Streit um Bildungsbericht Republik der Abgehängten

Der Bildungsbericht 2012 zeigt schonungslos, woran das deutsche Bildungswesen krankt: Es bietet zu vielen Benachteiligten zu wenig echte Chancen. Die Opposition fordert nun mehr Geld, mehr Ganztagsschulen - und den schnellen Abschied vom Betreuungsgeld.

Diktatwettbewerb: Mehr Abiturienten, mehr Studenten - und ein Heer der Abgehängten
DPA

Diktatwettbewerb: Mehr Abiturienten, mehr Studenten - und ein Heer der Abgehängten


Der Bundesbildungsbericht 2012, der an diesem Freitag in Berlin erschien, hat ein sehr geteiltes Echo ausgelöst. Hamburgs Bildungssenator Ties Rabe (SPD), derzeit Präsident der Kultusministerkonferenz (KMK), sagte, das deutsche Bildungssystem sei auf dem richtigen Reformweg. Als Beleg verwies Rabe auf die steigenden Abiturientenzahl und weniger Schulabbrecher.

Eine ähnlich positive Bilanz las Cornelia Quennet-Thielen, Staatssekretärin im Bundesbildungsministerium von Annette Schavan (CDU), aus dem Bericht. Das Dokument belege die "hohe Priorität für Bildung in Deutschland", so Quennet-Thielen. Gerade für Kinder und Jugendliche "in Risikolagen" habe sich viel verbessert.

Die Forscher, die den mehr als 350 Seiten starken Bundesbildungsbericht im Auftrag von Bund und Ländern erstellt hatten, sehen die Ergebnisse deutlich skeptischer: Sie fanden zwar heraus, dass es mehr Abiturienten und Studenten gibt als vor zwei Jahren und dass das Bildungssystem durchlässiger geworden ist. Doch zugleich gibt es eine Schicht von 15 bis 20 Prozent der Kinder und Jugendlichen, die von diesen Chancen dauerhaft ausgeschlossen bleibt. Sie können nicht richtig lesen, brechen Schule oder Lehre ab und nutzen keine Weiterbildungsangebote - "eine Gruppe, die unten hängt und da nicht mehr rauskommt", fasste Thomas Rauschenbach, Präsident des Deutschen Jugendinstituts, zusammen. "15 bis 20 Prozent der Jugendlichen befinden sich im Abstiegsstrudel", sagte Rauschenbachs Kollege Martin Baethge vom Sozialwissenschaftlichen Forschungsinstitut aus Göttingen.

SPD fordert Rechtsanspruch auf Platz an einer Ganztagsschule

Neben der Kritik der Autoren geißelt auch die Opposition im Bundestag und das Deutsche Studentenwerk die Bildungsbilanz. Ernst Dieter Rossmann, bildungspolitischer Sprecher der SPD-Fraktion, sieht die deutsche Bildungspolitik drastisch unterfinanziert. Um im Vergleich mit anderen Industrienationen auf Augenhöhe zu kommen, müssten Jahr für Jahr 20 Milliarden Euro mehr in die Bildung investiert werden.

Für mehr Chancengleichheit und Integration seien außerdem mehr Ganztagsschulen nötig, denen auch der Bundesbildungsbericht eine Schlüsselrolle zuweise. Die SPD-Fraktion will daher einen Rechtsanspruch auf einen Ganztagsplatz, egal in welcher Schulform, bis zum Jahr 2020 durchsetzen. Ganztagsschulen sind in Deutschland sehr unterschiedlich häufig: Verfügt in Baden-Württemberg nur etwa jede vierte Schule über ein Ganztagsangebot, sind es in Sachsen beinahe alle Schulen.

Parteiübergreifend erregte sich die Opposition besonders über das Festhalten der Bundesregierung am Kooperationsverbot in der Schulpolitik, das dem Bund die Schulfinanzierung in den Ländern untersagt. Erneut kritisierten sie außerdem das Betreuungsgeld, ein für 2013 geplanter Zuschuss für Eltern, die ihre Kinder nicht in eine Kita schicken, sondern sie zu Hause betreuen. Wie bereits am Mittwoch bekannt geworden war, positionieren sich auch die hochrangigen Autoren des Bundesbildungsberichts klar gegen das als "Herdprämie" bekannt gewordene Betreuungsgeld.

Grüne: Betreuungsgeld ist "Bildungsfernhalteprämie"

Die Experten sehen durch die zusätzlichen Leistungen für das Betreuungsgeld mehrere wichtige Investitionen gefährdet: den Ausbau von Kindertagesstätten, die Einlösung des Rechtsanspruchs auf einen Betreuungsplatz für Unter-drei-Jährige sowie Verbesserungen in Kinderkrippen und Kindergärten.

Besuchten Kinder eine Kita, hätten sie in der vierten Grundschulklasse nachweislich Lernvorsprünge, so die Forscher in ihrem Bericht. Kai Gehring, Bildungsfachmann der Grünen im Bundestag, bezeichnete das Betreuungsgeld als "Bildungsfernhalteprämie, die dem Ausbau der frühkindlichen Bildung zuwider läuft". Das Betreuungsgeld ist auch in der Regierungskoalition heftig umstritten. Es gilt als Zugeständnis an die CSU und ihren Parteichef Horst Seehofer.

Doch nicht nur beim Thema Kleinkinderförderung und Schul- und Berufsausbildung erregt der Bildungsbericht Missmut. Trotz stark gestiegener Erstsemesterzahlen und derzeit 2,4 Millionen Studenten an den Hochschulen hänge "der Bildungsweg in Deutschland noch immer viel zu stark vom sozialen Hintergrund ab", kritisierte für das Deutschen Studentenwerk dessen Präsident Dieter Timmermann.

Der Bildungsbericht belege, dass 77 von 100 Kindern von Eltern mit Hochschulabschluss an eine Hochschule gehen. Unter den Kindern von Eltern mit Hauptschulabschluss hingegen finden sich nur 13 von 100 an einer Hochschule ein. Damit führe Hochschulbildung in Deutschland nach wie vor "zu einer Art Statusvererbung von Akademikern". Wichtig sei es aber, alle begabten, jungen Menschen aus allen sozialen Schichten an die Hochschulen zu bringen.

cht

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insgesamt 22 Beiträge
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Seite 1
herr_kowalski 22.06.2012
1. Das ist genauso gewollt:
Zitat von sysopDPADer Bildungsbericht 2012 zeigt schonungslos, woran das deutsche Bildungswesen krankt: Es bietet zu vielen Benachteiligten zu wenig echte Chancen. Die Opposition fordert nun mehr Geld, mehr Ganztagsschulen - und den schnellen Abschied vom Betreuungsgeld. http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/0,1518,840458,00.html
Je ungebildeter ein Volks, desto leichter mit Parolen steuerbar. Brot und Spiele halt und wie Westerwelle sagte: spätrömische Dekadenz. Die legten allerdings genau wie bei uns auch bei den Römern die oberen 10.000 an den Tag und gingen deshalb in den Orkus.
caecilia_metella 22.06.2012
2. "Oben unten unten"
Es ist allerdings nicht so, dass jede, die lesen kann, auch das dringende Bedürfnis entwickeln muss, sich nach "oben" durchzuboxen, und das auch noch mit Kindern.
marypastor 22.06.2012
3. Mit mehr Geld
Zitat von sysopDPADer Bildungsbericht 2012 zeigt schonungslos, woran das deutsche Bildungswesen krankt: Es bietet zu vielen Benachteiligten zu wenig echte Chancen. Die Opposition fordert nun mehr Geld, mehr Ganztagsschulen - und den schnellen Abschied vom Betreuungsgeld. http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/0,1518,840458,00.html
und mehr Schulen werden Kinder auch nicht schlauer. In Deutschland besteht Schulpflicht. Jedes Kind kommt in eine Schule und hat die Moeglichkeit, diese zu durchlaufen und erfolgreif abzuschliessen. Die "Benachteilgung" sehe ich eher im Elternhaus von bildungsfernen und desintegrierten Familien.
rolandjulius 22.06.2012
4. Gleichberechtigung auch im Bildungswesen!
Die Steuereinnahmen werden von allen Buergern erbracht. Folglich haben alle Buerger das gleiche Recht um in den Genuss der öffentlichen Mittel zu kommen. Wer ist daran Schuld das dem nicht so ist? Die Ausreden sind stets endlos. Zwischenzeitlich wird aber die Zukunft Tausender junger Menschen verschaukelt. Sind wir ein Rechtsstaat,oder ein Land der Privilegierten? Also keine Demokratie? Unsere Nationalhymne sagt: Bruederlich Hand in Hand.. Wann endlich nehmen wir diesen Satz ernst?
event-horizon-2012 22.06.2012
5. Sicher
Zitat von marypastorund mehr Schulen werden Kinder auch nicht schlauer. In Deutschland besteht Schulpflicht. Jedes Kind kommt in eine Schule und hat die Moeglichkeit, diese zu durchlaufen und erfolgreif abzuschliessen. Die "Benachteilgung" sehe ich eher im Elternhaus von bildungsfernen und desintegrierten Familien.
Dann erklären sie mir bitte warum drei ausländische Kinder, die zu den 10 besten Schülern der Abschlussklassen der Grundschule gehörten, zwei haben sogar einen Buchpreis bekommen, nicht auf das Gymnasium durften. Erst nach Klageandrohung wurden sie notgedrungen zugelassen.
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