Ganz harte Schule Manchmal lieber die Klappe halten

Fragen Sie Ihre Kinder bloß nicht nach den Bundesjugendspielen - jedenfalls dann nicht, wenn Sie selbst in der Schule zu den eher mäßigen Sportlern gehörten. Armin Himmelrath hätte den Rat besser beherzigt.

Laufwettbewerb bei den Bundesjugendspielen (Archiv)
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Laufwettbewerb bei den Bundesjugendspielen (Archiv)


Die Eltern-Kolumne für Fortgeschrittene
  • Hier schreiben abwechselnd Armin Himmelrath, Birte Müller und Silke Fokken über das Leben mit Kindern zwischen dem ersten und dem letzten Schultag.

"Gibt's dieses Jahr bei euch eigentlich keine Bundesjugendspiele?", hatte ich eher beiläufig beim Abendessen gefragt. In meiner Schulzeit wurden die ansonsten ereignislosen Wochen zwischen Zeugniskonferenz und Ferienbeginn gerne mit diesem Wettbewerb gefüllt. Springen, Laufen, Werfen, dazwischen freie Zeit im Sonnenschein, und wer am Ende die Ehrenurkunden mit Unterschrift vom Bundespräsidenten bekam, stand auch schon vorher fest: Das waren immer Frank, Lothar und Kicki, die Sportskanonen.

"Meinst du dieses komische Sportfest, wo man dreimal hüpft, dann drei Stunden frei hat, dann so Lederbälle auf den Platz wirft, die von Fünftklässlern zurückgeholt werden müssen, und dann nach weiteren zwei Stunden Pause noch zweimal um den Sportplatz rennen muss?", antwortete mein jüngster Sohn mit vermutlich geheucheltem Interesse. "Wir haben nächste Woche nur ein Sportfest, so einen Unsinn machen wir nicht."

"Das ist kein Unsinn, und außerdem ist die Teilnahme für alle Schüler Pflicht. Ich weiß das, ich bin schließlich Bildungsjournalist", widersprach ich. "Wo ihr heute weder richtig rückwärts laufen noch auf Bäume klettern könnt, ist es ausgesprochen wichtig, wenigstens im Sportunterricht die basalen Bewegungsarten der Leichtathletik zu erlernen." Ich hörte mich an wie die Bundesfamilienministerin bei ihrem jährlichen Aufruf, in dem sie verzweifelt versucht, den Bundesjugendspielen einen modernen Anstrich zu geben.

"Du klingst wie eine olle Politikerin, die irgendwelche überholten Ideen als topmoderne Events verramschen will", sagte mein Sohn. "Außerdem darf ich dich daran erinnern, wer letzten Herbst beim Apfelpflücken nicht mehr vom Baum herunterkam und nur mithilfe von Alkohol den Mut zum Abstieg entwickelte." "Lenk nicht vom Thema ab", wiegelte ich schnell ab, "die Bundesjugendspiele..."

"...wurden von Carl Diem erfunden, der in der Nazizeit Sportpropaganda gemacht und schon die Reichsjugendwettkämpfe im Sinne eines vormilitärischen Trainings entwickelt hatte", fiel mir der 17-Jährige ins Wort. Er hatte sich offensichtlich vorbereitet, denn jetzt zog er einen etwas zerknickten Schnellhefter hervor.

"Ah, meine Schulurkunden!", sagte ich erfreut. Im selben Moment bemerkte ich den Fehler. "Ja, deine Schulurkunden", sagte mein Sohn langsam und mit spürbarer Vorfreude und fing an, den Hefter demonstrativ durchzublättern. "Freischwimmer... Fahrtenschwimmer...", murmelte er, "Fußgängerführerschein - oh: 'Armin bekam eine Schirmmütze der Verkehrswacht verliehen.' Respekt... und hier: Bundesjugendspiele. Siegerurkunde 1978... 1979... 80 bis 85 fehlen komplett, da warst du wohl richtig schlecht." Er grinste.

"Man konnte gar nicht richtig schlecht sein", sagte ich trotzig, "jeder bekam eine Teilnahmeurkunde, selbst dann, wenn es mal nicht so richtig lief."

Zum Autor
  • Jessica Meyer
    Armin Himmelrath, Jahrgang 1967, ist Bildungsjournalist, lebt im Rheinland und kommt mit seinen drei Söhnen (17, 19, 22) auf insgesamt mehr als drei Jahrzehnte schulische Elternerfahrung. Sein Lebensmotto: Gelassenheit. Gelassenheit. Gelassenheit, verdammt noch mal!

"Nicht so richtig lief?", machte er mich nach, "bei dir setzt offenbar schon Altersdemenz ein. Da läuft hier oben was nicht so richtig." Er tippte sich an die Stirn. "Es gibt Siegerurkunden für die einigermaßen Guten und Ehrenurkunden für die Cracks." "Frank, Lothar und Kicki", murmelte ich. Er: "Die Teilnahmeurkunden waren der Trostpreis für die ganz Schlechten. Scheinbar hat es bei dir nicht mal dafür gereicht."

Den ganzen Abend und die nächsten zwei Tage verbrachte ich mit der Suche nach meinen Teilnahmeurkunden aus den Jahren 1980 bis 1985. Ich fand mein altes Schulsporthemd (weißes Feinripp-Unterhemd mit aufgenähtem Schullogo), alte Klassenarbeitshefte mit peinlichen Gedichtinterpretationen (die ich sicherheitshalber sofort ins Bankschließfach brachte, zu dem mein Sohn keinen Schlüssel hat) und einen nicht weniger peinlichen Liebesbrief, den ich an eine Mitschülerin geschrieben, aber nie abgeschickt hatte (sofort verbrannt). Was ich nicht fand: die Teilnahmeurkunden.

Mein Sohn erkundigte sich jeden Abend nach dem Fortschritt der Suche. Er lächelte dabei maliziös, ersparte sich aber ansonsten seine Gemeinheiten und schaute mir nur gut gelaunt beim Suchen zu. "Ich hätte gar nicht gedacht, dass dich das so fuchst, du Schlaffi", sagte er nur einmal sehr zufrieden.

Am dritten Tag gab ich auf. Als ich ihm das mitteilte, nickte er nur wissend. Und sagte dann, nachdem er zwei Schritte zurückgegangen war: "Die Teilnahmeurkunden wurden übrigens erst 1991 eingeführt, fünf Jahre nach deinem Abitur. Ich dachte, als Bildungsjournalist würde man so etwas wissen."



insgesamt 89 Beiträge
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Dan Gerous 07.07.2017
1. Altersdemenz?
mein Sohn würde nicht auf die Idee kommen sich mir gegenüber an die Stirne zu tippen und mir Altersdemenz zu unterstellen. In jedem Fall gehen meine Kinder mit auf meine Laufrunden; dann klappts auch mit den Urkunden. Wie kann man sich nur über sowas banales wie Bundesjugenspiele gross Gedanken machen? Irgenwie jammer immer nur die Looser. Die Anforderungen an Ehrenurkunden sind nicht besonders hoch, man muss nicht Krack sein. Sollte sich nur regelmässig mal von der Couch weg bewegen. Aber irgendwie ist das auch keine wirklich neue Erkenntnis.
rocketsquirrel 07.07.2017
2. Sehr schön!
Werfen und Springen haben meine miserable Zeit beim 50 Meter Lauf ausgeglichen, zumindest in der Grundschule. Zum Glück hat es in der Sek 1 und Sek 2 den Quatsch nicht mehr gegeben. :)
benuron 07.07.2017
3. Wichtige Veranstaltung
Den Stellenwert der Bundesjugendspiele selbst Viertklässlern zu vermitteln, fällt als sportliche Eltern recht schwer, wenn einem der schlanke, athletische, boulderbegeisterte, zähe und ein wenig zu smarte Filius mitteilt, dass man Weitsprung im Sportunterricht nicht ein einziges Mal geübt hatte. Weitsprung ist also schon mal ein ziemliches Desaster und den ehrenamtlichen Helfern fällt es schwer überhaupt gültige Versuche zu bewerten. Schlagballwurf gehört ebenso zu den Disziplinen, die man etwas üben muss und wenn man zu den eher kleinen gehört, ist man da automatisch benachteiligt. Überhaupt wird in diesem Alter bei den Bundesjugendspielen zum größten Teil Körpergröße bewertet. Wenn die Sprößlinge dann mit 14 oder 15 vielleicht wirklich sportliche Leistungen abliefern könnten, sind sie von den vorhergehenden Spielen bereits so frustriert, dass sie nicht mehr viel Lust auf diese Farce haben. Ich werde also weiterhin versuchen, die Bedeutung dieses Schwachsinns vor meinen Kindern herunterzuspielen, um ihnen nicht den Spaß und die Lust an der Bewegung zu verderben.
stoffi 07.07.2017
4. Also
mein kleiner Enkel hatte letzte Woche sein erstes Sportfest der Grundschule. Weil meine Tochter mithalf, war ich zugegen, um Fotos zu machen. Bei herrlichem Sonnenschein fanden sich die Erst und Zweitklässler um 9 Uhr auf dem Sportplatz ein. Ein langer Tisch war aufgestellt, mit Obst Gemüse und Getänken, damit sich die Kleinen zwischendurch stärken konnten. Es begann alles mit Weitsprung, , dann Weitwurf und danach wurde um die Wette gelaufen. Gegen 11 Uhr waren die Kleinen fertig und die dritte und vierte Klasse kam. Die Kleinen hatten aber so viel Spass, das sie gar nicht gehen wollten. es wurde ein rundum schönes Sportfest. Die Urkunden bekamen die Kinder in der Woche darauf.
kangootom 07.07.2017
5. Bundesjugendspiele und Sport
Der Sohnemann hat die Bundesjugendspiele wie jede Sportwettkampfversanstaltung sehr gut beschrieben: Stundenlanges warten darauf, dass man zeigen konnte, wie gut man laufen, hüpfen oder werfen kann. Heute wie damal sehe ich diese Veranstaltung als Motivation für die sportlich guten Schüler, um die Defizite in den übrigen Fächern auszugleichen. Keiner außer diesen konnte sich für die Sportveranstaltung begeistern. Selbst die Tatsache, dass an diesem Tag der Unterricht ausfiel konnte über die Langeweile und das sichere Wissen, keine Urkunde zu bekommen hinwegtrösten. A propos Urkunde: Wieso brauchen Sportler ständig Urkunden und Medallien um ihre Leistung honoriert zu bekommen. Gab es jemals eine Urkunde für die beste Mathearbeit in der Schule? Diese Sportler sind schon eine bemitleidenswerte Gruppe, die ohne jubelnde Zuschauer, Abklatschen oder Urkunden ihre Daseinsberechtigung verlieren würden.
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