Unfall bei Projektarbeit Schüler sind auch außerhalb der Schule versichert

Wer zahlt, wenn es bei einem Schulprojekt zu Hause zum Unfall kommt? Das Bundessozialgericht in Kassel hat den Fall eines heute 20-Jährigen entschieden, der seit einem Sturz vor fünf Jahren im Rollstuhl sitzt.

Jochen Knoop am 12. Januar 2018 in Ludwigsburg
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Jochen Knoop am 12. Januar 2018 in Ludwigsburg


Es war der Bruchteil einer Sekunde, der das Leben von Jochen Knoop komplett veränderte: Nach einem Videodreh für eine Schulaufgabe wurde der damals 15-Jährige von einem Mitschüler angerempelt. Er stürzte mit dem Kopf auf den Bordstein. Ärzte retteten sein Leben. Seitdem sitzt der heute 20-Jährige im Rollstuhl. Doch die Unfallversicherung der Schule wollte nicht zahlen.

Nun entschied das Bundessozialgericht in Kassel den Fall des Schülers aus Steinheim an der Murr in Baden-Württemberg nach fünf Jahren Rechtsstreit. Demnach kann die Arbeit in schulischen Projektgruppen unter dem Schutz der gesetzlichen Unfallversicherung stehen. Das gilt auch außerhalb des Schulgeländes, wenn die Projektarbeit "schulisch veranlasst" war und die Gruppe von den Lehrern zusammengestellt wurde, wie das Gericht entschied (Az: B 2 U 8/16 R).

Schulprojekt oder Hausaufgabe?

Die entscheidende Frage in dem Verfahren war, ob der Videodreh außerhalb der Schule ein Schulprojekt oder eine Hausaufgabe war. Bei einer Hausaufgabe wäre der Vorfall unter die Verantwortung der Eltern gefallen - und nicht unter die der Schule. Deshalb lehnte die Unfallkasse Baden-Württemberg bisher eine Anerkennung ab. Jochen Knoops Anwalt, Michael Umbach aus Ludwigsburg, widerspricht: Es habe sich um eine schulische Veranstaltung gehandelt, die auf dem Lehrplan stand - der Junge sei demnach zu dem Zeitpunkt in der gesetzlichen Schülerunfallversicherung versichert gewesen.

Der Anwalt hält das Urteil für über den Fall hinaus bedeutend: "Schulische Projektarbeit wird es mehr und mehr geben", sagt er. Denn die Intention sei, dass Schüler eigenverantwortlich arbeiteten. "Man kann nicht Projektarbeit immer weiter ausweiten und das Gefährdungspotenzial für Schüler erhöhen und dann sagen, dass man sich der Verantwortung entzieht."

Es gab durchaus schon Urteile in vergleichbaren Fällen aus anderen Bundesländern, in denen zugunsten des Versicherten Recht gesprochen wurde. In Baden-Württemberg habe sich die Rechtsprechung nun auch im Sinne der Versicherten geändert. 2016 gab das Landessozialgericht Knoop Recht. "Das Wunder von Stuttgart" nennt Umbach das Urteil.

Wer ist verantwortlich?

Doch die Unfallkasse legte Revision ein. Laut Bundessozialgericht argumentierte sie, dass die Schule keine Möglichkeit der Einflussnahme auf den Dreh hatte. Daher liege dieser in der Verantwortung der Eltern des Opfers. Zunächst war vorgegeben, dass der Werbeclip während des Musikunterrichts auf dem Schulgelände gedreht werden sollte. Auf Bitten der Schüler erhielten diese von der Musiklehrerin die Erlaubnis, den Werbeclip auch außerhalb des Schulunterrichts im privaten Bereich zu drehen. Von dieser Möglichkeit machte die Hälfte der Schüler Gebrauch.

So trafen sich am 7. März 2013 auch Jochen Knoop und drei weitere Jungen bei einem der Mitschüler zu Hause, um den Clip zu drehen. Knoop war der Meinung, er werde gefilmt, während er mit einem Getränk aus der Haustür herauskam. Tatsächlich war der Akku des Aufnahmegeräts leer. Als er das merkte, verließ er wütend den Drehort in Richtung nach Hause. Einer der Mitschüler verfolgte ihn und rempelte ihn mit dem Ellenbogen an - Knoop stürzte.

Dass die Unfallkasse nicht zahlen wollte, macht den jungen Mann wütend. "Ich kann es nicht verstehen, Lehrer und Rektor haben selbst gesagt, es handelt sich um eine schulische Veranstaltung." Sein Leben habe sich durch den Unfall drastisch geändert: "Ich lag im Koma, meine Schädeldecke musste entfernt werden. Ich sitze nun überwiegend im Rollstuhl, besuche eine Schule für Körperbehinderte, brauche mehrmals die Woche Ergo- und Physiotherapie sowie Hilfe im Alltag", sagt er.

"Wir machen alle Wege für ihn"

Die Belastung trage bislang die Familie: Vater, Mutter und Bruder. Das sei enorm, sagt Mutter Elke: "Wir fahren Jochen umher, machen alle Wege für ihn." Laut Anwalt Umbach sind bisher allein der Familie Kosten "in einem guten fünfstelligen Bereich" entstanden. Es gehe aber um mehr: "Es müsste nicht nur medizinische Rehabilitation bezahlt werden, sondern auch zum Beispiel Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben, Leistungen zum Leben in der Gemeinschaft. Das trägt bisher die Familie in weiten Teilen allein."

Vom Schüler, der geschubst hatte, ist laut Umbach wenig zu erwarten: "In diesem Fall bringt der Anspruch gegen die Verursacher für die finanzielle Absicherung nichts", sagt er. Der Schüler habe eine Haftpflichtversicherung, die sich aber gegen mögliche Ansprüche wehre. Und so lange der Prozess mit der Unfallkasse lief, war der Rechtsstreit mit der Haftpflichtversicherung aus gesetzlichen Gründen ausgesetzt; sie muss in dieser Zeit nicht zahlen.

Jochen Knoop will in den nächsten drei Jahren sein Abitur machen. Weitere Operationen sind nötig. Ob sie dem 20-Jährigen helfen, ist nicht sicher.

mamk/dpa/AFP



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