Bremer Gymnasium klagt gegen Inklusion Frei nach dem Prinzip Banane

Eine Bremer Schulleiterin klagt dagegen, an ihrem Gymnasium auch Inklusionsschüler aufzunehmen. Als menschenverachtend kommentierte Autor Christian Füller den Schritt. Eine Gegenrede.

Inklusionsklasse (Archiv)
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Inklusionsklasse (Archiv)

Ein Kommentar von Michael Felten


Zur Person
  • Michael Felten
    Michael Felten, Jahrgang 1951, ist Pädagoge und Publizist. Er betreibt die Webseite,inklusion-als-problem.de und hat das Buch: "Die Inklusionsfalle" veröffentlicht.

Eine Schulleiterin aus Bremen klagt dagegen, an ihrer Schule Inklusion einzuführen - und in einem Kommentar wird sie dafür von Autor Christian Füller mit einem Warlord in einem Schurkenstaat verglichen.

Wer sich eingehend mit dem Fall beschäftigt, muss aber zu einem anderen Schluss kommen: Die Direktorin möchte Kinder mit besonderem Förderbedarf "Wahrnehmung und Entwicklung" (landläufig: "geistige Behinderung") höchstens dann aufnehmen, wenn es zusätzliche Förderräume gibt, wenn genug Sonderpädagogen zur Verfügung stehen - und wenn die Regellehrer auf den Umgang mit Behinderten gründlich vorbereitet sind. Sie bezweifelt außerdem grundsätzlich, dass solche W+E-Schüler am Gymnasium gut aufgehoben seien.

Die vorgesetzte Bildungsbehörde hingegen will Inklusion als Prinzip kraft Amtes durchsetzen - auch unabhängig davon, ob bereits angemessene Bedingungen geschaffen wurden. Frei nach dem Prinzip Banane: Die Ware reift beim Kunden.

Womöglich kommen alle zu kurz

Dass die Schulleiterin dagegen klagt, klingt nach gesundem Menschenverstand, ja nach respektablem Ethos. Sie befürchtet eben, dass bei Hast und Mangel alle Beteiligten zu kurz kommen; die geistig Behinderten ebenso wie die normalen Gymnasiasten.

Zumal Gymnasien ja schon jetzt ihre Bildungsaufgabe immer seltener erfüllen können, weil überall die Eignungsstandards sinken. Zudem sucht Bremen händeringend Sonderpädagogen, nachdem es deren Studiengang vor Jahren kurzerhand eingestampft hatte.

Die Klägerin verfügt offenbar auch über eine gehörige Portion Zivilcourage. Denn hiesige Verfechter einer radikalen, totalen Inklusion neigen nicht selten zu fanatischem Eifer. So erinnerte Kommentator Füller an Zeiten der Rassentrennung ("Rosa Parks"), bemühte zwischen den Zeilen gar die Nazikeule ("ungesundes Volksempfinden"). Dabei ist sein scheinhumanes Pathos ("Menschenrechte") nicht zuletzt ein Trojanisches Pferd - zum Schleifen des Gymnasiums.

Füllers Argumentation wirkt wie ein verzweifeltes Rückzugsgefecht. Denn ein Faktencheck zeigt überraschenderweise, dass das deutsche Bildungswesen die Uno-Behindertenrechtskonvention (BRK) bereits weitgehend erfüllt: Förderschulen sind derjenige Teil des allgemeinbildenden Schulsystems, der soziale Teilhabe durch spezifische Unterstützung herbeiführen soll - und solche besonderen Maßnahmen gelten gerade nicht als Diskriminierung (BRK, Art. 5.4).

Die Wahl der Förderschule darf nicht verwehrt werden

Leitkriterium ist immer das Wohl des einzelnen Kindes (Art. 7.2) - der Besuch einer Förderschule als spezifischer Schutzraum und Förderort kann also im Einzelfall geradezu geboten sein.

Zudem gilt noch immer die Kinderrechtskonvention. Demnach ist das Recht von Eltern zu respektieren, ihre Kinder entwicklungsförderlich "zu leiten und zu führen" (KRK, Art. 5) - sollte die Inklusionsschule also zu Nachteilen führen, darf ihnen die Wahl einer Förderschule nicht verwehrt werden.

Soweit die Rechtslage zur Inklusion. Und was sagen die Humanwissenschaften? Schließlich geht es nicht primär um Verträge, gar um abstrakte Prinzipien, sondern um Kinder, um menschliche Entwicklung. Das sprichwörtliche Rollstuhlkind ist noch am leichtesten zu inkludieren; aber schon bei Hörgeschädigten stellt sich die Frage "mittendrin - oder nur dabei?".

Und wird dauerhaft zieldifferent unterrichtet, wie es Lehrer mit heterogenen Klassen tun müssen, führt das spätestens in der Pubertät häufig dazu, dass sich die Klasse in verschiedene Gruppen aufspaltet. Übergroße Heterogenität ist im Schulbereich jedenfalls kein Gütekriterium per se.

Eine Billigvariante namens "Inklusionsschule"

Seit Jahrzehnten wurden hierzulande einzelne Schüler mit Behinderungen erfolgreich integrativ unterrichtet - diese Prototypen haben funktioniert, wenn auch nicht zum Nulltarif. Als Serienmodell haben nun aber viele Bundesländer eine Billigvariante namens "Inklusionsschule" geordert. Das Ergebnis in den Worten des Bildungswissenschaftlers Bernd Ahrbeck: "wohlwollende Vernachlässigung" aller Schüler.

"Gemeinsames Lernen", diese Heile-Welt-Formel ist angesichts des Finanz- und Personalmangels nichts als Augenwischerei ("Inklusionsfalle"). Und selbst bei optimalen Ressourcen wäre es illusorisch anzunehmen, man könne alle Kinder durchgängig gemeinsam beschulen, auch solche mit schwersten Entwicklungsstörungen. Weltweit geschieht dies nirgendwo. Verabschieden wir uns also von unseliger Prinzipienreiterei - und lernen, dual-inklusiv zu denken, wie es der Sonderpädagoge Otto Speck nennt.

Dabei bekäme jedes Kind die in seinem Fall günstigsten Bedingungen, und darüber haben Lehrer und Eltern zu befinden, nicht die Politik oder eine Ideologie. Schüler mit gravierenden Behinderungen brauchen exklusive Lerngruppen und spezifische Lehrerexpertise, zumindest phasenweise. Einem reichen Land sollten Förderschulen - oder wie in Bayern: Förderklassen an Regelschulen - nicht zu teuer sein.

Der Bremer Direktorin gebührt nicht nur Respekt, sondern auch Klageerfolg. Denn Bildungsbehörden würde damit verwehrt, per Federstrich von ihren Lehrkräften das Unmögliche zu verlangen.



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C.Rainers 17.04.2018
1. Eierlegende Wollmilchsau
gibt es im Schulwesen nicht. Genau das wollen Politiker aber. Rundherum wird gejubelt über wirtschaftlichen Erfolg und überquellende Staatseinnahmen. Eine Seite weiter wird bei den Schulen gespart und die Kosten beklagt. Ja was denn nun. Man hat fast den Eindruck als wären Politiker inklusiv beschult worden, da sie meinen Bürger mit sich widersprechenden Aussagen totquatschen zu können in der Hoffnung, die seien genauso dumm. Schöner, differenzierter Beitrag im Gegensatz zu dem m höchsten Maße dogmatischen und einseitigen Beitrag von Herrn Füller. Typischer Nazikeulenkommentar war das.
wiesenflitzer 17.04.2018
2. Danke Danke Danke
Endlich mal ein Beitrag zu diesem Thema, der mit Verstand und nicht mit Scheuklappen-Ideologie geschrieben wurde. Jeder, der sich mit ruhigem Kopf (ja, liebe Eltern von möglichen Inklusionskindern, ich meine auch euch!!) mit der Sache beschäftigt, dem sollte klar werden, dass diese genötigte Inklusion nur eine Sparvariante von Politikern ist. Die angebliche Mär, die dazu verkauft, knallt im Alltag an den Schulen, den Schülern und den Lehrern in den allermeisten Fällen vor die Wand. Es ist eine lose-lose-Situation für alle Beteiligten!
lobivia 17.04.2018
3. Drücke die Daumen
Nicht, dass es nicht schon schlimm genug wäre, in Bremen zu unterrichten, geschweige denn Schulleiter/in zu sein, jetzt versucht sich das Sozendeppenstädtchen als Vorreiter der Inklusion. Ein bisschen Qualität wäre mal etwas neues, wenn ich lachen möchte, dann sehe ich mir die Abithemen von HB (und HH) an. Man vergleiche mit Niedersachsen.
imthecheese 17.04.2018
4. Danke für diesen Beitrag
...besser kann man es nicht auf den Punkt bringen! Herzlichen Dank! Es wird offensichtlich wo das Problem liegt, wenn man mal die Situation umgedreht betrachtet: gleiche Schule für alle, jede/r darf teilnehmen. Würde im Umkehrschluss bedeuten: endlich Schluss mit Behindertenförderung. Keine Wohnheime mehr, keine Fahrdienste, keine speziellen Werkstätten mehr, keine Fachkräfte, die sich um die Bewohner kümmern. Jeder Mensch wird gleichbehandelt. Das wäre doch toll ;)
Frank A 17.04.2018
5. Danke
Danke für diesen Artikel, denn der zitierte Autor, Artikel war erschreckend in seinen absurden Vergleichen.
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