Britische Studie September-Kinder sind Glückskinder

Haben es früher eingeschulte Kinder in der Schule schwerer? Ja, fanden britische Forscher heraus, sie werden öfter gemobbt und von den Lehrern schlechter bewertet. Später schrumpfen die Unterschiede - doch selbst beim Übergang an Spitzen-Unis sind sie noch messbar.

Na, was hast du? Noten hängen in Manchester und anderswo auch vom Schulstart ab
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Na, was hast du? Noten hängen in Manchester und anderswo auch vom Schulstart ab

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Für gewöhnlich hat der August eine guten Ruf: Sommer, Eiscreme, Sonnenbrand allerorten, manchmal sogar auf den britischen Inseln. Doch laut einer neuen Studie macht es zumindest englische Kinder eher unglücklich, wenn sie im Monat August zur Welt kommen. Denn am Sommerende geboren zu sein, bedeutet auch, unmittelbar nach dem fünften Geburtstag zur Schule zu müssen - also knapp ein Jahr früher als Kinder, die nur wenige Tage später geboren sind. In England ist der Stichtag für die Einschulung der 31. August.

Den Ergebnissen der Studie "Does when you are born matter?" zufolge kann die frühe Einschulung unangenehme Folgen haben: Statistisch gesehen werden August-Kinder öfter in der Schule gemobbt als im September geborene. Auch von ihren Lehrern wurden sie im Alter von sieben Jahren in einem Leistungsbericht schlechter eingeschätzt. Und selbst die Wahrscheinlichkeit, dass die Kinder später eine der Top-Unis besuchen, ist geringer als bei September-Kindern.

Durchgeführt wurde die Studie von drei Ökonomen des Institute for Fiscal Studies (IFS), dessen Schwerpunkt auf wirtschaftlicher Forschung liegt. In Auftrag gegeben hatte sie die Nuffield Foundation, eine große Privatstiftung.

Für ihre Sommerkinder-Studie haben die IFS-Forscher Daten aus drei anderen Untersuchungen ausgewertet, darunter die Millennium Cohort Study, die Daten aus Lernstandserhebungen sowie Selbst- und Fremdeinschätzungen von über 18.500 englischen Kindern. Zusammen genommen liefern diese Basisstudien Zahlenmaterial von rund 48.500 Schülern. Für ihre Berechnungen konzentrierten sich die Forscher auf die Schüler, die im August oder September geboren wurden.

Auswirkungen auf das ganze Leben

Durch ihre Schwerpunktsetzung wollen die Wissenschaftler zeigen, dass sich das Geburtsdatum eines Kindes auf sein gesamtes Leben auswirken kann: auf das Abschneiden in Tests, auf das Wohlbefinden in der Schule und sogar auf den späteren Berufsweg. Dass eine frühe Einschulung die Wahrscheinlichkeit verringert, dass Kinder nach der Grundschule aufs Gymnasium wechseln, hatten zuvor auch schon zwei deutsche Studien nahegelegt.

Die englischen Forscher fanden unter anderem heraus, dass Lehrer die August-Geborenen im Alter von sieben Jahren bis zu dreieinhalb Mal häufiger als "unter dem Klassendurchschnitt" in Lesen, Schreiben und Mathematik einschätzen als die September-Kinder aus der Klasse. Im Fach Mathematik etwa war rund jedes zehnte September-Kind seinen Klassenkameraden unterlegen, bei den August-Kindern war es knapp jedes dritte. Im Alter von sieben Jahren ist es zudem doppelt so wahrscheinlich wie bei September-Kindern, dass August-Kinder von Mobbing-Erfahrungen berichten. Zweieinhalb Mal so hoch wie bei September-Kindern ist die Wahrscheinlichkeit, dass die August-Kinder sagen, sie seien in der Schule "ständig unglücklich".

Ausbildung an Top-Uni weniger wahrscheinlich

Bei fast allen Daten, die die Forscher verglichen haben, schwächen sich diese Unterschiede zwischen August- und September-Kindern mit der Zeit ab - im Alter von 16 Jahren sind nur noch geringe Abweichungen festzustellen. Eine frühe Einschulung scheint englischen Kindern also vor allem am Anfang das Leben schwerzumachen. Doch selbst für die akademische Karriere des Kindes ist der Geburtsmonat noch relevant. Wenn die Jugendlichen 19 Jahre alt sind, gehen sechs Prozent der August-Kinder auf eine der 20 britischen Top-Unis wie Oxford oder Cambridge. Bei den September-Kindern sind es acht Prozent, also ein noch immer messbarer Unterschied.

Die Studienautoren belegen also mit ihrer statistischen Auswertung, dass der Geburtsmonat beeinflussen kann, wie sich jemand durchs Leben schlägt. Als mögliche Gründe nennen sie:

  • das Alter beim Schulstart: August-Kinder werden früher eingeschult, vielleicht sind sie zu diesem Zeitpunkt also generell noch nicht reif genug für die Schule.
  • das Alter bei Leistungstests: Kinder, die im August geboren werden, schreiben Klassenarbeiten in jüngerem Alter als ihre Klassenkameraden.
  • die Dauer des Schulbesuchs: Manche Schüler eines Jahrgangs gehen zum Zeitpunkt von Lernstandserhebungen bereits länger zur Schule als andere.
  • das relative Alter in der Klasse: August-Geborene könnten in ihren Klassen deshalb schlechtere Leistungen bringen, weil sie im Verhältnis zu ihren Mitschülern jünger sind.

Wechsel aufs Gymnasium seltener

Zur Erkenntnis, dass es jünger eingeschulte Kinder zunächst schwerer haben, passt eine Untersuchung von Wissenschaftlern des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW). Die Forscher untersuchten im Jahr 2009 die Laufbahnen mehrerer zehntausend hessischer Schüler, die vor dem 30. Juni, dem hessischen Einschulungsstichtag, oder erst im Juli geboren worden waren. Sie stellten fest, dass die früher gestarteten Schüler nach der vierten Klasse im Schnitt seltener aufs Gymnasium wechselten.

"Die Forschungsergebnisse zeigen sogar, dass diese Kinder in vielerlei Hinsicht benachteiligt sind", sagte Andrea Mühlenweg von der ZEW damals in einem Interview mit SPIEGEL ONLINE. "Nicht nur ihre Leistungen liegen hinter denen der älteren Mitschülerinnen und Mitschüler zurück, sondern sie sind zum Beispiel auch häufiger Opfer von Gewalt oder Mobbing in der Schule."

Stichtage entscheiden über Karrierechancen

Bereits 2006 hatte das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin (DIW) die Bildungschancen früh eingeschulter Kinder untersucht. Das DIW fand heraus, dass 45 Prozent der Kinder, die in Westdeutschland kurz nach dem Einschulungsstichtag geboren wurden, eine Gymnasialempfehlung erhielten. Bei den Kindern, die kurz vor dem Stichtag geboren wurden, waren es nur 37 Prozent.

Geht es nach dem amerikanischen Publizisten Malcolm Gladwell, haben Stichtage auch außerhalb der Schule eine entscheidende Bedeutung. In einem SPIEGEL-Interview wies er 2009 auf die Karrierechancen von Eishockey-Spielern hin: "Viele professionelle Eishockeyspieler in Kanada etwa haben im Januar, Februar oder März Geburtstag, weil der 1. Januar der Stichtag ist", sagte Gladwell. "Wer kurz nach dem Stichtag geboren ist, hat einen körperlichen Vorteil, schafft es deshalb in die Auswahlmannschaft, in der er besser gefördert wird. Wenn wir den Stichtag änderten, würde eine andere Kohorte junger Menschen profitieren."

insgesamt 18 Beiträge
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melcsi 01.11.2011
1. Es ist noch krasser
Spätestens nach dem 5. Geburtstag müssen englische Kinder in die Schule. Das stimmt schon. Es bedeutet, daß sie kurz danach in die reception class kommen, wo sich die September- und anderen Kinder schon seit Monaten kennen. Es gibt sehr wenige Eltern, die ihre Kinder ein halbes Jahr oder länger zurückhalten, weil sich die Kleinen dann nämlich in einer schon bestehenden Klasse eingewöhnen müssen. In England werden die Kinder in dem Jahr eingeschult, in dem sie 5 werden. Augustkinder sind also gerade einmal 4 geworden und müssen dann ein paar Wochen später in die Ganztagsschule. Sein Kind erst im nächst Jahr starten zu lassen ist sogut wie unmöglich.
doitwithsed 01.11.2011
2. -
Was für eine Erkenntnis ... Ich bin auch mit 5 eingeschult worden und hatte mit 17 mein Abi. Damit ist es auch schon zu Ende mit dem positiven Dingen, alles andere war überwiegend negativ. Immer ein Jahr in der Entwicklung gegenüber den anderen zurück - ich wollte in der 6. Klasse Kindergeburtstag, meine "Klassenkameraden" dagegegen Fete mit Fummeln. So wird man ratzfatz zum gemobbten Außenseiter. Ich bin mir ziemlich sicher, dass noch manche meiner heutigen Macken dieser speziellen schulischen Sozialisation geschuldet sind.
daesh 01.11.2011
3. Alter Hut
Zum Geburtsdatumseffekt gibt es bereits seit den 70er Jahren Untersuchungen. Krampe, Ralf T. (2006). Hochbegabung oder Langstreckenlauf? Eliteleistungen aus Sicht der Expertiseforschung. In Münkler, Herfried, Straßenberger, Grit & Bohlender, Matthias (Hrsg.), Deutschlands Eliten im Wandel (S.363-383). Frankfurt, Main: Campus Verl. oder Williams P. H., Davies, P., Evans, R., & Ferguson, N. (1970). Season of birth and cognitive development. Nature, 228, 1033 – 1036. ---Zitat--- Dass eine frühe Einschulung die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass Kinder nach der Grundschule aufs Gymnasium wechseln, hatten zuvor auch schon zwei deutsche Studien nahegelegt. ---Zitatende--- Hier sollte es wohl "senkt" heißen, welche Studien sind gemeint? Im Übrigen ist es umgekehrt bei der Entwicklung von Leistungsexzellenz (z.B. Schachweltmeister) wichtig früh mit dem Lernen anzufangen (Etwa im 4. Lebensjahr). Auch schneiden früher eingeschulte Kinder bei PISA besser ab, da diese Schulleistungsuntersuchung lediglich 15jährige Schüler betrachtet unabhängig davon, ob sie nun in der 7. oder 11. Klasse sind. Man sollte aus diesem Artikel also nicht den Fehlschluss schließen, dass eine frühe Einschulung generell verkehrt ist, es ist halt schwerer sich durchzusetzen.
pterois 01.11.2011
4. .
Zitat von doitwithsedWas für eine Erkenntnis ... Ich bin auch mit 5 eingeschult worden und hatte mit 17 mein Abi. Damit ist es auch schon zu Ende mit dem positiven Dingen, alles andere war überwiegend negativ. Immer ein Jahr in der Entwicklung gegenüber den anderen zurück - ich wollte in der 6. Klasse Kindergeburtstag, meine "Klassenkameraden" dagegegen Fete mit Fummeln. So wird man ratzfatz zum gemobbten Außenseiter. Ich bin mir ziemlich sicher, dass noch manche meiner heutigen Macken dieser speziellen schulischen Sozialisation geschuldet sind.
Ich gehöre auch zu den (freiwilligen) Frühstartern und habe auch sehr durchwachsene Erfahrungen gemacht. "Toll" war es auch, bei der Studienfahrt in der 13ten als einzige noch nicht volljährig zu sein...
alfredjosef 01.11.2011
5. siehe auch Beitrag 4
Beitrag 4 hat es auch schon bemerkt: Die beiden Sätze Dass eine frühe Einschulung die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass Kinder nach der Grundschule aufs Gymnasium wechseln, hatten zuvor auch schon zwei deutsche Studien nahegelegt. und Sie stellten fest, dass die früher gestarteten Schüler nach der vierten Klasse im Schnitt seltener aufs Gymnasium wechselten. widersprechen sich. Vielleicht mal korrigieren. Ansonsten: Unser Augustkind ging auch erst das darauffolgende Jahr in die Schule, ist glücklich, aber nicht unter den Besten weil ab und zu faul. Das Februarkind zeight deutlich bessere Leistung, ist aber in der Schule tatsächlich zuweilen unglücklich. Na ja, n = 2, sagt nicht viel. Prinzipiell halte ich es für gut, wenn Schüler möglichst jung lernen. Lehrer und v.a. Mitschüler sollten halt nicht gemein zu den "Kleinsten" sein.
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