzählen. Ich habe lang überlegt, ob ich es meinen Eltern überhaupt sagen soll, aber dann war es so weit, und ich bereue es nicht.

Hast du in Bezug auf deine Bisexualität schon schlechte Erfahrungen gemacht?

Anna: Ganz klar, ja! Bezogen auf die Eltern meiner Freundin. Das ist auch der Grund für ihre Abwesenheit heute. Sie hat riesigen Stress zu Hause, weil ihre Mutter ein Problem mit unserer Beziehung hat.

Das heißt, Emma hat sich auch geoutet?

Anna: Jein. Sie hatte es nicht vor, weil sie schon befürchtete, dass ihre Eltern es nicht verstehen würden. Ihr Vater hat einen Bruder, zu dem er den Kontakt abgebrochen hat, seitdem er weiß, dass dieser schwul ist. Das sind nicht die besten Voraussetzungen, um seinen Eltern so etwas anzuvertrauen.

Es kam spontan heraus, als Emma abends weinend auf ihrem Bett saß und ihre Mutter sie gefragt hat, was los sei. Und wie das so ist: Wenn man einmal anfängt, dann erzählt man alles, was einem auf dem Herzen liegt, und dann hat sie ihrer Mutter eben auch von uns beiden erzählt.

Daraufhin haben sie sich drei Wochen lang jeden Tag angeschrien und gezofft. Die Argumente ihrer Mutter waren: Die Leute werden sich von dir abwenden. Du kannst deinen Job wegen "so was" verlieren. Emma ist ein Einzelkind und ihre Mutter hätte gerne eines Tages Enkel, auch wenn sie das nicht offen zugibt.

Soweit ich es mitbekomme, sitzt ihre Mutter andauernd heulend herum und wirft Emma vor, der Grund dafür zu sein, warum es ihr scheiße gehe. Emma ist deshalb natürlich total enttäuscht von ihrer Mutter und weiß nicht, was sie machen soll. Wir beide wissen im Moment nicht, was wir tun könnten. Ihre Mutter lässt leider überhaupt nicht mit sich reden. Es beeinflusst unsere Beziehung sehr, denn ich kann sie deshalb nicht besuchen, das erlaubt ihre Mum nicht. Wenn sie zu mir kommen will, braucht sie ein Alibi. Deswegen sehen wir uns nur noch in der Schule und nur sehr selten zu zweit. Es ist krank, was ein einziger Mensch gegen eine Masse von Leuten, die hinter dir stehen, kaputt machen kann.

Gibt es etwas, das du dir wünschen würdest?

Anna: Ich will offen mit dem Menschen, den ich liebe, zusammen sein können. Allgemein bedeutet das vor allem Toleranz und Offenheit für Neues. Das wünsche ich mir für die Gesellschaft, in der wir leben. Aus eigener Erfahrung weiß ich jetzt, wie leicht dir jemand dein Leben erschweren kann, weil er etwas ihm Fremdes nicht wahrhaben will. Wenn ich auf die Entwicklung der Akzeptanz von Homosexualität blicke, denke ich natürlich: Oho, da hat sich was getan.

Doch das genügt bei Weitem nicht. Solange bei uns in einem entwickelten, aufgeklärten Land noch Situationen vorkommen wie bei meiner Freundin, kann ich nicht von Akzeptanz und Toleranz sprechen. Ich wünschte, die Leute würden erkennen, dass es für Homophobie keinen Grund gibt. Jeder kann lieben, wen er mag. Ich würde mich auch nicht auf ein heterosexuelles Paar stürzen und ihnen sagen, wie sie sich zu verhalten und zu leben haben.

Inwieweit schränkt ihr euch in Eurer Beziehung in der Öffentlichkeit ein?

Anna: Man macht sich in einer schwulen oder lesbischen Beziehung mehr Gedanken über alles Mögliche. Das glaubt man gar nicht. Ich würde jeden, der sich als hetero ansieht, gern bitten, sich mal vorzustellen, die Beziehung zu einer Person des anderen Geschlechts sei in großen Kreisen der Gesellschaft absolut inakzeptabel und in manchen Ländern sogar mit dem Tod bedroht. Trotzdem könnt ihr nichts gegen diese Stimme in euch tun, die sagt, es fühlt sich so richtig an, diese Person zu lieben, dieses Geschlecht attraktiv zu finden. Wie würdet ihr damit umgehen?

Offen leben Emma und ich unsere Beziehung auf jeden Fall nicht. In der Schule sind wir möglichst neutral und tun so, als wäre nichts. Ein Vorteil ist natürlich, dass man sich trotzdem in gewisser Weise nah sein kann. Bei zwei guten Freundinnen kommt man nicht so bald auf die Idee, dass es sich da um mehr dreht als um Freundschaft. Sieht man ein Mädchen und einen Jungen häufiger zusammen, wird sofort getratscht.

Wobei man es nicht wirklich verheimlichen kann. Uns hat schon mal ein Mädchen darauf angesprochen, was zwischen uns laufe. Ansonsten glaube ich aber, würde ich auch in einer Heterobeziehung zum Beispiel nicht knutschend durch die Stadt laufen, weil mir das unangenehm wäre.

*Namen von der Redaktion geändert

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