Prüfungsangst Acht Tipps gegen Blackout

Plötzlich ist der Kopf wie ausgeknipst: Schlimmste Angstgegner in Prüfungen sind nicht fiese Lehrer oder unerwartete Fragen, sondern der Blackout. Diese Strategien helfen gegen spontane Aussetzer.

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Aussetzer in der Prüfung: Stresshormone sind schuld
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Aussetzer in der Prüfung: Stresshormone sind schuld


Seinen schlimmsten Blackout hatte Karl in einer Matheklausur - und das, obwohl das Fach vorher nie ein Problem für ihn gewesen war. "Es ging um binomische Formeln - die waren ein Klacks. Ich war es gewohnt, die Aufgaben zu lesen und ohne großes Knobeln den Lösungsweg zu kennen", erzählt der Schüler aus Hamburg.

Doch dieses Mal schaute Karl auf das Blatt, und es kam: nichts. Das Hirn, das bisher immer so zuverlässig reagiert hatte, war einfach nicht ansprechbar. "Es war, als hätte ich noch nie zuvor von binomischen Formeln gehört. Ich war völlig handlungsunfähig", sagt Karl.

Der Blackout ist ein Trick des Gehirns, den es in Notfallsituationen anwendet. Dieser Mechanismus schützte unsere Vorfahren bei Gefahr und machte sie physisch leistungsfähiger, wenn sie etwa vor einem gefährlichen Tier flüchten mussten.

Heute müssen wir nicht mehr so oft wegrennen - die chemischen Vorgänge in unserem Körper in Stresssituationen sind aber die gleichen geblieben. Wird etwas als bedrohlich erlebt - zum Beispiel eine Prüfung -, werden in der Nebennierenrinde große Mengen von Adrenalin und vom Stresshormon Kortisol ausgeschüttet. Letzteres stellt sicher, dass die Muskeln viel Energie bekommen, wir schalten also in eine Art Fluchtmodus. Das Hormon wirkt auch auf den Hippocampus im Gehirn - das ist einer der Bereiche, die wir zum Abspeichern von Informationen brauchen. So ist es dank des Stresshormons nun plötzlich fit, was zunächst gut ist.

Steigt der Hormonpegel allerdings zu stark an, können Hirnzellen geschädigt werden oder gar absterben. Und jetzt kommt das Dumme für alle stressgeplagten Schüler: Um eine Zellschädigung zu verhindern, geht der Hippocampus bei zu viel Kortisol einfach offline.

Die Vorbereitung auf eine Prüfung muss stimmen, der Zeitplan realistisch sein. Ausreichend Schlaf und Sport zwischen den Lernphasen sind wichtig. Also früh genug mit dem Lernen anfangen.

Mit Eselsbrücken merkt man sich auch schwierigen Stoff irgendwann. Die Merksätze müssen keinen Sinn ergeben, sie sollen nur einprägsam sein. Hinter dem Nonsens-Spruch "WirGlie-WeiSta-WürHo-SchwUr" etwa verbergen sich die verschiedenen Tierstämme aus der Biologie: Wirbeltiere, Gliederfüßer, Weichtiere, Stachelhäuter, Würmer, Hohltiere, Schwämme, Urtiere.

Leistungssportler stellen sich beim Mentaltraining ihre Wettkämpfe genau vor. Für Schüler heißt das: sich überlegen, wo man in der Prüfung sitzt, wie der Lehrer den Raum betritt, wie die Aufgabenblätter verteilt werden. Einigen hilft es, sich zu erinnern, in welchen Situationen sie gute Leistungen abrufen konnten. Man kann sich auch einen Blackout vorstellen und wie man ihn wieder weglächelt.

Am Prüfungstag hilft Autosuggestion. Negative Gedanken sind die Ursache für Stress und Blackout, also positiv denken: "Ich kann das, ich kann das, ich kann das. Ich geb einfach mein Bestes, mehr kann ich nicht tun. Ich kann das." Diese Selbsthypnose wird umso wirksamer, je länger und häufiger sie angewendet wird.

Kommt kurz vor der Prüfung Nervosität auf, bloß nicht die Luft anhalten oder hyperventilieren. Tief durchatmen und einige Minuten nur auf den Atem konzentrieren. Das bringt den Puls wieder in den Normalbereich.

Hat sich der Hippocampus dann doch ausgeknipst: Lächeln! Mindestens eine Minute lang. Das entspannt die Gesichtsmuskulatur. In unseren Wangen sitzen Nervenzentren, die bei einem richtig breiten Grinsen dem Hirn signalisieren können, Freude-Hormone auszuschütten. Das senkt den Stress- und Kortisol-Spiegel.

Unmittelbar vor der Prüfung helfen Witze, die Stresshormone unten zu halten. Die Lieblingswitze aufschreiben oder durch ein paar schräge Schülerantworten klicken - alles ist besser, als in Panik noch mal den Stoff zu überfliegen.

Oder man schaut sich Bilder an, die einen glücklich machen - vom Lover, Urlaub oder Katzenbaby.

Schwupps, Stecker raus, die Nervenzellen reagieren nicht, keine Information wird mehr weitergeleitet. Der Schüler hat einen Filmriss (könnte aber so schnell weglaufen wie noch nie). Die gute Nachricht ist: Das Gelernte ist nicht völlig gelöscht, nur die Nervenbahnen sind gesperrt, die das Wissen abrufen könnten.

Allerdings: Wohldosierter Stress schadet nicht - im Gegenteil. Ein bisschen Lampenfieber erhöht sogar die Leistungsfähigkeit, man wird wacher und aufmerksamer, Konzentration und Reaktionsvermögen verbessern sich. Deshalb können Schüler in Prüfungen auch besonders kreativ werden: Ihr Gehirn arbeitet auf Hochtouren, ist schlagfertig und einfallsreich.

"Ich habe einen Blackout" ist aber auch eine gern bemühte Ausrede, wenn mal wieder nicht gelernt wurde. Ob Pädagogen darauf eingehen, bleibt ihnen selbst überlassen. In Karls Fall hatte seine Mathelehrerin Nachsicht. Weil sie wusste, dass er den Stoff eigentlich beherrschte, wurde die Arbeit nicht gewertet.

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Witzige Schülerantworten aus dem Sexualkunde-Unterricht: Hormone im Kopf
Wir haben Lehrer gebeten, uns die schönsten Irrungen ihrer Schüler zu erzählen. Daraus entstanden ist das Buch "Nenne drei Nadelbäume: Tanne, Fichte, Oberkiefer". Die Tipps gegen Blackout sind ein Auszug aus dem Kapitel "Hürden im Schulalltag: Von Blackout und Schlafmangel".

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Seite 1
LibertyEMoore 11.12.2015
1. Ich fass es nicht...
... ich frage mich allen Ernstes wie wir das vor 40 Jahren alles hinbekommen haben - ohne Therapeuten, ohne Hilfestellung, ohne seelsorgerische Betreuung. Ja ist denn heute nur noch Kuschelzeit angesagt...
El pato clavado 11.12.2015
2. Welche Strategien?
Artikel wahrscheinlich auch unter Vollstress und und Angst vor Redakteur geschrieben Zum Weglaufen
maglan 11.12.2015
3.
"Lächeln! Mindestens eine Minute lang. richtig breit grinsen." Kommt in einer mündlichen Prüfung bestimmt ganz toll, wenn man den Prüfer minutenlang wortlos angrinst ;)
hemithea 11.12.2015
4. an #1
Ja, früher was alles besser, auch die Studenten. Das kann man bei solchen Themen echt regelmäßig lesen. Früher wurde über Psyche einfach nicht geredet, das war tabu. Man hat sich eventuell still und heimlich Medikamente verschreiben lassen und gehofft, dass es besser wird und es keinem auffällt. Es wurde mit Medikamenten an Symptomen gewerkelt, damit man wieder "funktioniert" und nicht mit Therapeuten der Grund gesucht. Jawort! So und nicht anders geht. Ich wette mit Ihnen, es gab schon immer Studenten mit Prüfungsangst, sie haben sich bloß nicht getraut, das anzusprechen. Genau aus diesen Gründen "Ich schaff das auch, also musst du das auch schaffe. Du bildest das dir nur ein. Stell dich nicht so an." Ich have Angst vor Spritzen und lasse mir jede Zahnarztbehandlung ohne Betäubung machen, soll ich das jetzt auch von anderen verlangen? Nur weil ich es kann?
binismus 11.12.2015
5. Prüfungsangst: Acht Tipps gegen Blackout
Gegen Prüfungsangst gibt es nur ein Mittel und das ist Lehrer spielen. Ich habe das jahrelang in meiner privaten Bootfahrschule mit bestem Erfolg praktiziert. Schüler sollten sich selbst gegenseitig "prüfen". Wie sagte der deutsche Atomphysiker Heisenberg? Der seiner Cousine Mathematik beibringen sollte? Ob sie es verstanden hat weiß ich nicht. Dafür hatte ich es verstanden. Es ist halt etwas Anderes ob man Wissen konsumiert oder vermittelt. Hier die Non-Profit-Bootfahrschule. http://www.bootfahrschule-tauzieher.de/a_Wolken-600_1_.jpg
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