Bloggende Pädagogen Hilfe, mein Lehrer ist im Internet

Vormittags einsam an der Tafel, nachmittags gemeinsam im Netz: Manche Lehrer schreiben sich als Blogger den Schulfrust von der Seele. Sie nutzen das Internet aber eher als erzählerisches Tagebuch, nicht als Mecker-Medium - denn die Schulleitung könnte mitlesen.

Von Rick Noack


Irgendwann wollte Thomas Rau einfach wissen, wer diese Leute eigentlich sind, die er nur aus dem Internet kannte. Also lud er die anderen Lehrer zu sich nach Hause ein. Zu acht saßen sie um den runden Tisch im Wohnzimmer und diskutierten bis zwei Uhr morgens über Schule, Technik und das Internet. Das war das erste Treffen deutscher Lehrer-Blogger.

Geschätzt zwischen 30 und 70 Lehrer schreiben in Deutschland Online-Tagebücher. Thomas Rau, 40, sagt, er sei einer der aktivsten. In sein Blog " Lehrerzimmer" investiert er drei Stunden pro Woche, außerdem liest er natürlich die Blogs der anderen Lehrer. Er will sich vor allem mit Kollegen austauschen, aber auch für mehr Verständnis Lehrern gegenüber werben. "Ich möchte zeigen, wie mein Alltag aussieht. Ich will Verständnis schaffen und Misstrauen abbauen", sagt Rau.

Wenn ihm eine Unterrichtsstunde besonders gelingt, schreibt er es in seinen Blog - aber auch, wenn der Wandertag so richtig daneben ging. Nebenbei veröffentlicht er noch das eine oder andere Schüler-Essay oder empfiehlt mal ein Buch.

Das Blog als Auszeit vom Lehrer-Ich

Seine Schüler scheint das wenig zu interessieren, kaum ein Jugendlicher an seiner Schule weiß vom Blog. "Werbung mache ich nicht dafür", sagt Rau, "ich weiß aber zum Beispiel, dass die Schulleitung mitliest. Die Frau aus der Kantine hat mich auch schon darauf angesprochen." Bis zu 300 Leser klicken pro Tag auf seine Website.

Aus dem Berufsalltag berichten, angestauten Frust loswerden: Für Rau ist seine Website wie ein gutes Gespräch: "Wenn ich nachmittags schreibe, kann ich mich dabei entspannen." Im Blog sei er eine andere Person, nehme eine virtuelle Identität an, er sei dort jemand ohne Schwächen. "Ich bin in Wirklichkeit nicht so, wie ich mich hier darstelle oder wie ich hier erscheine. Sondern eher ganz normaler Durchschnitt", schreibt Rau auf seiner Seite.

Der reale Thomas Rau unterrichtet seit zwölf Jahren an einem bayerischen Gymnasium in den Fächern Englisch, Deutsch und Informatik. Jahrelang erzählte er seine Geschichten den Kollegen in der S-Bahn - bis seine Frau ihm vorschlug, das alles aufzuschreiben und im Internet zu veröffentlichen, damit jeder es lesen kann.

Thomas Rau packte das Blog-Fieber. Heute träumt er davon, dass sich die vielen Einzelkämpfer, die wie er an ihren Schreibtischen werkeln, online vernetzen und austauschen. "Lehrer sollten viel mehr zusammenarbeiten. Das Internet ist dafür eine tolle Möglichkeit", sagt Rau.

Oft bloggen Lehrer anonym

Die große Mehrheit der Lehrer hat das noch nicht gemerkt. Für viele ist das Internet eher ein Angstmedium, sie halten es generell für ein großes Problem: So drehen beim Portal Spickmich Jugendliche den Spieß um und benoten ihre Lehrer, in Netzwerken SchülerVZ stoßen sie mitunter üble Verwünschungen aus.

Lehrer wie Thomas Rau versuchen, sich das Netz selbst anzueignen. Andere Beispiele sind der pensionierte Rektor Wolfgang Heinrich, der auf einer Website Abiturreden sammelt, oder jene Pädagogen, die sich in der großen Pause im Lehrerzimmer treffen, um gemeinsam bei Spickmich ihre Noten zu frisieren.

Tamara Specht und Susanne Horsch, beide 23, finden, dass es auffallend wenig Lehrerblogs in Deutschland gibt. Die Studentinnen schreiben ihre Bachelorarbeiten über bloggende Pädagogen - das Blog von Herrn Rau gehört zu ihren Favoriten. Was sie auf den Seiten selten bemerkt haben: Kritik von Lehrern an der eigenen Schule. "Wenn überhaupt, dann schreiben die Autoren anonym darüber", sagt Tamara Specht. Statt die Blogs als Mecker-Medium zu nutzen, zwingen sich die Lehrer zum harmlosen Erzähltagebuch - aus Angst vor der Schulleitung.

Der bekannteste anonyme Lehrerblogger kommt aus Österreich. Er schreibt das Blog niemehrschule - und meckert auch gern mal. Als er sein Blog 2004 gründete, war er frustriert und wollte sich seine Probleme und Beobachtungen einfach von der Seele schreiben. Im normalen Leben sei es aber kaum möglich, jemanden auf seine Schwächen hinzuweisen, sagt der Lehrer und nennt ein Beispiel: "In meiner Schule gibt es einen Lehrer, der eigentlich sehr nett ist. Nur zu seinen Schülern ist er vollkommen unmöglich. So etwas kann ich ihm aber nicht ins Gesicht sagen. Trotzdem muss es doch eine Möglichkeit geben, den Schülern zu helfen."

Der Österreicher scheint dabei mit seinem Blog auf einem guten Weg zu sein. Die Zahl der Kommentare sei fantastisch, sagt er. "Dort haben sich Eltern, Schüler und Schuldirektoren zusammengefunden und zusammen diskutiert. So etwas würde es im realen Leben niemals geben."

"Lehrerblogs haben keine Zukunft"

Es gehe ihm nicht darum, "einen einzelnen an den Pranger zu stellen", sagt er, "sondern ich möchte klar sagen können, was mich stört". Wer genau hinter der Website steckt, wissen bisher nur sehr wenige. "Wenn auffliegen würde, dass ich das bin, würde ich mir sicherlich eine Menge Feinde machen. Man geht doch nicht mit Messern auf seine Kollegen los."

Ähnlich sieht das auch der vorsichtigere Thomas Rau. Manchmal, ja manchmal, wünsche er sich schon, ein wenig mehr ...Freiraum zum Schreiben zu haben, sagt er. Er überlegt kurz. Und sagt: "Ich stehe zu dem, was ich schreibe, mit meinem Namen."

Bisher sind Lehrer-Blogs eher eine Petitesse. Bleibt das so - oder sitzt bald das ganze Kollegium am Rechner? Der Macher von niemehrschule sagt: " Lehrer-Blogs haben keine Zukunft. Auch meiner, der sehr gut funktioniert, wird sich nicht durchsetzen können." Was er damit meint: Es gebe nur ein kleines Grüppchen Lehrer, die sich für das interessieren, was ein anderer Pädagoge so in seiner Freizeit ausheckt. Er will seine Geschichten jetzt lieber in einem Buch veröffentlichen.

Thomas Rau setzt dagegen weiter auf gemütliche Abendessen. Er könne sich in Zukunft wieder solch ein Treffen bei ihm zuhause, eine Konferenz der Lehrer-Blogger vorstellen, sagt er. Sie werden dann wieder von dem Traum sprechen, die Lehrer zu vernetzen. Und sicher sein: Er wird in Erfüllung gehen - irgendwann.



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